Von der Unvernunft, sich gegen den Tod zu stellen

Von der Unvernunft, sich gegen den Tod zu stellen

von | 14. Juni 2021 | Oper

Michaela Preiner

Oper Graz – „Der Korridor“ Birtwistle (Foto: © Werner Kmetitsch)

14.

Juni 2021

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike hat den britischen Komponisten Harrison Birtwistle mehrfach beschäftigt. Die letzte Arbeit aus einer Reihe von insgesamt vier Stücken, „Der Korridor“, war ein Auftragswerk des Aldeburgh Festivals und wurde 2009 dort uraufgeführt.
Die Oper Graz brachte das Werk nun in einer Kooperation mit der KUG in Österreich zur Erstaufführung. Die 50-minütige Kurzoper passt perfekt in unsere Zeit. Vielen Menschen rund um den Globus blieb aufgrund der Pandemie das schmerzliche Abschiednehmen von Familienmitgliedern oder Freunden nicht erspart, aber auch ganz abgesehen von diesen Tragödien ist das Thema Tod und Trauer ein uns ständig begleitendes.

Wie aber verhalten wir uns in unserem Leid, wenn wir andere verlieren? Wie verhalten sich jene, die im Bewusstsein sind, bald sterben zu müssen, ihren Nächsten gegenüber? Der Librettist David Harsent schärft den Blick auf den mythologischen Stoff und hinterfragt im Moment des Erkennens, voneinander für immer lassen zu müssen, auch  psychologische Facetten, die bislang wenig Beachtung fanden. Um dies zu erreichen, erhält Eurydike die Fähigkeit zu sprechen und lässt dabei tief in ihre Seele blicken.

Oper Graz – „Der Korridor“ Birtwistle (Foto: © Werner Kmetitsch)

Gepaart mit der klugen Inszenierung von Marlene Hahn unter der nicht minder klugen dahinterstehenden Dramaturgie von Lisa-Christina Fellner verschärfen sich dabei die Fragen rund um das Abschiednehmen und den Tod hin zur Erkenntnis, dass der Tod etwas ist, das einem ganz alleine gehört und mit dem man sich beschäftigen muss, um ihn annehmen und mit ihm fertig werden zu können.

Orpheus wird im Libretto als „The Man“ und Eurydike als „The Woman“ bezeichnet – ein Hinweis darauf, dass Birtwistle und Harsent den Stoff nicht im historischen Umfeld belassen.
Die dunkle Bühne, von schwarzen Steinen bedeckt, lässt einen kleinen Korridor frei, auf dem Orpheus dem Ausgang aus der Unterwelt zustrebt. Verbunden mit einem roten Seil – als wäre dieses eine Art Nabelschnur des Lebens – zieht er Eurydike hinter sich her. Diese wehrt sich mehr, als dass sie ihm freudig folgt, wohl ahnend, dass das Unterfangen nicht gut ausgehen wird.

Tatsächlich bereitet ihr die fehlgeschlagene Befreiung letztlich nur noch mehr Schmerz. Entreißt doch der Götterschwur sie ein zweites Mal ihrem Geliebten und muss sie doch ein zweites Mal sterben und zurück in die Unterwelt. Im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem soeben Geschehenen, welche Eurydike und Orpheus noch gegönnt ist, werden die Motive und die charakterlichen Entwicklungen beider Figuren durchleuchtet.

Oper Graz – „Der Korridor“ Birtwistle (Fotos: © Werner Kmetitsch)
Oper Graz – „Der Korridor“ Birtwistle (Foto: © Werner Kmetitsch)
Jene von Eurydike, die ein zweites Mal sterben muss, sich dabei jedoch erstaunlicherweise emanzipiert und jene von Orpheus, der – erfolgsverwöhnt – sich unvernünftig dem Naturgesetz des Sterbens entgegenstellt, um letztlich an ihm zu scheitern. Es ist dieser neue Blickwinkel auf den antiken Stoff, der extrem fasziniert und große Gedankenfenster zu neuen, möglichen Interpretationen öffnet.

Der Einsatz eines Diaprojektors aus dem vorigen Jahrhundert zeigt Erinnerungsmomente an eine Liebe, die so nicht mehr besteht. Aber auch die ersten Zeichen der Verwesung auf Eurydikes Gesicht, die Orpheus nicht wahrhaben will, werden in einem Close-up sichtbar. Ihre Verwandlung von einer aus dem Leben gerissenen Braut hin zu einer bacchantisch angelegten Figur, die ihrem Höllengang freudig in einer grellroten Abendrobe entgegen tanzt, bis hin zu einer geläuterten Frau, ohne wallendem Haar und in hautfarbener Unterwäsche kein Objekt sexueller Begierden mehr, wird durch die Kostüme von Silke Fischer, die für die gesamte Ausstattung zuständig ist, sichtbar.

Elisabeth Stemberg und Mario Lerchenberger verkörpern glaubhaft jenes Liebespaar, das in dieser Oper weder physisch noch auf der emotionalen Ebene zusammenkommt. Beide lassen ihre Figuren sowohl stimmlich als auch im theatralischen Ausdruck gleichermaßen stark wie zerbrechlich erscheinen. Beide meistern mühelos die schwierigen, atonal angelegten Passagen. Dabei wird Orpheus von einer Harfe begleitet, die alles andere als einschmeichelnd eingesetzt wird. Eurydike hingegen interagiert mit dem gesamten Ensemble – Musizierenden der Studienrichtung Performance Practice in Contemporary Music (PPCM) – wobei sowohl die Flöte als auch die Klarinette ihr eine weibliche, musikalische Attitüde verleihen. (Violine Jacobo Hernandez Enriquez, Viola Anastasiia Gerasina, Violoncello Vita Peterlin, Flöte Jennifer Seubel, Klarinette Cristian Molina Avila, Harfe Hitomi Ishimaru)

Oper Graz – „Der Korridor“ Birtwistle (Foto: © Werner Kmetitsch)

Julian Gaudiano agiert souverän am Pult und lässt Birtwistles Klangmuster durchscheinend hörbar werden. Selbst in den dramatischen Phasen ist kein klangliches Pathos zu erkennen, vielmehr bleiben die Schmerzmomente, die das Grazer Ensemble gekonnt auditiv umsetzt, klar und schlank.

Beim zurecht langen Premierenapplaus war dem Ensemble die Freude, wieder auftreten zu dürfen, in die Gesichter geschrieben.

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