Im Burgtheater wird geschunkelt

Schwarzbraun ist die Haselnuss – schwarzbraun bin auch ich! Dieses schunkelanimierwütige Volkslied, das im alpenländischen Sprachraum wohl jeder kennt, erklingt gleich mehrfach in der neuen Peter Turrini-Produktion am Burgtheater. Es ist nur eines von jenen plakativen Stilmitteln, die der Regisseur Christian Stückl als zusätzliche Überhöhung von Turrinis ohnehin gehaltvoller Sprache einsetzt. Ein Aufruf zum Loslassen und Heile-Welt-Imitieren, wo es doch schon längst keine heile Welt mehr gibt.

Der Tonhof bei Maria Saal als literarische Inspiration

„Bei Einbruch der Dunkelheit“ ist eine Auftragsarbeit, die Peter Turrini 2005 für das Stadttheater Klagenfurt fertigstellte. Als Hommage zu seinem 70. Geburtstag feiert es nun in Wien fröhliche Urstände. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn gelacht wird viel in dieser – zumindest im ersten Teil – schrägen Farce. Der Autor erinnerte sich darin an seine Zeit als Jugendlicher am Tonhof, einem Ort, in dem die damalige Crème da la Crème des österreichischen Literaturbetriebes ein und aus ging. Thomas Bernhard zum Beispiel, dessen Destruktionswut sich in der Figur von Vinzenz, einem jungen, pickelgesichtigen Literaten wiederfindet. Er ist nicht der einzige Künstler, der sich von der Mäzenin des Hauses, einer Gräfin mit „Bindestrich-Namen“ aushalten lässt. An seiner Seite beleben noch Philippe – ein Komponist mit Schreibhemmung und zugleich Schwiegersohn der Gutsbesitzerin, sowie der Maler Giuseppe die Szenerie. Sie alle leben ihre künstlerischen Attitüden ungeniert in vollem Umfang aus, werden sie doch von der Gräfin – die sich ausschließlich mit Frau Schwarz anreden lässt – selten gemaßregelt.

Die alte Dame, die von ihrer Tochter Claire und dem „Familienrechtsanwalt“ für unzurechnungsfähig erklärt werden soll, lässt ihren Gästen auf ihrem Besitz in Kärnten so ziemlich alles gewähren, nur eines nicht – Schweigen. Barbara Petritsch als „Frau Schwarz“ ist die personifizierte Herrschsucht, deren Starrköpfigkeit, theatralische Flatulenzen aber vor allem ihr Wunsch zur unausgesetzten Konversation so manchen Lacher des Abends bereithalten. In rot-schreiender Fettrobe und wippender Grauhaar-Stehfrisur stakst sie, wenn sie nicht auf ihrem Peddingrohr-Gartenstuhl thront, an zwei roten Walking-Stöcken über die Bühne und straft immer wieder jene Lügen, die ihr eine Demenz unterschieben wollen.

Je schriller, je besser und das, obwohl Anton Tschechow Pate stand

Stückl, umtriebiger Theatermann in München, der in der Vergangenheit bereits einige Wienerfahrungen sammelte, inszenierte das Stück ganz nahe an einer Freak-Show. Dabei unterstützt ihn vor allem Markus Meyer als exaltierter Komponist Philippe – bitte mit Betonung auf dem zweiten i! Sein ungebrochener Hang zur Darstellung seiner sexuellen Befindlichkeiten amüsiert kolossal, aber Kopulationen, Theaterblut und Fäkalsprache erschrecken heute niemanden mehr. Mehrfach wechselt er an diesem Abend das Kostüm und bildet dabei intensiv die ganze schauspielerische Bandbreite zwischen kernigem Jodelbua bis hin zu schwarzer Engel-Drag-Queen ab. Sven Dolinski in der Rolle des Literaten und Laurence Rupp als Maler können da rollenbedingt schwer mithalten obwohl auch sie aufs Schockieren und Randalieren aus sind. Gerade die linolschnittartige Formung der Figuren, die nur ein Schwarz-Weiß der Charaktere zulässt, hebt das Turrini-Stück aus seiner national und regional begrenzten Ursuppe. Nicht zuletzt auch aufgrund der geschickt eingeflochtenen literarischen Verweise. Anton Tschechow bot mit seinen Stücken „Die Möwe“ (das Motiv des Theaterspiels im Garten), „Der Kirschgarten“ (die Parzellierung und der Verkauf von Grund) und „Drei Schwestern“ (das Sehnsuchtsmotiv, den Ort zu verlassen, mit dem Ausruf „nach Moskau, nach Moskau“) ein Grundgerüst, das Turrini mit seiner eigenen Handlung füllt.

