vor 4 Monaten veröffentlicht

Endzeitstimmung in Jerusalem

Verkohlte Leichen, eine abgebrannte Häuserruine, ein Baugerüst – das ist das Endzeitstimmung verbreitende Bühnenbild von „Nathan der Weise“ im Volkstheater.

Denise Heschl und Jakob Brossmann haben gemeinsam ein apokalyptisches Surrounding geschafften, in dem Nathan um sich und seine Ziehtochter Rachel zu kämpfen hat. Eine Umgebung, die alles andere als eine schöne Zukunft verheißt.

In einer höchst schlüssigen Regie von Nikolaus Habjan tritt der in Jerusalem als weise und reich bezeichnete Jude zu Beginn mit einem Koffer vom Zuschauerraum auf die Bühne. Dort blickt er am eisernen Vorhang hoch, stützt sich mit ausgebreiteten Armen gegen ihn und lässt spüren, dass er weiß, welches Ungemach ihn gleich erwarten wird.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Nikolaus Habjan © www.lupispuma.com

Die visualisierte Familientragödie

Und tatsächlich kündet das Knistern von Feuer von jenem Hausbrand, in dem seine Frau und seine sieben Söhne ums Leben kamen. Als der Vorhang hochgeht, ist das physische Inferno  zwar schon beendet, Nathans psychisches beginnt aber erst. Anders als bei Lessing macht Habjan die Katastrophe sichtbar und lässt den vor Schmerz brüllenden Mann die Überreste seiner Familie mit weißen Leichentüchern bedecken.

Die Drehbühne, nach der Eingangsszene in Gang gesetzt, zeigt in ihren dahinter angeordneten Segmenten jedoch auch keine prächtigen Behausungen. Nathan bewohnt mit Rachel und Daja, Rachels Gesellschafterin, ein Ruinenloch zu ebener Erde, der Sultan Saladin herrscht darüber mit seiner Schwester Sittah in zwei Räumen mit eingestürzten Mauern und ohne Dach. Lediglich der Eingang zum Patriarchenpalast hat sich mit seiner steinernen Einfassung noch eine Art Restwürde erhalten. Das Bühnenbild macht von Beginn an die Leseweise Habjans von Lessings letztem Stück deutlich. Verbrannte Erde erzeugt in einer Gesellschaft kein frisches Grün.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Nikolaus Habjan © www.lupispuma.com

Ein bequemes Heim gibt es für niemanden

Gábor Biedermann als sich seiner Macht bewusster Sultan residiert mit seiner Schwester in einer ehemals höfischen Umgebung – ein kleiner Schachtisch und zwei historische Holzstühle zeugen vom früheren Glanz seines Hofes. Der hartherzige, entmenschlichte, greise Patriarch von Jerusalem – von Habjan geschickt in Puppenform mit überdimensionalen Spinnenfingern und einbandagierten Händen dargestellt – wird aus seinem Haus, einer Festung, im Rollstuhl ganz vor an die Bühnenrampe geschoben, sodass seine Worte suggestiv und eindringlich ins Publikum schwappen. Der junge Tempelritter (Christoph Rothenbuchner), der von Saladin als einziger seiner Truppe begnadigt wurde, müht sich vergeblich an einem Baugerüst ab, ohne dass irgendwelche erkennbare Baufortschritte zu bemerken wären, in tarngrünem Outfit mit versengter Jacke.

Katharina Klar hat als Recha mehrere beeindruckende Auftritte. Gespenstisch ferngesteuert erscheint sie zu Beginn, noch sichtlich unter dem Schock des mit knapper Not überlebten Brandes. Ein Haarbüschel, das Nathan voller Entsetzen in seiner Hand hält, nachdem er sie wieder in seine Arme schließen konnte, zeugt von der tiefen, seelischen Erschütterung, welche diese lebensbedrohliche Situation in der jungen Frau hinterlassen hat. Später, als sie erfährt, dass Nathan nicht ihr leiblicher Vater ist, geht sie von einem Weinkrampf, der realistischer nicht dargestellt werden kann, über in ein Trotzverhalten, wie man es von Kleinkindern kennt. Wild schreiend und am Boden strampelnd, will sie sich der Realität nicht stellen.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Nikolaus Habjan © www.lupispuma.com

