Die schöne, alte Glastüre knarzt ein wenig, wenn man sie öffnet. Einmal eingetreten, befindet man sich ad hoc in einer anderen Welt. Im ersten Raum, gleich rechts neben der Türe, auf ein Podest gestellt, überragt ein langes, schwarzes Theaterkostüm jeden Gast. Hoch an den Wänden kann man ein zum Teil freigelegtes Umlauffresko erkennen – das einen belehrt, man könne es nicht allen Menschen recht machen. Draußen vor der Türe fährt die Straßenbahn vorbei und tag- täglich sicher tausende Autos. Drinnen aber ist man in einer anderen Zeit. Die Rede ist an dieser Stelle vom L.E.O. in der Ungargasse 18 in Wien. Die Abkürzung selbst steht für Letztes Erfreuliches Operntheater und ist vielen WienerInnen seit Langem ein Begriff. Was hier geboten wird, ist Unterhaltungskultur der besonderen Art. Wer Musik und Humor gleichermaßen liebt, wird sich hier rundum wohl fühlen.


Im Saal selbst, der mit einer Freizeit evozierenden Bestuhlung mit türkisen Gartensesseln aufwartet, gibt es für die besser betuchte Kundschaft, oder solche, die gerne ein Stockerl höher sitzt als die anderen, eine geräumige Loge, in der zusätzlich ein Gläschen Sekt zur Erbauung kredenzt wird. Aber auch ohne dieses kann man sicher sein, einen vergnüglichen Abend zu erleben. Erwähnenswert, dass selbstverständlich nicht nur die Kunst, sonder auch das leibliche Wohl zu seinem Recht kommt: Wer mag, nimmt sich die kredenzten Schmalzbrote mit in die Vorstellung und spült mit dem einen oder anderen Achterl auch gleich nach.

Derzeit erleben gleich zwei Produktionen im L.E.O. ihre Wiederaufnahme. Die erste trägt den vollmundigen Titel „Die Leberknödelparade“ und wird von Elena Schreiber und Stefan Fleischhacker zum Leben erweckt. Andreas Brencic komplettiert die beiden am Klavier. Diese Revue ist – mit Ausnahmen – eine Zusammenstellung von Liedern hauptsächlich der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, komponiert und/oder getextet von jüdischen Schriftstellern als da waren Karl Farkas, Bela Lasky, Hermann Leopoldi, Fritz Wiener und andere mehr. Und gleich zu Beginn zeigt sich, worum sich an diesem Abend alles dreht: Mit Oma-Hut und Trachtenjackerl schlüpft Schreiber in die Rolle einer sich an ihre Jugend erinnernde Frau in den besten Jahren um feststellen zu müssen: „Ach einmal nur, was liegt daran – wie gemein ist so ein Mann!“ Dass Fleischhacker die männliche Sicht auf das Liebesthema einbringt – no na – dass dabei genauso viel gelacht werden darf: Gott sei Dank! Seine Interpretationen vom Durchschnittsmann auf Brautschau, des ungarischen Gesangstars Bolas Nagy Feketem, der seine Rosi – als schönstes Weib vom Ungarnstamm in „Reim dich oder ich hau`dich Manier“ besingt, seine Interpretation des Bobbie Taussig aus Aussig, der angesichts eines wallenden Busens falsch in die Tasten greift oder von Beppi Fleischstrudel, der sich seine Liebste nach deren Leberknödelkochkünsten aussucht, macht richtig, richtig Spaß.

Egal, in welche Rolle Elena Schreiber auch schlüpft, sie überzeugt mit ihrem komödiantischen Talent genauso wie mit ihrer Stimme. In der Persiflage auf die ehemalige Kammersängerin Elisabeth Schwarzkopf, in der sie den klingenden Namen Elisabeth Weißfuß trägt, darf sie mit Gebetshaltung die höchsten Töne in der Einleitung und im Abgesang mit ihren Stimmbändern fahrstuhlmäßig anvisieren oder in der „Verzwickten Verwandtschaft“ sich selbst zu ihrer eigenen Großmutter konstruieren.

Interessant bei den „Verzwickten Verwandtschaftsverhältnissen“ ist die Genese dieses Liedes. Verzeihen Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Einschub darüber, aber ich bin von der Geschichte so fasziniert, dass ich ihnen diese Information nicht vorenthalten möchte. Es ist noch nicht lange her, dass ich auf einen Country-Song aufmerksam wurde, der exakt denselben Inhalt sein Eigen nennt und den Titel „I´m my own grandpa“ trägt. In Österreich wird die Urheberschaft dieser wunderbaren Verwandtschaftsverhältnisode Hugo Wiener zugeschrieben und wahrscheinlich erstmals in einer Simpl Revue im Dezember 1959 aufgeführt. Wie schon erwähnt, gibt es jedoch diesen Text – wenngleich mit anderer Melodie und aus der Sicht eines Mannes gesungen, sodass dieser zum Schluss sein eigener Großvater wird, schon mehr als ein Jahrzehnt länger. Er wurde von den Amerikanern Dwight Latham und Moe Jaffe geschrieben und 1947 vom Duo Lonzo und Oscar das erste Mal gesungen. Ein Jahr danach avancierte es in einer anderen Bandzusammensetzung zum absoluten Hit. Dass sich die Verwandtschaftskonstruktion aus einer wahren Begebenheit herleitet, die es 150 Jahre zuvor sogar in die Zeitung schaffte, ist einer jener wunderbaren Beweise, dass sich jedes auch noch so krude und versponnen wirkende Geschehen nicht nur in der Fantasie, sondern tatsächlich auch im realen Leben abspielt. Da sich die Geschichte eins zu eins auch im Text von Hugo Wiener so zuträgt wie im amerikanischen, zuvor publizierten Lied, ist anzunehmen, dass er es sich zum Vorbild nahm, geschickt übersetzte, die Hauptperson ins andere Geschlecht verwandelte und mit einer gänzlichen neuen Melodie versah. Ob dies mit einem Plagiatsvorwurf zu versehen ist, soll uns hier überhaupt nicht tangieren. Interessant ist ich die Vorgangsweise aber allemal, zeigt sie doch einmal mehr, dass auch die größten Geister sowohl in der Literatur als auch in der Musik gerne auf schon vorhandenes Material zurückgriffen. Wobei die Umschreibung ins Weibliche als auch die neue Komposition schon eine Leistung an sich darstellen. Und köstlich unterhaltsam sind die „Verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse“ auch ohne dieses Hintergrundwissen.