Dorothee Hartinger als Claire in schwarz-glänzendem Catsuit beeindruckt vor allem in ihren letzten Szenen, in welchen sie sich anschickt, ihr naives Gutmenschentum abzulegen und zu einer würdigen Nachfolgerin ihrer despotischen Mutter zu werden. Von ihr noch zuvor als „Idiotin des Schönen“ beschimpft, emanzipiert sie sich schließlich mit einer charakterlichen Kehrtwendung um 180 Grad. Elisabeth Augustin als rotbezopftes, ältliches Hausmädchen Else erlebt immer wieder Genugtuung durch den Triumph ihres umfassenden „Kreuzworträtselwissens“ und Falk Rockstroh in weißer Altherrenperücke als Jurist Dr. Meier-Waldhof steht dem Treiben belustigt bis schockiert gegenüber. Wunderbar jene Szene, in der er das Wesen der Kunst ganz im Sinne einer romantischen Verklärung des 19. Jahrhunderts dem Publikum hinter einem aufgestellten Tisch-Pult näher bringen möchte. Dann aber letztgenanntes Requisit als Schild zwischen sich und dem randalierenden Philipe verwenden muss, um seinen tätlichen Angriffen standhalten zu können.

 Sprache, Kunst und die Rolle eines Außenseiters

„Bei Einbruch der Dunkelheit“ ist nicht nur ein Stück, in dem schillernde Charaktere vorgeführt werden, die sich zu einem Essen samt Konversation eingefunden haben. Vielmehr offenbart es unterschiedliche Sprachmuster und zeigt generell auf, was Sprache mit und aus Menschen macht. Es ist gleichzeitig ein Stück über zeitgenössische Kunst und geht darin den Fragen nach, welche Formen diese heute angenommen hat und wozu sie eigentlich noch gut ist. Es ist ein Stück, das in jenem Nachkriegsösterreich spielt, in welchem die Nazis landauf und landab wichtige Ämter innehatten. Zwar verweist Turrini dabei explizit auf Kärnten „alle Richter in Kärnten sind Nazis“, zugleich aber auch darauf, dass Kärnten überall ist. Es ist ein Stück über Macht und deren Missbrauch. Aber es ist auch ein Stück über die Hoffnung, über die Lebensfreude, über das ganz Schwarze im Menschen und auch das Weiße. Und – nicht zu vergessen, es ist auch ein Stück über das Theater selbst.

Der jugendliche, fettleibige Alois Mitteregger (Matthias Hecht und Sebastian Kranner spielen diese Rolle alternierend) ist ein Alter Ego von Turrini. Er steht stumm und beobachtet das verrückte Szenario rund um ihn herum. Bis auf wenige Minuten, in welchen er aufgefordert wird, seine Gedichte vorzulesen, hält das Buch keinen weiteren Text für ihn bereit. Die Rolle des Außenseiters billigt sich der Autor auch heute noch zu, wenngleich er einer der meist gespielten Autoren im deutschen Sprachraum ist und damit auch in den Kanon der zeitgenössischen Klassiker aufgenommen wurde.

Homepage des Burgtheaters: www.burgtheater.at

Peter Turrini in Wikipedia

Christian Stückl in Wikipedia

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