Open for everything

Open for everything bei den Wiener Festwochen (Photo: Thomas Aurin)

Der Titel der ersten großen Produktion im Tanzquartier, die bei den heurigen Wiener Festwochen zu sehen ist, lautet „Open for everything“. Ein Slogan, den Menschen immer dann verwenden (müssen), wenn sie sich in Situationen befinden, die eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit verlangen. Wer nicht flexibel ist, ist unbeweglich. Und Unbeweglichkeit führt unweigerlich zur Einzementierung eines Status quo. Dieses Gefühl einzementiert zu sein und ausbrechen zu wollen war wohl eine der Hauptmotivatoren von insgesamt 17 Menschen, Roma und Romni, die sich bei Constanza Macras für das Stück beworben haben. Die argentinische Choreografin bezeichnet Roma als „Europäer wie andere auch, nur mit einem besseren Rhythmusgefühl“ und setzt genau an diesem Punkt mit ihrer Arbeit an. Mit einem Teil ihres Ensembles DorkyPark macht sie sich mit ihrer ausgewählten Ethno-Truppe, die sie auf ihren Reisen in den Osten Europas gecastet hat, auf eine Erkundungstour, die sowohl in die Menschen selbst blicken lässt, als auch ihre äußeren Lebensumstände zu beschreiben versucht.

Von Live-Musikern begleitet, begeben sich die Tänzerinnen und Tänzer zwischen 12 und 56 Jahre alt auf ein Abenteuer, das sich als ihr eigener Bühnenauftritt manifestiert und in dessen Verlauf sie teils ihre eigene Geschichte erzählen, von ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart, aber auch von ihren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Sie beleuchten aber auch punktuell die Geschichte ihrer Vorfahren – wie zum Beispiel in jenem Hinweis auf ihre Ausbeutung während der NS-Zeit, als man sie teilweise aus den Konzentrationslagern holte, um Zwangsarbeit zu verrichten. Die Hauptarbeit der Informationsübermittlung an diesem Abend übernimmt jedoch nicht die Sprache, sondern das Medium des Tanzes. Durch ihn gelingt es, das Leben der Akteurinnen und Akteure unverkitscht und unsentimental streiflichtartig zu beleuchten, mit all den Höhen und Tiefen, die ein Menschenleben an sich hat.

Eine kleine Wellblechhütte verortet das Geschehen im unbestimmten Nirgendwo – auf alle Fälle jedoch dort, wo es garantiert keinen Wohlstand oder gar Reichtum gibt. Ein kleines Auto, aus dem zu Beginn die gesamte Truppe laut gestikulierend und durcheinanderredend wie auf Kommando quillt, ein ausgestopftes Zebra und ein kleines Wasserbecken – mehr ist nicht notwendig, um einen Raum zu schaffen, der die Menschen in einer Umgebung zeigt, die sich nicht wesentlich von jener unterscheidet, aus der sie tatsächlich kommen. Im rechten Bühnendrittel wechseln Fotoprojektionen von trostlosen Wohnsilos, nackten Wänden von Innenhöfen bis hin zu einer poetisch-romantischen Landschaft am Wasser im Mondenschein. Fotos, die beim Publikum einen Gefühlsdualismus auslösen. Einen Dualismus, zwischen dessen Polen sich all das abspielt, was Roma in unserer Gesellschaft erleben. In diesem Spannungsbogen treffen Vorurteile auf Tatsächlichkeiten, erdachte und erträumte Freiheit auf erlebte Repression, Lebensfreude auf Perspektivenlosigkeit. Oft bleibt schon bei den Jungen nach Abschluss der Pflichtschuljahre nichts als die Erkenntnis, dass da niemand ist, der sie brauchen kann. Nicht die Wirtschaft und nicht die Armee – alle Plätze sind bereits besetzt. Genau dieses Thema besingt einer der jungen Männer, während er sich dabei selbst auf der Gitarre begleitet und man spürt, er singt, was er selbst erlebt und denkt.

Es ist nicht der einzige Moment, der an diesem Abend nachdenklich stimmt. Wie aber auch die anderen versinkt dieser Augenblick nicht in unendliche Traurigkeit, sondern lässt noch Raum für etwas, was sich gegen die Schicksalsdeterminierung des Verlierens auflehnt. Ob Frauen von ihren Männern erzählen, die im Gefängnis gelandet sind, weshalb sie nun alleine für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen oder ob es der Älteste ist, von Beruf Volksschullehrer, der bedauert, dass er seinen Kindern und Enkelkindern die Sprache der Roma – Romanes – nicht mehr beigebracht hat, ob es die auf der Bühne vor Publikum ausgesprochenen Zukunftsängste sind oder getanzte Gewalttätigkeiten gegenüber Kindern und Frauen – es gibt kein noch so beklemmendes Szenario, das sich nicht im nächsten Moment in überschäumender Lebensfreude amalgamiert oder einfach weggetanzt wird.

Constanze Macras lässt keine durchgehende Geschichte erzählen, sondern viele einzelne, die sich dennoch zu einem Stimmungsbild verweben. Zu einem Stimmungsbild, in welchem die Emotionen in all ihren möglichen Höhen und Tiefen ausgelebt werden. Sie kreiert dabei ein „Sittengemälde“, in welchem es keinen roten Faden gibt, dem die Roma einfach gefahrlos folgen könnten. Und so entsteht ein Puzzle, in welchem sich jede und jeder bedingungslos durch das Leben kämpfen muss. Durch ein Leben, das nicht nur die ganz persönlichen Herausforderungen bereithält, sondern ein Leben, das den Roma dazu noch all das überstülpt, was es an Vorurteilen und Benachteiligungen gegenüber einer ungeliebten Minderheit anzubieten hat.

Oft werden ihre Körper dabei kollektiv oder einzeln von Schauern heimgesucht, geschüttelt und gebeutelt, so als hätte der oder die Einzelne keine Kontrolle mehr über sich. Genauso oft jedoch formieren sie sich auch auf der Bühne, um gemeinsam zu tanzen, als ob es kein Morgen gäbe. Voll Leidenschaft, als gelte es, das Elend des Hier und Jetzt auszublenden. Folklore, klassische Musikzitate und Poprhythmen wechseln dabei ohne Berührungsbrüche ab. Es gibt keine Art von Musik, die sich nicht zum Tanzen eignet und die sich diese Menschen nicht aneignen könnten. Oder ist auch das ein Vorurteil?

Open for everything ist kurz zusammengefasst ein großes Stück Hoffnung. Hoffnung für all jene, die daran teilgenommen haben. Hoffnung aber auch, dass das Publikum, das frenetisch applaudierte, endlich jenen Einhalt bietet, die gerade drauf und dran sind, diese Hoffnungen im Keim zu ersticken.

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