reichtum ist die kotze des glücks

Die Welt von Gestern

Raphaela Möst, Martin Vischer (c) Schauspielhaus

Katharina und Albrecht sind ein Geschwisterpaar. Eingeschlossen in den über Generationen vererbten Familienreichtum, beglückt mit einem Hauslehrer, den sie das fürchten lehren vor dem Lehren. Katharina und Albrecht sind ein ungleiches Geschwisterpaar. Angetrieben von ganz unterschiedlichen Motivatoren repräsentiert der Bruder den grübelnden Philosophen, der vor der Gewalt seiner Schwester solange zurückschreckt, bis sie bei ihm selbst ausbricht. Katharina hingegen ist eine gelangweilte junge Frau, deren Gier nach Leben hinter den abgeschotteten Mauern des fortifizierten Heimes keine Erfüllung finden kann. „reichtum ist die kotze des glücks“ konstatiert sie trocken an einer Stelle, ohne zu wissen, wie sehr sich ihre Zustandserkennung noch in die Tragik zugespitzt bewahrheiten wird.

Der junge Autor Ferdinand Schmalz (geb. 1985 in Graz) hat die Herausforderung des Schauspielhauses Wien angenommen, den vierten Teil der Staffel „Die Welt von Gestern“ nach Stefan Zweig zu gestalten und einen dramatischen Text dazu zu verfassen. Was dabei herausgekommen ist, ist ein Abend, gespickt mit Zweig-Zitaten aus dessen Biografie, einer Vielzahl an Verweisen in die klassische Literatur, angefangen mit einem Faust-Ausspruch, weiterführend mit der Rezitierung eines Gedichtes Nietzsches aus seinem „Ecce homo“ bis hin zum unterschwelligen, musikalischen Hinweis mit einem Ausschnittes aus dem 2. Satz der 9. Symphonie von Beethoven, den weiland schon Stanley Kubrick in seinem Kultfilm Clockwork-Orange mit den Gewaltexzessen von gelangweilten Jugendlichen verband. Eine explosive Mischung, die in der Regiearbeit von Felicitas Brucker in seiner ganzen Tiefe wahrscheinlich nur jenen schlüssig zugängig wird, welche Ohren haben zu hören und einen kulturhistorisch geschulten Intellekt, um vollständig in das Schmalz`sche Universum eintauchen zu können. Und selbst dann noch birgt der Text historische Untiefen, die sich erst in einem Autorengespräch an die Oberfläche der Textwahrnehmung zerren lassen werden. Aber das ist gut so, denn das fixt an. Oder etwas präziser ausgedrückt: Eine Prise Schmalz-Text und man wird zum Literaturjunkie.

Der Abend beginnt im historischen Lesesaal des Josephinum. Jenem klassizistischen Gebäude, in welchem die medizinische Schausammlung von Wachspräparaten der Universität Wien untergebracht ist, die Josef II ganz nach Vorbild des Specola in Florenz unter der Leitung des Modelleurs Clemente Susini anfertigen ließ. Letzterer findet übrigens im Text von Ferdinand Schmalz eine kurze Erwähnung. In unsere heute Währung umgerechnet, musste der Habsburgerkaiser 650.000,— Euro bezahlen um diese Präparatensammlung schließlich sein Eigen nennen zu dürfen. Die Vorbildwirkung der Medici, deren Sammlung in jene des Specola einfloss, dürfte nicht unmaßgeblich bei der Ankaufsentscheidung Josefs eine Rolle gespielt haben. Wann hat man als vermögender „Sammler“ schließlich schon die Gelegenheit, ein ehemals weltberühmtes Herrschergeschlecht mit seiner eigenen Ankaufspolitik noch zu übertrumpfen?

Zurück aber zum Stück von Schmalz, das den Titel „Die Agonie des Friedens“ trägt. Darin ist es nicht Josef II, sondern der Vater von Katharina und Albrecht, welcher dieser Sammelleidenschaft erlegen ist. Und das sosehr, dass die Beziehung zu seinen Kindern dabei eine untergeordnete Rolle in seinem Leben spielt. Ganz zu Beginn des Stückes wähnt man sich zurückversetzt in jene feudalistischen Zeiten, in welchen Hauslehrer sich um die Bildung der adeligen Sprösslinge kümmerten. Bald aber schon finden sich Hinweise auf unser Hier und Jetzt, von dem aus so manche Rückblende in die Familiengeschichte erfolgt. Worauf sich der Familienreichtum gründet, bleibt unerwähnt, nur soviel ist zu erfahren, dass der Großvater der beiden jungen Menschen in seiner Fabrik Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. Mit diesem Hinweis und jenem, dass ein Foto des Großvaters, auf dem er mit Dollfuß zu sehen ist, lange schon auf dem Dachboden verschwunden ist, unterfüttert Schmalz das Geschehen mit jener zweiten historischen Dimension, welche in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückführt. Also in jene Zeit, in der Stefan Zweig im Exil seine Biographie schrieb. Katharina und Albrecht sind das letzte Glied einer Familie mit einem langen Stammbaum. Ihr charakterlicher Unterschied zeigt sich auch in ihrem Sprachvermögen. Albrecht verweilt darin häufig in einem antiquierten Diktum, das sich gerne der Reimform bedient, Katharina kommt gerne unverblümt zur Sache.