Mit den „lustigen Holzhackerbuam“ – als Kasperltheater vorgeführt, die sich ihre umweltverschandelnden Blödigkeiten auch noch tolldreist vom Katastrophenfond bezahlen lassen oder der Familiengeschichte der Nowkas aus Prag, die sich vor der Katastrophe der NS-Herrschaft in alle Herren Länder träumten um nach ihrer Vertreibung exakt dort auch in einer weniger romantischen Welt wiederzufinden, bringen Schreiber und Fleischhacker auch ein wenig Sozialkritik in die Vorstellung, wenngleich mit einem unglaublichen Augenzwinkern, das Lachstürme hervorruft. Mit einer wunderbaren Pfeifarie nach Giacomo Mayerbeer verabschiedet sich Stefan Fleischhacker alias Baron Emil von Pfiff vom staunenden Publikum und präsentiert sich dabei als einer jener wenigen Kunstpfeifer, die heute noch dieses einst so gefragte Können verfügen.

Mit „Bist du deppert“ präsentiert das L.E.O. in dieser Spielzeit noch einen zweiten Revueabend, allerdings in anderer Besetzung. Da sind es Antonia Lersch und Werner Riegler, die in die Untiefen der menschlichen Seele eintauchen. Der psychiatrische Krankenpfleger und die ehemals im Sozialdienst tätig gewesene Sängerin und Pianistin präsentieren in diesem „Basismodul“ dem p.t. Publikum in ihrer überaus charmanten, herzerwärmenden und Lachmuskel strapazierenden Art „Fälle“ von Schlawinern, mit viel „Buttern am Kopf“ oder die Kopflosigkeit des Verliebtseins, das nie mit „Gscheitsein“ einhergehen kann. Riegler interpretiert genauso witzig, ganz in eine stoische Pose versunken, bei der er ungelenk am seinem Rocksaum nestelt, hinreißend den einst von Heinz Rühmann bekannt gewordenen „Frauenherzenbrecher“, der so stürmisch und so leidenschaftlich ist und erschreckt die Damen und Herren durch sein „Nachtgespenst“, bei dem er einen ausrangierten Vorhang über dem Kopf trägt. Mit Schlagern wie „Ich kann essen, was ich will, ich nehm` nicht ab!“ oder dem bekannten Gassenhauer „Ach Egon“, aus einem Spielfilm der 60er Jahre lässt Antonia Lersch ihrem schauspielerisches Talent freien Lauf, genauso wie in einem „Spielduett“ mit Riegler, in dem sie als Frau die Hosen anhat und ihren babybetreuenden Mann nächtens öfter nach wichtigen Sitzungen sternhagelvoll mit ihrer Heimkunft beehrt. Wie sehr die Zuseherinnen und Zuseher den beiden an den Lippen hängen, beweisen sie mit ihrem Schlussduett, in dem sie der Frage nachgehen, warum die Kuh beim Melken immer muht. Wenn sie das wissen möchten, dann sei ihnen diese Vorführung an Ihr wertes Herz gelegt. Sollten Sie aber dieses „Basismodul“ schon gesehen haben oder der Meinung sein, stärkerer Tobak aus der Welt der psychischen Befindlichkeiten ist für Sie leicht zu ertragen – dann nix wie hin zu „Psycho 2“ – der Nachfolgeveranstaltung, die in diesem Monat noch einige Male zu sehen sein wird.

Die Zeitungsseiten, mit welchen einer der Durchgangsräume tapeziert ist, können auch gerne als Einstimmung für die wunderbare Welt des Humors gelesen werden, welche in diesem Theater präsentiert wird. Ist dort doch in Artikeln, die vor sechs Jahren erschienen, allen Ernstes zu lesen, dass man die Bankenkrise im Griff hätte!

Das L.E.O. ist ein besonderer Abend-Veranstaltungstipp für alle WienbersucherInnen. Mit einem Beisl-Besuch davor oder danach – in der Ungargasse gibt es in unmittelbarer Umgebung einige noch urtümliche Wiener Gasthäuser – auch für Kurzurlaube bestens geeignet.

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