Odilon Redon in der Schirn

Wenn der Künstler leidet, darf sich auch das Publikum nicht freuen
redon-ausstellungsansicht1Eigentlich sollte es Besuchern und Besucherinnen die auch nur ein wenig mit kunsthistorischer Bildung vorbelastet sind bewusst sein, dass eine Ausstellung mit Arbeiten von Odilon Redon keine heitere Stimmung aufkommen lässt. Kann sie auch gar nicht, war doch der Künstler jahrelang fast ausschließlich damit beschäftigt, seine Phantasien und Träume bildhaft aufzuarbeiten und weiterzugeben. Und wissen wir doch alle selbst aus unseren Traumerinnerungen, dass wir uns zwar noch nach Jahren bestens an Einzelheiten aus Alpträumen, jedoch äußerst selten an gelungene Urlaubsträume, angesiedelt in den warmen Gefilden der Südsee erinnern. So zeigt sich auch die Traumseelenlandschaft Redons tatsächlich nicht von einer heiteren, sondern von der düsteren und beklemmenden Seite. Mischwesen aus Tier- und Mensch, Fratzen oder verunstaltete Körper gehören zum Standardrepertoire des Künstlers. Dass aber auch ein sperriger Künstler, wie Redon einer ist, sehenswert sein kann, zu dieser Erkenntnis trägt die Ausstellungsgestaltung herzlich wenig bei.

Die Ausstellung folgt einem braven, didaktischen Muster, welches die Bilder thematisch – chronologisch aneinanderreiht, was sich einerseits als leicht ermüdend darstellt und andererseits nicht immer zu einer stringenten Erkenntnis beiträgt. So fällt man gleich zu Beginn im ersten Raum in ein Frühwerk des Künstlers, in welchem er jedoch noch keineswegs originär oder visionär auftrat. Es handelt sich um ein Werk mit mythologischem Hintergrund ohne Verweis auf Redons spätere Traumfokussierung. Schade um diesen „prominentesten“ Platz, noch dazu, wo der Rang, welchem dem Bild mit der Positionierung zugebilligt wird, diesem nicht zukommt. So, als wollte die Kuratorin, Margret Stuffman, ihre Vermittlungsaufgabe auch wirklich mustergültig erfüllen, werden im direkten Anschluss eine Reihe von Arbeiten anderer Künstler gezeigt, die Redon entweder bewusst als Vorbilder wahrgenommen hat oder welche die Thematik des alptraumhaften Grauens ebenfalls beschäftigte, ohne dass es Querverweise zu dem Franzosen gibt.

 

Die spärliche Beschriftung und die unbefriedigenden Informationen aus dem Audioguide erhellen das Gezeigte nicht wirklich. Auf diese Weise verpufft der Einstieg in die Darbietung lau und lässt zumindest die Hoffnung aufkommen, dass sich das Dargebotene wohl steigern muss. Das tut es dann auch, allerdings allein ob der großen Anzahl an Ausstellungsobjekten. Die Präsentation selbst jedoch enttäuscht bis zum Schluss, etwas später mehr darüber. Voyeristisch nähert man sich nach dem laschen Einstieg im zweiten Raum den schwarzen Blättern, um auf dem einen oder anderen Bild Grauen zu finden, das vom Genre des Gruselfilmes längst weit überboten wird.

Doch zumindest ist dies nun die Welt des Odilon Redon, auf die man gefasst war. Verblüfft – und das wiederum ist die Stärke der Ausstellung – findet man aber auch eine ganze Reihe von Gemälden die Redon nach seiner schwarzen Phase geschaffen hat und findet sich wieder in pastelligen Farben, die sich auf Blumensträussen ausbreiten oder einer kräftigen Farbskala die einer Bildreihe von Booten und Schiffen beigegeben wurde.

 

Doch die helle Farbigkeit und der erste Blick, was die Blumenstücke anlangt, trügen. Die Sträuße zu Redons Zeit hätte die Natur alleine damals nicht so hervorbringen können. Frühlingshaftes ist mit Herbstlichem in einem vertrauten Nebeneinander vereint, so als seien die Pflanzen ganzjährig verfügbar gewesen. Das Jetzt weist auf das Zukünftige und doch auch gleichzeitig auf das Vergangene, je nachdem von welcher Position es gesehen wird. Langsam lösen sich auch hier Fabelwesen und verschiedene Gesichter aus den Bildern, so bleibt Redon auch in seinen auf den ersten Blick konventionellen Naturstücken rätselhaft. Besonders überraschen aber die verschiedenen Bildvarianthen zum Thema „Der Triumphwagen des Apoll“ die, wollte man sie mit nachvollziehbaren Attributen beschreiben, als spärisch bezeugt werden können. In unglaublich leicht wirkenden Farbaufträgen gelingt es Redon, die Fahrt des Apoll durch die Lüfte als tatsächlich jeder Erdenschwere enthobene aufzuzeigen.

Leider bleibt der Schwenk vom Traumhaften hin zum Mythologischen weitestgehend unkommentiert, sodass man sich genötigt sieht, nach der Ausstellung selbst in die Redonliteratur einzutauchen. Der letzte Raum zeigt, durch Wiedergabe auf originalgroßen, gedruckten Postern, die Fresken, die Odilon Redon für das Kloster Fontfroide bei Narbonne in den Jahren 1910/11 fertigte. Diese Arbeiten mit den Titeln „Die Nacht“, „Der Tag“ und „Die Stille“ beeindrucken und zeigen auf, dass es Redon gelang, seine Kunst kulminativ bis in seine letzten Jahre hin zu erarbeiten.