Eine sichtbare, innere Stimme

Habjan wäre nicht Habjan, hätte er sich mit einer einzigen Puppenfigur zufrieden gegeben. Er stellt seinem Nathan ein Alter Ego zur Seite, das es ermöglicht, seinen inneren Dialog anschaulich mitzuverfolgen. Die innere Stimme, wer kennt sie nicht, ist für Nathan, den Denker, der sich nur auf seine eigene Kraft und Intuition, auf seine eigene soziale Geschicklichkeit und Schläue verlassen kann und will, überlebensnotwendig. Erst, als „der Knoten gelöst ist“, er die familiären Zusammenhänge niederschreibt und damit alle Beteiligten von Unschuld aber auch Schuld befreit, verschwindet sein zweites Ich. In Habjans Version ist es Nathan selbst, der die Genealogie von Rachel und ihrem Retter verschriftlicht, ob er sie dabei aus dem Arabischen übersetzt oder seine eigene Fassung zu Papier bringt, bleibt dabei offen.

Die treffsichere Besetzung stellt Claudia Sabitzer als Daja, in der Rolle der naiv-schlauen Gesellschafterin Steffi Krautz als Saladins Schwester Sittah gegenüber. Beide haben nicht nur das Vorankommen ihrer Lieben im Auge, sondern auch ihr eigenes, wenngleich sie mit unterschiedlichen Mitteln an die Durchführung ihrer Unternehmungen gehen. Sabitzer vermittelt den Eindruck einer höchst impulsiv agierenden Glucke, während Krautz sich nur scheinbar der männlichen Dominanz ihres Bruders unterwirft, ihn aber über weite Strecken mit ihrem kühlen Intellekt manipuliert.

Eine Paraderolle für Günter Franzmeier

Stefan Suske agiert als Klosterbruder und Spitzel – des Patriarchen – wider Willen  höchst warm und menschlich. Ihm nimmt man das Unbehagen an seiner Situation ab und versteht, nach dem Drohauftritt des Patriarchen, seine missliche Lage. Für Günter Franzmeier ist Nathan eine absolute Paraderolle. Dabei changiert er in seiner Gefühlslage zwischen tiefster Verzweiflung und geschicktem Widerstand. In der Ringparabel-Szene, als er vom Sultan sogar körperlich bedroht wird, hat man sogar Angst, ihn in jedem Moment in die Tiefe stürzen zu sehen.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Nikolaus Habjan © www.lupispuma.com

Mit dem letzten Bild, in welchem alle Beteiligten, außer Nathan, umsinken und reglos liegen bleiben, kippt Habjan das harmonische Ende von Lessing ins Gegenteil. Er schaut den Figuren dabei tief in ihre innere, psychologische Gefühlslage, die, nach der Eröffnung der Verwandtschaftsverhältnisse, tatsächlich nur desaströs sein kann. Sein Schluss endet nicht, wie bei Lessing, in einem psychologisch höchst verschwurbelten Harmoniebad. Recha ist es, die am längsten der Botschaft ihrer Herkunft regungslos standhält, bis auch sie, mithilfe Nathans, niedersinkt. Die weißen Leichentücher, mit welchen dieser die Körper bedeckt, lassen den Schluss zu, dass sie alle gestorben sind. Metaphorisch könnte Habjan aber auch die seelischen Vorgänge der Personen damit beschreiben. Nathan verbleibt als einziger, gebeugt, seinen Kopf in Händen haltend, auf den Ruinenstufen sitzend. Schließt man den Bogen zu seinem allerersten Auftritt vor dem eisernen Vorhang, so könnte man die Geschichte auch als eine von ihm retrospektiv erzählte, deuten.

Ein subtiler Farbcode zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse

Dass Denise Heschl die Kostüme auch mit einem gewissen Farbcode versehen hat, ist nur ein kleiner Hinweis, der aufzeigt, wie durchwoben durchdacht diese Inszenierung ist. Ihre Recha trägt ein weißes Shirt in Anlehnung zu Nathans weißem Hemd, und der Bund ihres Blumenrockes knüpft an das grüne Work-Outfit ihres Bruders an, wie auch an die Mantelrobe ihrer Tante Sittah, wenngleich diese in einem satten, seidigen Glanz damit auch ihre Machtposition unterstreicht.

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing – Regie Nikolaus Habjan © www.lupispuma.com

Habjan schafft den Spagat, mit dem Originaltext von Lessing eine Brücke ins Heute zu schlagen, ohne dabei die Lessing´sche Grundidee der Religionsegalität zu demontieren. Eine wunderbare Idee ist die unaufdringliche Übertitelung in Englisch und Arabisch. Dass sich viele junge Menschen unterschiedlicher Herkunft und geprägt von unterschiedlichen Religionen dieses Stück ansehen, ist zu wünschen.

Weitere Termine auf der Website des Volkstheater.

Categories Theater

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