Pures Understatement

Er könne nicht Regie führen, deswegen hätte er einfach alles nur „gestohlen“. Sungmin Hong, südkoreanischer Theatermacher, gab beim Publikumsgespräch nach der Aufführung seines Stückes Juliettttt im Brut den Naiven und betrieb dabei pures Understatement. Dass ihm diese Rolle niemand abnahm, verdankte er seiner Neuinterpretation von Shakespeares Romeo und Julia, die anlässlich der Wiener Festwochen in Europa ihre Premiere erlebte. Für diese erdachte sich der kreative Theaterdenker ein ganzes Julia-Kompendium, zusammengesucht aus den wichtigsten Produktionen, die derzeit in seinem Heimatland auf den „kommerziellen“ Bühnen zu sehen sind. Jedes t im Titel Juliettttt steht für eine jener Julia-Interpretinnen, die der „Nicht“-Regisseur bat, mit ihm für diese ungewöhnliche Produktion zusammenzuarbeiten. Und mit „kommerziell“ kategorisiert der Regisseur keinesfalls Aufführungen, die so publikumsnah inszeniert werden, dass sie Kassenschlager sind. Vielmehr werden in Korea als kommerziell jene Bühnen benannt, die „ernsthaft“ Theater betreiben. Laientheater oder kurze Irrlichter der Theaterlandschaft sind davon ausgeschlossen.

Juliettttt bei den Wiener Festwochen. (Foto: Haechang Jin)

Juliettttt bei den Wiener Festwochen. (Foto: Haechang Jin)

Für Juliettttt wurde Shakespeares Text rein auf die Passagen von Julia zusammengestrichen. Die Idee basiert in Sungmin Hongs Stück nicht in der Wiedergabe des Liebesdramas. Seine Intention, die schon in der ersten Szene klar und deutlich erkennbar ist, liegt darin, Julias Figur in so vielen Facetten wie möglich schillern zu lassen. Durch die jeweiligen Interpretationen, die sich allesamt voneinander unterscheiden, werden auch die dahinter liegenden Regiearbeiten angerissen und die Grundstimmung jeder einzelnen Produktion spürbar. Ganz nach dem Motto kauf eine Theaterkarte, erhalte fünf Inszenierungen, ließ er oftmals gleichzeitig, manchmal auch kurz hintereinander auf der Bühne die Darstellerinnen ihre Texte sprechen. „Gestohlen“ hatte Sungmin Hong, wenn man diesen Ausdruck von ihm übernehmen möchte, tatsächlich die Regieanweisungen der jeweiligen Produktionen und ließ dabei seine Julias so nahe an ihrem Original spielen, wie nur möglich. Einzig die Balkonszene gestaltete sich bei ihm etwas anders, ließ er doch alle fünf an der Bühnenrampe nebeneinander auf einen Sessel steigen und von dort parallel Romeo ihre Liebe schwören.

Diese Szene wurde vom österreichischen Publikum als eine Schlüsselszene anerkannt, waren doch die Reaktionen dementsprechend heftig. Von zartem Kichern bis hin zu lautem Lachen entlud sich der hier empfundene Spaß, der im Original dieser Szene gar nicht innewohnt. Diese Reaktion war auch, wie der „Konzeptentwickler und Regisseur“ zu erzählen wusste, gänzlich anders als beim südkoreanischen Publikum. Dort wären die Leute erstaunt gewesen, dass eine Julia nach der anderen auf ihren Sessel steigt, die Menschen hätten schon nach wenigen Momenten interessiert dem Text gelauscht. Dem Text lauschen – das konnten die Österreicherinnen und Österreicher aber nicht. Zwar waren die einzelnen Szenen zu deren Beginn kurz mit Übertiteln gekennzeichnet, die Texte selbst jedoch waren nicht übersetzt worden. Sungmin Hong ging zu Recht davon aus, dass diese in Europa bekannt sein müssten und tatsächlich erweckte das Publikum nicht den Eindruck, textunsicher zu sein. Ungezählt sind die europäischen Theateraufführungen, mittlerweile aber auch die filmischen Adaptionen, so dass das Verständnis für den Inhalt beim Theaterpublikum tatsächlich vorausgesetzt werden kann.

Gerade die Reduktion auf die schauspielerische Darstellung nur einer Protagonistin des Stückes ohne den Text zu verstehen, die Konzentration auf die Interpretation der Julia-Rolle, die sich rein auf die Gestik und Mimik ausrichtete, dürfte den großen Unterschied in der Publikumsreaktion in Südkorea und Österreich ausmachen. Zu verstehen und gleichzeitig nichts zu verstehen, angewiesen sein auf die eigene Texterinnerung, die sich unweigerlich bei den Szenen imaginär zu Wort meldete – diese Erfahrung war nur eine von mehreren neuen, die man an diesem Abend gewann. Sungmin Hongs Idee, gleich fünf Schauspielerinnen mit derselben Rolle auf die Bühne zu stellen evozierte noch weitaus mehr Gedanken. Theater – welche Bedingungen stellt es an die Zuseherinnen und Zuseher, aber vor allem auch – wie in diesem Fall – an die Akteurinnen? Was geschieht mit einem Text, wenn er sich plötzlich in einem gänzlich anderen sozialen Umfeld wieder findet? Ist es möglich, Romeo und Julia in der auf eine Frau verkürzten Version in der Produktion einer traditionellen koreanischen Aufführung zu verstehen? Kann der Witz und der Esprit, der dieser speziellen koreanischen Theaterform innewohnt, auch von europäischem Publikum verstanden werden? Was geschieht im Kopf, wenn plötzlich fünf reizende, liebende und leidende junge Frauen den Text Shakespeares gleichzeitig rezitieren? Führt sich dieser dann ad absurdum oder werden die Aussagen vielleicht noch verstärkt?