Untermalt wird dieses optische Erlebnis, das aber leicht an eine günstig produzierte Ausstellungsaufgabe einer Gymnasialoberstufe erinnert, mit einem Klavierkonzert vom Band. Dass diese akustische Untermalung nicht nur in diesem Raumabschnitt, sondern schon in den beiden davor zu vernehmen ist, ist nicht verwunderlich, gibt es doch keine richtige räumliche Trennung, sondern lediglich eine Stellwand, welche den Eindruck eines geschlossenen Raumes erwecken soll. Sonderbar, wie Ausstellungsmacher reale Gegebenheiten offenkundig idealisiert wahrnehmen – anders ist eine derartige Installation nicht zu verstehen.

Den Besuchern und Besucherinnen, die schließlich im letzten Raum angekommen sind winkt Labung in Form einer ausladenden Sitzmöglichkeit, die in den Räumen zuvor jedoch schmählich vermisst wurde. Den nach Ruhephasen sich sehnenden Füßen- entschuldigen Sie den Ausrutscher in die absoluten Untiefen einer üblichen Ausstellungswanderung – wird bis auf diese Möglichkeit leider wenig geboten.

Gewiss, es gibt zum erholsamen Ausstellungsbesuch Klappsesselchen, die man sich unter den Arm klemmen kann, um diese dann ganz nach Lust und Laune in den Räumen vor jenen Bildern aufzuklappen, die man länger betrachten möchte. Allerdings gelingt dies nur hart gesottenen Ausstellungsbesuchern und -besucherinnen, ohne dass sie dabei von dem Gefühl heimgesucht werden, stets deplatziert mitten im Raum zu sitzen und zumindest ein subjektiv vermeintliches Hindernis für die anderen Museumsbesucher abzugeben.

Aber sei es drum, hat man das Glück, gleichzeitig mit einer Führungsgruppe die Ausstellung zu besuchen, kommt man ohnehin nicht in diese Versuchung, da die Sesselchen dann von dieser belegt sind und man sich schon freuen darf, wenn man diese nomadierenden, campingbestuhlten Kunstinteressenten, welche sich meist kreisförmig um die Führerin oder den Führer niederlassen, störungsfrei umgehen kann. Leider hat diese Unsitte in den bundesdeutschen Museen landauf landab bereits Fuß ober besser gesagt Stuhl gefaßt, was aber nicht bedeutet, dass dies durch diesen Umstand gut zu heißen ist. Ein weiteres Ärgernis, welches weit schwerer wiegt ist, dass, bis auf die Tafel mit den wichtigsten biographischen Daten im Vorraum zur Ausstellung, die Begleittexte, die erhellend wirken könnten, nur entweder via Audioguide oder mittels Katalog erfahrbar werden.

Dies lässt das Gefühl aufkommen, dass die Verantwortlichen der Ausstellung darauf bedacht sind, das Informationsmanko der Besucher erst durch das vermehrte Zücken deren Geldbörse ausgleichen zu wollen. Ist man nicht gewillt, entweder 3 Euro Audiogiudegebühr oder 29,80 Euro für den Katalog auszugeben, bleibt der Erkenntniswert – bis auf den optischen, den die Bilder selbst hergeben – mehr als dürftig. Schließlich fällt dem interessierten Besucher auch auf, dass einige Nummern, neben den Bildern, welche die Ansagetexte des Audioguides angeben, mehrfach vorkommen.

Dies bedeutet im Klartext: ein und derselbe Text werden bei unterschiedlichen Bildern verwendet. Warum dies so ist, ist zwar nicht ganz einsichtig, mag aber seine tieferen Gründe haben. Die quantitativ opulente Schau weist aufgrund der vielen Leihgaben eine nicht unerhebliche optische Störung auf, die durch die unterschiedlichen Rahmungskonzepte zustande kommt. Sensiblen Ausstellungsmachern sollte dies auffallen und sie dazu veranlassen, hier korrigierend einzugreifen.

Gelungen in der Präsentation sind einzig und allein die Gruppen von Lithographien. „Dans le Rêve“ (Im Traum) von1879, dem Titelgeber der Schau, „À Edgar Poe“ von1881 und „Les Origines“ (Die Ursprünge) von 1883 hängen dicht und dennoch übersichtlich. Kurioses noch zum Schluss: ein Teil des Aufsichtspersonals der Schirn beherrscht die Kunst der Ablenkung von der gebotenen Präsentation perfekt. Wurde ich doch im Laufe meines Durchganges darüber unfreiwillig informiert, dass es zwischen den einzelnen Damen und Herren gewisse Spannungen gibt, die zwar nicht für außen stehende Ohren gedacht sind; aber, und dafür sollte der geneigte Besucher schon Verständnis zeigen, wo, wenn nicht am Arbeitsplatz, sollen sich die Angestellten denn sonst darüber unterhalten! Schenkt man diesen laut getuschelten Aussagen Glauben, bräuchte ein zeitgenössischer Redonepigonge gar nicht auf eigene Alpträume zurückgreifen. Würde er doch im Alltag von gemobbtem Museumspersonal ohne weiteres fündig.

Fazit: Durch eine dürftige, didaktische Aufarbeitung und eine lieblose Hängung wird hier eine Chance vergeben, Redon über einen eingeweihten Zirkel hinaus einem interessierten Publikum erhellend näher zu bringen. Mit genügend Vorkenntnissen, bequemem Schuhwerk und dem Willen durchzuhalten, bietet die Ausstellung dennoch einige Erkenntnisse und vor allem einige Stücke sehenswerter Kunst.

Infos: Ausstellungsbeschreibung Schirn

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