Schon einmal stand das Ensemble von Amanda Piña & Daniel Zimmermann in Wien mit dieser Schau auf der Bühne des Tanzquartiers. Dieses Mal trat es im Volkstheater im Rahmen von Impulstanz auf und hinterließ bei einigen Zuseherinnen und Zusehern Verwirrung.

Ein Krieg wütet laut

Infernalischer Lärm begrüßt das Publikum beim Eintritt in den Saal. Eine brutale Soundwolke hüllt die Menschen ein. Viele verlangen nach den offerierten Ohrenstöpseln, zu unerträglich ist das Getöse, welches den Titel des Stückes „War“ auditiv wiedergibt. Dann plötzlich Dunkelheit und Stille. Als das Licht wieder angeht, erkennt man ein nicht allzu hohes Podest in der Mitte der Bühne. Links und rechts davon befindet sich je eine gespannte Leine, auf welcher Kostüme bereit gehängt sind. Eine große Leinwand begrenzt den Raum nach hinten.

In die Stille hinein werden Fotos von großen Vitrinen projiziert, in welchen sich Waffen und Uniformen aus dem ersten Weltkrieg befinden. Das, was zu sehen ist, ist museale Vergangenheit. Nichts desto trotz kommen kollektive Erinnerungen an das Grauen dieser Zeit hoch.

Amanda Piña, Choreografin und Tänzerin, ihre Kollegin Alexandra Mabes und Pascual Pakarati betreten das Podest und unterhalten sich, dem Publikum abgewandt, über die gezeigten Bilder.

Die allgegenwärtigen Kriegsbedrohungen

Das Setting – so erschließt es sich später – versinnbildlichte die Vorgangsweise, die der Produktion zugrunde liegt. Eine tänzerische Reflexion auf kriegerisches Geschehen von gestern und heute. Eine Reflexion, die sich schließlich in Choreografien im Stil der polynesischen Tänze Hula, Hoko, Haka und Tamuré zeigen. Insgesamt rund 10 Tänze wird das Publikum zu sehen bekommen, wobei vor jedem einzelnen eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern erklärt, welchem Thema der jeweilige Tanz gewidmet ist. Nach oder manches Mal auch während der Choreografien lässt sich der Text, den die Performenden zum Teil singen oder sprechen, auf Englisch, auf die Leinwand projiziert, nachlesen.

War – Amanda Pina – Daniel Zimmermann (c) nadaproductions

Der Einstiegstanz war dem Untergang der Lusitania gewidmet. 1915 wurde das Passagierschiff von einem deutschen U-Boot vor der Südküste Irlands versenkt. Als Vorbote zu einem Krieg, der die Welt erobern würde, bezeichneten die beiden Tänzerinnen dieses Ereignis während ihrer ersten Darbietung. Schon mit diesem Statement machte nadaproductions klar, dass das, was an diesem Abend gezeigt werden würde, in keiner sagenumwobenen Vergangenheit der Osterinseln lag und der gezeigte Tanz somit auch nicht aus einer Jahrhunderte alten Überlieferung stammte. Auch wenn die sanften Beugungen und Drehungen der Tänzerinnen und die markanten Armbewegungen zum Teil aus dem Bewegungsrepertoire der Tänze Polynesiens stammten.

War – Amanda Pina – Daniel Zimmermann (c) nadaproductions

Im darauffolgenden Auftritt zeigte sich Pascual Pakarati in weißer Kriegsbemalung mit Federkopfschmuck, Lendenschurz und Bastringen an den Beinen. Sein Kriegstanz blieb der einzige, von dem man annehmen konnte, dass er nicht erst im 20. Jahrhundert choreografiert worden war. Es folgten ein Hula, der den europäischen Arbeiterkämpfen und Frauenrechten gewidmet war, sowie ein weiterer Tanz, der ein somalisches Sprichwort versinnbildlichte. Darin wurde der Kampf zwischen Bruder und Schwester, zwischen Familie und Clan bis hin zu jenem einer Nation gegen die ganze übrige Welt dekliniert. Der Krieg gegen die allgegenwärtige Überwachung, der Beschuss einer afghanischen Hochzeit mit einer amerikanischen Drohne, die Inhaftierung von Hannah Berger im Nationalsozialismus und ihr persönlicher Kampf gegen das Regime – all diese und weitere unter die Haut gehenden Themen wurden von Mabes, Piña und Pakarati Szene um Szene tanzend visualisiert.

Alles nur fake-dance?

Wer sich ungeachtet dieser Themata noch immer in einer folkloristischen Darbietung wähnte, wurde spätestens bei dem anschließenden, inszenierten Künstlergespräch eines Besseren belehrt. Die souverän agierende Elisabeth Tambwe „interviewte“ dabei Pakarati, der zu verstehen gab, dass die Tänze seiner Heimat, die auf der Osterinsel den Touristen gezeigt werden,  erst in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts kreiert wurden. Sie entstanden als Antwort auf die Nachfrage der Urlauber, die bei den Vorführungen der bis dahin gezeigten Hokotänze zum Teil eingeschlafen waren. Diese dienten ursprünglich dazu, die Männer dabei in einen Trancezustand zu versetzen. Kurzerhand entschloss man sich, das choreografische Repertoire zu ändern und so zu gestalten, dass das Publikum damit zufrieden gestellt werden konnte.

War – Amanda Pina – Daniel Zimmermann (c) nadaproductions

Die stille Verwandlung der Diskutierenden durch eine der Tänzerinnen, ergab am Ende der Vorstellung ein Schattenbild, das sie so zeigte, als wären sie selbst Ureinwohner aus Polynesien. Während des Gesprächs wurde den Diskutanten dafür ein Kostümteil nach dem anderen angelegt, ruhig, und ohne die Diskussion dabei zu stören. Ausgestattet mit Bastkrausen und Federkopfschmuck boten sie schließlich jenes Bild, dass sich Touristen aus aller Herren Länder über die Einwohner Polynesiens tatsächlich auch heute noch machen.

„War“ – ein Kriegstanz – arbeitet mit zwei grundsätzlichen Themenbereichen. Zum einen ermöglicht die Arbeit, sich Kriegsschauplätze, -vorbereitungen, oder auch –nachwirkungen durch kurze, höchst illustrative Sequenzen vor Augen zu führen. Dabei wird deutlich, dass die Bedrohung von Leib und Leben, die davon ausgeht, über die Jahrtausende gleich geblieben ist. Was sich geändert hat, sind lediglich die technischen Mittel.

Zum anderen zeigt die Produktion auf, dass historische Tanz-Überlieferungen nur dann tatsächlich lebendig bleiben, wenn sie nicht in einem vorgegebenen Formalismus verharren. Tradition, die sich nicht ständig erneuert, kommt einmal an einen Punkt an, an dem sie nicht mehr weiter gegeben wird, oder an dem sie nur mehr einen folkloristischen Charakter aufweist. Ob das Publikum dies goutiert oder nicht. Mit einem fake-dance, um einen gewissen Amerikaner zu zitieren, der mit „fake“ alles belegt, war ihm nicht bequem ist, haben die Choreografien von Pascual Pakarati und Amanda Piña rein gar nichts zu tun. Sie sind der lebendigste und kreativste Ausdruck einer hoch gehaltenen Tanztradition, die für sich damit in Anspruch nehmen darf, sich ganz auf der Höhe unserer Zeit zu präsentieren.

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