Kleine Kinder und große Weltprobleme

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Der wohl bekannteste Ausspruch von Erich Kästner ist der letzte Satz in der Inszenierung von „Pünktchen und Anton“.  Derzeit im Kasino am Schwarzenbergplatz, der Burgtheater-Außenstelle, zu sehen. Cornelia Rainer ist nicht nur für die Regie, sondern auch für eine neue Dramatisierung verantwortlich.

In ihrer Fassung führte sie die Figur des „Schriftstellers“ in das Geschehen ein. Unschwer ist zu erkennen, dass damit Erich Kästner selbst gemeint ist. Die soziale Kritik, die auch in „Pünktchen und Anton“ vorkommt, ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass der Autor, der mindestens zwei Kindergenerationen literarisch prägte, derzeit wieder vermehrt im Kulturgeschehen auftaucht. In dem 1931 erschienen Roman lässt er zwei unterschiedliche gesellschaftliche Klassen aufeinandertreffen. Die reiche Familie Pogge, in der die „Pünktchen“ genannte Tochter wohlbehütet aufwächst, trifft auf Frau Gast und ihren Sohn Anton. Antons Mutter wurde operiert und muss immer wieder ins Krankenhaus, sodass während dieser Zeit Anton sich in der ärmlichen Wohnung selbst überlassen ist.

Rainer arbeitet bei den Kindern mit Mehrfachbesetzungen. Bei der Premiere schlüpften Adriana Gerstner und Florian Klingler in die Titelrollen. Adriana gab ein hinreißend quirliges Pünktchen, dem ihre gesamte Familie inklusive der Kinderfrau, Fräulein Andacht, nicht Herr wird. Adina Vetter durfte in dieser Rolle ihr komödiantisches Talent zum Einsatz bringen. Vor allem ihr Vertauschen der Vorsilben ver-, ge- und be- war das ganze Stück über nur zu verzücklich! Die Überzeichnung der Charaktere, die viel zum Verständnis von Pünktchens Nöten beitragen, sind für das Ensemble ein Geschenk.

Dirk Nocker, der als Pünktchens überspannter Vater überzeugt, nervt seine Haushälterin, Frau Berta (Brigitta Furgler), mit der beständigen Frage nach seinen Tabletten. Zwei Tage vor Premierenbeginn erkrankte Sylvie Rohrer, die seine Ehefrau spielen sollte. Christina Cervenka, die als Kindermentorin bei der Produktion mitarbeitete, sprang ad hoc ein. Ihre Performance wirkt alles andere als improvisiert. Mal mit Migräne behaftet, mal in Eile auf dem Weg zum Theater, mal besorgt um ihre Tochter, mal ihrem Mann gute Ratschläge erteilend, saß jede Geste und jeder Satz. Sie bewies mit diesem Auftritt nicht nur Nervenstärke, sondern auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Herausragend, wohl auch da er neben seiner Rolle als Schriftsteller noch zig andere verkörpert, agiert Martin Schwab. Ob als Wachtmann oder als Penner, ob als Chauffeur oder Krankenpflegerin – sein Spiel der so unterschiedlichen Persönlichkeiten macht Riesenspaß. Dabei genügt ihm ein veränderter Tonfall oder ein kleines Kostümattribut und schon schlägt der Theaterzauber von Neuem zu.

Rainer nutzte beinahe die gesamte Bühnenbreite. (Bühne Stefan Wallensteiner und Dominik Hofmann) Der Grundriss der beiden gegenüberliegenden Wohnungen ist am Boden markiert – ein Hinweis auf jenen gezeichneten Wohnungsplan, den Fräulein Andacht im späteren Verlauf der Geschichte für ihren Liebhaber Robert erstellen wird. Robert Reinagl, wie ein Strizzi mit Hut, Einstecktüchlein und rosa Sakko als Frauenverführer herausgeputzt, darf am Ende der Vorstellung in einer ganz anderen Verkleidung die Kinder herzlich zum Lachen bringen. Was das ist, wird hier allerdings nicht verraten. Ein hoher Kühlschrank, ein Bett mit Bettzeug, ein großer Tisch mit Sesseln, ein schwarzes Klavier – damit wird die Pogge-Wohnung markiert. Gegenüber ein Bett, zu Beginn sogar ohne Matratze, ein kleiner Eiskasten und ein Sessel, das ist alles, was Familie Gast hingegen aufzuwarten hat. Der schwarze, große Mülleimer vor ihrer Bleibe markiert das schlechte Viertel, in dem sie wohnt.

