Verdammt sei der Krieg

Blutrote Schlachtfelder, fliegende alte Kisten mit waghalsigen Piloten und eine schmachtende Geliebte, die ins Kloster geht, nachdem ihr Liebster im Krieg gefallen ist. Der Film „Maudite soit la guerre“, ein film-muikalisches War Requiem, wie es im Untertitel heißt, kam einen Monat vor Kriegsbeginn im Jahr 1914 in die Kinos. Gedreht wurde der Stummfilm von Alfred Machin, der darin die Sinnlosigkeit und die Kriegsgreuel schonungslos offenbart. Dass sein Werk ein Gegenpol zur geschönten Kriegspropaganda sein würde, mit der Millionen von jungen Männern in den Tod geschickt wurden, konnte der voraussehende Regisseur damals noch nicht wissen.

Die Komponistin Olga Neuwirth kann man schon als Spezialistin für Filmmusik bezeichnen, stammt doch bereits eine ganze Reihe von Vertonungen zu Spiel- Dokumentar- und eigenen Filmen von ihr. Mit der vorliegenden Arbeit, die bei Wien Modern im Gartenbaukino ihre Österreichische Erstaufführung erlebte, schuf Neuwirth jedoch erst die zweite Musik zu einem Stummfilm. „Symphonie Diagonale“ – ein Experimentalfilm aus dem Jahr 1923 – war diesbezüglich ihre erste Probe. Erst vor wenigen Tagen erklang das Werk ebenfalls anlässlich des Festivals im Konzerthaus.

Die Handlung von „Maudite soit la guerre“ – verdammt sei der Krieg –  ist rasch erzählt. Zwei junge Männer aus benachbarten Ländern führt die Leidenschaft für die Fliegerei zusammen. Der eine verliebt sich in Lidia, die Schwester seines Freundes, muss aber das Land verlassen, als der Krieg ausbricht. Wenig später erschießt er nicht wissend den Bruder seiner Verlobten im Kriegswahnsinn und kommt bei dem darauffolgenden Racheakt selbst ums Leben.  Lidia zerbricht am Tod der Männer und geht ins Kloster.

Kolorierte Bilder von Jugendstilinterieurs und alten Flugzeugen

Das Ciné-concert lebt einerseits von den eindrucksvollen Bildern, die zum Teil nachkoloriert wurden. Diese partielle Einfärbung bietet einen ästhetischen Hochgenuss. So erschienen oft nur die handlungstragenden Personen einer Gruppe in Farbe, während die anderen in Schwarz-Weiß zu sehen waren. Aber auch vereinzelte blassrosa Blumendolden, die blassblaue Schürzen der Klosterschwestern oder eine grüne Wiese brachten die ästhetischen Geschmacksnerven zum Kitzeln. Aufregend, fast voyeuristisch ist der Blick 100 Jahre zurück in Wohn- und Büroräume, die noch mit reinsten Jugendstilmöbeln ausstaffiert waren. Interessant war die Vielfalt jener Flugobjekte, die heute allenfalls noch in gut ausgestatteten technischen Museen zu bestaunen sind – wenn überhaupt.

Andererseits lebt der Film aber auch vom subtilen Neuwirth´schen Soundlayer, der rundum, von der ersten bis zur letzten Minute, überzeugte. Man könnte hier eins zu eins jenen Kritiker zitieren, der zur Filmmusik von Paul Dessau im Jahr 1928 einst jubelte: Endlich neue Musik im Kino! Die Komponistin versteht es, viele kleine musikalische Zitate geschickt zu platzieren, ohne dass diese ein so starkes Gewicht bekämen, dass darunter die Aufmerksamkeit und damit die optische Wahrnehmung leiden würden. Das beginnt schon in den ersten Takten, bei welchen man sich an die herkömmlichen musikalischen Klavieruntermalungen erinnert fühlt, die bei Chaplin oder Buster Keaton-Filmen üblich waren. Schon nach wenigen Tönen wird diese Musik jedoch drastisch verzerrt und verfremdet, obwohl damit eine kleine Familienzusammenkunft illustriert wird, die noch in Friedenszeiten unbekümmert am Esstisch stattfinden darf.

Der Film benötigt nur ganz wenige Untertitel.

Das Gros der Handlung erklärt sich durch das expressive Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler, die jedes auch noch so kleine Gefühl in ihren Gesichtern ausdrücken konnten. Ein Umstand, der sie später, als der Tonfilm aufkam, massenweise arbeitslos machte. Zu lächerlich wirkten dort ihre Mimik und ihre Gesten und nur wenige konnten sich mit der neuen Situation anfreunden und ihren schauspielerischen Ausdruck den neuen Gegebenheiten anpassen. Neuwirth untermalt Gespräche im Wirtshaus, wenn Bier aufgetragen wird, anders, als zwischen der Mutter und ihrer wehklagender Tochter. Wird der einen Szene kräftiges Blech beigemischt, ist die junge Lidia meist mit schmeichelnden Geigenklängen „sprechend“ unterwegs. Spannung wiederum drückt das Ensemble durch ein Flirren im hohen Geigenregister aus, Gespräche, die der Kriegsstrategie dienen, sind mit einer markanten Trompetenmelodie unterlegt. Diese zieht sich durch den ganzen Film. Wenngleich mit Abwandlungen, ist sie jedoch gut wieder erkennbar. Immer dann, wenn es um aktuelles oder erinnertes Kriegsgeschehen geht, wird sie hörbar. Kleine liedhafte Einsprengsel markieren trautes Familienglück – bis hin zur kurzen Wahnvorstellung des sterbenden Bruders, in der er noch einmal seine Familie sieht. Zweimal zitiert Neuwirth mit dem Naturtonklang c’-g’-c’’ den Beginn von Richard Strauss` „Also sprach Zarathustra“ und nach dem Tod der beiden Soldaten erklingt für wenige Augenblicke ein Trauermarsch. Kurz vor Schluss ist fast kürzelhaft Bachs Choralthema „Jesus bleibet meine Freude“ zu hören. Zu jenem Zeitpunkt, als sich Lidia bereits ins Kloster zurückgezogen hat, um dort ihre Ruhe zu finden. Immer dient Neuwirths Musik dazu, das Geschehen auf der Leinwand zu unterstreichen, nie, es zu übertrumpfen. Das Ensemble 2e2m mit dem Dirigenten Pierre Roullier und der Sounddesignerin Christina Bauer waren maßgeblich an dem Erfolg des Abends beteiligt. Die große Bandbreite der Instrumentierung, aber auch Einspielungen von elektronischen Klängen erzeugten ein großes und dichtes musikalisches Netz. Den Schluss lässt die Komponistin mit zarten, eingespielten Klängen verhauchen. Dass das Publikum berührt war, zeigte die lange Stille, die dem Konzert vor dem Applaus folgte.

Links:

Alfred Machin
Olga Neuwirth
Ensemble 2e2m
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