Nachdem das Setting abgesteckt und klar geworden ist, dass die Geschwister abgeschottet von der Außenwelt ein Leben leben, dass ausschließlich auf eine gegenseitige Referenzierung angewiesen ist, steuert das Stück auch schon seinem ersten Höhepunkt zu. Die Schilderung von Katharina, wie sie Zeugin eines Übergriffes auf eine alte Frau wurde, die eine Horde junger Männer zu Boden prügelte, ohne dass sie selbst eingegriffen hätte. Zählt man eins und eins zusammen, so kann man davon ausgehen, dass Katharina nicht nur Zeugin dieser Tat, sondern auch direkt daran beteiligt war. Die Vorhaltungen ihres Bruders quittiert sie einzig mit einer Tirade auf dessen Schwäche. So lange, bis dieser, dem sie zuvor auch noch sein handgeschriebenes Notizbuch verbrannte, seine Nerven verliert. Nachdem er das Heinrich Heine Zitat abwandelt und seine Schwester nicht nur der Bücherverbrennung, sondern auch der Möglichkeit der Menschenverbrennung bezichtigt, kommt es zur Tat im Affekt. HIngesunken auf den Boden, bleibt die junge Frau in ihrem Blute nach dem tätlichen Angriff und der Würgeattacke ihres Bruders schließlich liegen. Als Abschluss des ersten Teils animiert Albrecht das Publikum noch, ihm aus der Bibliothek zu folgen und seine Schwester alleine im Raum zurückzulassen. Einen langen Gang entlang geht es in einen jener Säle, in welchen sich die Wachspräparate befinden.

Katharina taucht dort plötzlich völlig unerwartet und unversehrt darin auf. Das Attentat auf sie hat sie überlebt und folgt nun argumentativ ganz jener Freud´schen Logik, nach welcher das Böse in jedem Menschen steckt. Solange, bis die dünne Haut, die über den menschlichen Trieben gespannt ist, zerplatzt und die blinde Aggression zutage tritt. Siegmund Freud hat diese psychologische Argumentation in Zusammenhang mit den Gräueltaten des NS-Regimes gegenüber Stefan Zweig bei Gesprächen in England dargelegt. Schmalz nimmt diese auf und transferiert den unmenschlichen Zustandes eines Regimes in ein menschliches Einzelschicksal. Und dennoch hat das Böse in seiner Interpretation viele Gesichter. Katharinas Verweis auf des Menschen höchstes Gut, nämlich seine Freiheit, ganz im Sinne von Sartres Selbstbestimmung, die in letzter Konsequenz auch alle negativen Entscheidungen zu tragen hat, zeigt, dass die junge Frau nicht geläutert aus des Bruders Angriff hervorging. So ist nicht sie die Verliererin in diesem Spiel um Gut und Böse, um Moral, Ethik und Gewalt, sondern ihr Bruder. Eingeschlossen in eine Nervenheilanstalt, widersetzt er sich dem Rat seiner Schwester, doch Beruhigungsmittel zu nehmen – sich einer „Chemokatharsis“ zu unterziehen. „ich weigere mich, das handwerk des verdrängens zu erlernen“ kontert er, wohl wissend, dass außerhalb seines neuen Exils die Menschen gerade den Verdrängungsmechanismus bis ins Perfekteste kultivieren. „der krieg kommt immer wieder, weil er da in den herzen wohnt. die menschen, sie werden nicht friedlicher. müsst man den krieg schon selber töten“. Mit dieser Kernaussage lässt Albrecht keine positiven Zukunftsaussichten aufkommen.

Martin Vischer in der Rolle des Bruders überzeugt in jenen Momenten, in welchen er seinem Menschsein in der Psychiatrie unmittelbar ohne Beschönigungen ausgeliefert ist. Von Liebe, Hass und Eifersucht befreit, lebt er dort sein Leben hellsichtigst, wenngleich abgeschottet vor den sogenannten „Normalen“ und berührt in diesen letzten Sequenzen unglaublich. Raphaela Möst verkörpert perfekt das schöne Böse, ohne jegliche Moral. In all ihren Äußerungen ihrem Bruder in ihrer Außenwirkung stets überlegen, bleibt ihr der humane Zugang jedoch bis zum Schluss gänzlich verweigert.

Ferdinand Schmalz hat – nicht zuletzt mithilfe von Felicitas Brucker – seine Feuertaufe als Autor am Schauspielhaus in Wien bestanden. Sein Text beeindruckt durch seine Vielschichtigkeit aber auch durch die mannigfaltigen historischen Verschränkungen und der offenen Klammer des Geschehens bis in die Jetztzeit. Wer eine gewisse Abhängigkeit verspürt und mehr Texte des Autors lesen möchte, sei auf seine derzeitige Funktion als Alsergrunder Bezirksschreiber verwiesen und behalte seine Homepage im Auge.

LINKS:

Webseite Ferdinand Schamlz
Webseite Josephinum

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