Die Regisseurin erzählt die Geschichte zu Beginn in langsamem und gut nachvollziehbarem Tempo. Gut so, denn es dauert eine Zeit, bis man sich auf das gleichzeitige Geschehen von allen Beteiligten auf der Bühne eingesehen hat. Durch die permanente Sichtbarkeit der beiden Wohnungen kann das Leben bei den Pogges und jenes bei den Gasts parallel beobachtet werden. Florian Klinger kämpft als Anton für sich und seine Mutter ums nackte Überleben. Mit feinem Sinn für Zwischentöne gelingt dem Jungen die Darstellung von Verzweiflung und Angst, aber auch einer noch jugendlichen Ausgelassenheit, als er mit Pünktchen in wildem Galopp über die Bühne fegt. Sein Schulkamerad und zugleich Erzfeind, Klepperbein, hat eine gänzlich andere Strategie, um mit dem Leben im Großstadtdschungel umzugehen. Merlin Miglinci schlendert breitbeinig seinem Widersacher entgegen und hat großen Spaß daran, auch die Erwachsenen mit seinen ersten Erpressungsversuchen zu erschrecken. „Erwachsene im Kindertheater nicht mitzudenken, wäre zu kurz gegriffen“, erklärte Cornelia Rainer in einem Interview. In ihrer neuen Inszenierung beweist sie, wie schon in ihren Arbeiten zuvor, dass sie sich sowohl dem jungen Publikum als auch dessen Begleitpersonen widmet.

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Der Einschub eines vertonten Gedichtes, in dem die Nacht in der Großstadt geschildert wird, gerät dabei zur Sozialkritik ganz in Brecht´scher Manier. Für Kinder wird es vielleicht nur atmosphärisch, für die Erwachsenen aber wohl in mehreren Sinnebenen erfassbar sein.

Es sind zwei Elemente, die diese Inszenierung neben den schauspielerischen Leistungen allerdings zu etwas Besonderem machen. Zum einen die Idee, ein Kinderorchester live spielen zu lassen. Es darf mit einem flotten Marsch, einem Walzer oder einer traurigen Elegie auf der Bühne agieren, oder einmal auch direkt von den Zuschauerrängen aus spielen. Ein Solo auf dem Klavier ist ebenso eingebaut wie ein jazziges mit einer Trompete. Der Charme, der von diesen Auftritten ausgeht, ist nicht allein auf die professionelle Darbietung der jungen Musikerinnen und Musiker zurückzuführen. Vielmehr wird damit das Theater als live performtes Gesamtkunstwerk erlebbar, auch was die Musik betrifft.  Zum anderen gelingt Rainer mit einem Trick eine Spiel-im-Spiel-Situation. In dieser kurbelt sie gehörig am Tempo, und bringt mit einer Slapsticknummer nach der anderen das Publikum zum Lachen. Auch die Auflösung jener Szene, bei der Frau Berta die Polizei zu Hilfe rufen muss, strotzt nur so vor Witz und Regieeinfällen.

Ob die Familie Pogge nun tatsächliches „Gutes“ tat, im Sinne Erich Kästners geforderter Nächstenliebe, diese Frage bleibt Rainer schuldig. Die Kinder dürfen mit ihren Eltern am Nachhauseweg diskutieren, ob sie Pünktchen und seine Mutter aufgenommen hätten. Oder andere bedürftige Familien; es sind derer nicht wenig, die derzeit in unserem Land Hilfe bräuchten.

Eine spannende Vorstellung abseits von Kinder- und Jugendtheater-Klischees, die gerade deswegen auch sehr inspirierend ist.

Im Dezember ist eine weitere Rainer-Inszenierung für Jugendliche im Kasino des Burgtheaters angesetzt. Hamlet, Ophelia und die anderen.

Weitere Informationen auf der Burgtheater-Internetseite.

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