Sieben Schauspielerinnen wären für diese Produktion zu viel gewesen, die Aufmerksamkeit hätte von den Zusehenden nicht mehr ausreichend eingefordert werden könne, erklärte Sungmin Hong. Drei Julias wiederum wären zwei zu wenig gewesen – alles was der Regisseur, der seit 10 Jahren Theater macht und davor als bildender Künstler arbeitete – alles, was er von sich gibt, hat einen schalkhaften Unterton. Man merkt ihm an, dass er leidenschaftlich gerne Theater macht, man merkt ihm an, dass er gerne lacht und man merkt ihm an, dass er es liebt, das Publikum herauszufordern. Seine Idee, einfach die Besten der Besten eines bestimmten Theaterstückes auf einer Bühne zu vereinen funktioniert tatsächlich nicht nur in Korea, sondern auch in Europa, dessen kulturelle Prägungen gerade im Theaterbereich unterschiedlicher nicht sein können. Oder besser gesagt dessen unterschiedliche Prägungen einstmals unterschiedlich waren. Denn heute wird an den koreanischen Hochschulen an denen Schauspiel oder Theaterwissenschaften gelehrt wird zu 100 Prozent europäisches Theater unterrichtet. Shakespeare hat eine globale Aussagekraft, seine Themen sind international und können in jedem Land dieser Erde gespielt werden ist Sungmin Hong überzeugt. Zwar gäbe es tatsächlich im traditionellen koreanischen Theater ein Stück mit ähnlichem Inhalt, allerdings wäre dies in seinem Land lang nicht so populär und bekannt wie Shakespeares Drama.

Aeri Hwang, Boram Kim, Haewon Kim, Misun Kim, Nalei Kim sind jene Julias, die sich auf das Abenteuer des Parallelschauspielens eingelassen haben. Zwei von ihnen treten in historischen koreanischen Kostümen auf, zwei von ihnen tragen Kleider, die sich in einem europäisch-historischen Kontext bewegen und eine präsentiert sich im Look der 50er Jahre mit schwingendem Petticoat. Jede von ihnen hat ihre eigene Persönlichkeit, aber jede von ihnen lacht und weint an derselben Stelle. Dass das Publikum sich in der Sterbeszene der Musical-Interpretation, die sich auch in dem Konvolut findet, vor Lachen biegt, hängt damit zusammen, dass diesem Sterben schier kein Ende gesetzt wird. Ganz wie in den großen Opern der Belcanto-Ära des 19. Jahrhunderts, in welchen bar jeder Realität bühnenträchtig ausufernd dahingeschieden wird, dass es eine wahre Wonne ist, singt auch die Musical-Juliet ihre Endlosarie, um sich dabei mehrfach noch in den Bauch zu stechen.

Die Juliettttts in Sungmin Hongs Theaterüberblick wechseln ihre Kostüme auf der Bühne, gleichzeitig, versteht sich. Sie nehmen ihre neuen Gewänder von Stangen, die von der Decke herabgelassen werden, hängen ihre alten dort fein säuberlich wieder auf. Unterstützen sich beim Öffnen und Schließen ihrer Roben und durchbrechen damit abermals gängige Theaterrituale. Gleichzeitig schafft der Regisseur mit diesen Kostümwechseln ein wunderbar lyrisches und farbenfrohes Endbild, lässt er doch alle gewechselten Kostüme an den zuvor aus dem Blickfeld gezogenen Stangen noch einmal herabgleiten. Rot und rosa, weiß und creme sind die bevorzugten Kostümfarben – quer durch alle Inszenierungen. Luftig und leicht, wie Memorabilien aus vergangenen Zeiten hängen sie dort. Fein säuberlich nach Szenen geordnet machen sie noch einmal deutlich, dass Shakespeares Julia im Laufe der Jahrhunderte aber auch in der Verbreitung rund um den Globus zu einem globalen Kulturgut avancierte. Einem Kulturgut, auf das alle Zugriff haben, die sich damit in welcher Art und Weise auch immer auseinandersetzen möchten.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich europäisches Theater heute zu einem globalen Phänomen ausgewachsen hat, das jedoch national nur ansatzweise wahrgenommen wird. Die Rezeption bleibt – abgesehen von so konzise gestalteten Überblicken in die außereuropäische Theaterwelt wie es die Wiener Festwochen in diesem Jahr zeigen – meist völlig national ausgerichtet. Die Stärke der Produktion Juliettttt liegt nicht in der Dekonstruktion des Shakespeare-Klassikers, sondern vielmehr in der Sichtbarmachung der multiplen Interpretationsweisen. Zwar arbeitet Sungmin Hong nur mit Produktionen, die sich innerhalb eines Landes ausgebildet haben, öffnet damit für uns aber den Blick und zugleich das Bewusstsein für jene Theaterwelten, die außerhalb unserer nationalen Grenzen tag-täglich gelebt werden.

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