Pumping and pulsing Jazz from NY – Vijay Iyer-Trio

Vijay Iyer Trio  Foto:Lyne Harty/Act

Vijay Iyer Trio Foto:Lyne Harty/Act

Pôle-Sud, das Veranstaltungs-zentrum am „Südpol“ von Straßburg, lud zu Recht Vijay Iyer und seine Band, bestehend aus dem Pianisten Iyer, dem Drummer Marcus Gilmore und dem Bassisten Stephan Crump vom heißen Jazz-NY ins kalte Straßburg, das aber zumindest an diesem Abend einen aufgeheizten Zuschauerraum bot. Und dies nicht wegen der Heizung an sich, sondern weil Vijay Iyer mit Eigenkompositionen aber auch mit Arrangements von längst bekannten Songs anderer Musiker – ordentlich Gas gab.

Trotz eines stark analytischen Jazz, der den Musikern ein striktes Korsett anbietet, aus dem sie nur ab und zu herausbrechen, um ihren musikalischen Einfällen freien Lauf zu lassen, gelang eine überzeugende Darbietung. So trocken das hier auch klingt, so „full of motion and sound“ war das Ergebnis.

Das Programm bot die Neuvorstellung von Vijay Iyer`s neuem Album „historicity“, das erst am 13. Oktober beim Plattenlabel ACT erschienen ist. Es besteht aus einigen, schon historisch zu nennenden Stücken, die Iyer in seine eigene, musikalische Sprache für das Trio umgeschrieben hat – darunter Songs wie „Big Brother“ (Stevie Wonder), „Somewhere“ (Bernstein), „Mystic Brew“ (Ronnie Foster), „Dogon A.D.“ (Julius Hemphill), „Our Lives“ (Iyer) und „Smoke Stack“ (Andrew Hill). Wer nun glaubt, alte Hüte neu verbrämt zu hören, irrt. Die alten Hüte präsentieren sich in einer pulsierenden, atmenden, aber auch bis knapp vorm Zerreißen spannenden Kombination, die sich nicht nur aus Vijay`s Transkriptionen ergibt, sondern die ausgefüllt werden von den Persönlichkeiten, die ihre Instrumente beherrschen, als wären sie ein Organ von ihnen selbst.

Marcus Gilmore bei seiner Arbeit zuzuschauen kann verglichen werden mit einem Feuerwerk, dessen abgeschossene Raketen man zwar hören kann, aber dessen Farbenpracht am Himmel man nicht sieht, weil man in einer zu kleinen Wohnung ohne Balkon wohnt, deren Fenster in die andere Richtung des Nachthimmels blicken. Sein mimischer Ausdruck verrät nur: „ich sitze hier auf dem Podium“ und bleibt nahezu unbeweglich, über den ganzen Aufführungszeitraum hinweg. Aber sein Spiel ist von einer Virtuosität und Musikalität, die außergewöhnlich ist. Nie seinen base auch nur eine Sekunde verlierend, agiert er zeitweise wie eine dritte Pianohand, so präzise und differenziert begleitet der Vijayi Iyer; seine Soloparts scheinen von zwei Drummern gespielt zu sein und dennoch bleibt er dabei wie ein Fels in der Brandung, stoisch. Gilmore „the marble“ so könnte man ihn charakterisieren, um damit auch seine herausragende Qualität zu umreißen. Wobei mit „marble“ Marmor gemeint ist, und nicht die zweite Bedeutung des Wortes. Sein differenziertes Spiel zeigt sich alleine schon in seinen schnell wechselnden, rhythmischen Einfällen, die sich beinahe schon im Mikrobereich abspielen, was, auf die Länge der Interpretationen gesehen, einem schier unerschöpflichen Reservoir von Ideen gleichkommt.

Stephan Crump spielt, zupft, streicht, schlägt seine Saiten, als ob diese nichts anderes als verlängerte Crump-Stimmbänder wären. Schrummen, brummen, brüllen, aber auch säuseln und singen kann das Instrument wie Crump selbst, der gerne als Unterstützung seinen Bass stimmlich begleitet. Auf lange Strecken bearbeitet er kein Begleitinstrument, sondern agiert als dritte Stimme, die, auch aufgrund der guten elektronischen Mischung, immer bestens hörbar blieb, was in vielen anderen Formationen oft nur bei solistischen Einlagen der Fall ist. Er agiert in dieser Formation als Blutkreislauf, der Herz (drums) und Hirn (piano) versorgt.

Bleibt noch, die Arbeit von Vijay Iyer selbst zu beschreiben. Sein Gehör ist darauf ausgerichtet, das Trio beinahe im kammermusikalischen Sinn agieren zu lassen. Ab und zu wird sein Klavierpart gesondert herausgestrichen, oft agiert er nur als rhythmusgebende Gestalt, und dass Lyrik auch in seinem musikalischen Vokabular vorkommt, berührte besonders im letzten Part, dessen arabeskenhafte, feine Melodielinie zu Herzen ging und von seinen Begleitern ebenso zart und einfühlsam unterstützt wurde. Das Trio mit – wenn auch lang zurückliegenden Wurzeln aus drei Kontinenten – zeigt, dass es durchaus möglich ist, differenzierten, intelligenten Jazz zu spielen. Dieser ergibt sich gerade aus der perfekten Ergänzung von starken Musikerpersönlichkeiten, welche jede für sich alleine einen Abend füllen könnte.

Weitere Gigs im deutschsprachigen Raum am 19. Oktober in Heidelberg, am 21. Oktober in München und am 24. Oktober in Linz. Komplette Terminliste finden Sie unter: „upcoming shows“ auf der hp: https://vijay-iyer.com/

Hörenswert!

Dass an diesem Abend, quasi im „Vorprogramm“ auch Eric Watson und Christoph Lauer auftraten, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Sie spielten Kompositionen des an der Straßburger Musikhochschule unterrichtenden Jazzpianisten Watson, dessen kompositorisches Können auf alle Fälle über jenem der Interpretation lag, die zu hören war.

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