Reise ins Absurdistan

Von wegen schwere Kost! Wer sich zur Premiere der letzten Produktion von Phace ins Muth wagte erlebte einen besonderen Abend. Arnold Schönberg und Hans Zender standen auf dem Programm, was wohl das Publikum in Scharen zu Hause bleiben ließ. Dass das ein grober Fehler war, sei an dieser Stelle vorweg schon konstatiert.


Unter der Leitung von Simeon Pironkoff präsentierte das phantastische Ensemble unter dem Titel „Go-g-Go“eine geniale Idee des Countertenors Tim Seversloh mit einem Aha-Effekt, den man im Konzertsaal selten erleben darf. Den allergrößten Anteil daran hatte der Regisseur Peter Pawlik und die Bühnenbildnerin Alexandra Burgstaller denen es gelang, zwei unterschiedliche Stücke von Schönberg und Zender inhaltsmäßig sinnhaft zu verschränken. Aber vielleicht zum besseren Verständnis eins nach dem anderen.

Den Beginn machte Pierrot Lunaire – der bekannte Sprechgesang von Arnold Schönberg nach 21 ausgesuchten Gedichten von Albert Giraud. Die Komposition, die zwar atonal aber noch nicht in der 12-Ton-Technik von ihm durchgeführt wurde, war einst der Auftraggeberin des Stückes – Albertine Zehme – auf den Leib geschrieben worden, wenngleich sich die Theaterdame bei den unzähligen Proben mit ihrem Korrepetitor redlich abmühen musste. Die surrealen Gedankengebilde rund um die Fantasiegestalt des traurigen Clowns mit seinem weißen, wallenden Gewand und weiß geschminkten Gesicht übertrug das Duo Pawlik/Burgstaller optisch in Form des Geschehens in eine kleine Spießerwohnung auf die Bühne. Erstmals in der Aufführungspraxis dieses Werkes übernahm ein Countertenor die Rolle des Gedichtvortragenden. Ein Novum, das in dieser Inszenierung perfekt funktionierte. Tim Seversloh als biederer Angestellter oder Beamter, ausgestattet mit Staubmantel, Hut und abgewetzter Aktentasche, findet auf seinem Nachhauseweg ein kleines, rotes Gedichtbüchlein am Gehsteig, nimmt dieses an sich und lässt sich sogleich so tief in die Verse fallen, dass wilde Träume daraus resultieren. Der aus Hamburg gebürtige Sänger war schon mehrfach im Theater an der Wien zu Gast und auch einmal in der Staatsoper eingesprungen dürfte bislang aber in Österreich noch nicht wirklich bekannt sein. Die rasche Verwandlung der Straßenszene hinein in sein wohlgeordnetes kleines Appartement, in dem Bücher ungeordnet am Boden verstreut den Hinweis darauf geben, dass das Lesen wohl eine seiner Lieblingsbeschäftigungen darstellt, bietet schon den ersten Überraschungseffekt. Das ganz in Schwarz gehaltene Raumgefüge assoziiert sogleich somnambule Gefühle und besticht durch die vielen Möglichkeiten, die notwendige Möblage wie von Zauberhand aus allerlei Verstecken in Sekundenschnelle hervorzuzaubern. Der weiße Stuhl, der zum Sitzen in luftiger Höhe an die Wand gehängt wird, die weiße, hoch aufgestellte Leiter, die aus den Tiefen des Bodens hervorgezogen wird, das weiße Klappbett, das im Stehen die Möglichkeit eines hörbaren Singens bietet – all diese Requisiten sind ihrer originären Verwendung enthoben und in absurde Raumzusammenhänge gesetzt. Sie unterstreichen die seelische Befindlichkeit, in der sich der Lesende befindet. Gleichzeitig evozieren sie immer wieder humorvolle Situationen, die noch durch zusätzliche Gags – wie dem Einstecken eines gebrauchten Teebeutels in die Innentasche des Sakkos – unterstrichen werden. Rowan Atkinson hätte seine wahre Freude daran gehabt! Als dramaturgischer Helfer agierte Béla Emanuel Bufe als Pierrot, der den schlafenden Traumwandler sukzessive sein Clowngewand anzog, um selbst in dessen Bürooutfit zu schlüpfen.

Die geniale Verschränkung, von der eingangs schon die Rede war, geschah mit Hans Zenders „Cabaret Voltaire“, in dem er lautmalerische Gedichte von Hugo Ball vertonte. Für dieses Stück brauchte es nicht mehr als wenige Minuten Pause, in welcher sich das Ensemble kurz neu formierte. Sowohl das Bühnenbild als auch die beiden Protagonisten blieben dieselben und setzten ihre Reise durch die phantastische Traumwelt unbehindert fort. Der Musik Zenders waren die knappen 100 Jahre Abstand zu Schönberg deutlich anzuhören – was ein richtiges Aha-Erlebnis darstellte. Seversloh, nun ganz an die Bühnenrampe gerückt, bot Bufe durch seinen dramatisch beinahe unkommentierten Gesang eine große Bühne. Dieser mühte sich weiter unglaublich tollpatschig ab, in der Welt des vermeintlich Realen Fuß zu fassen, die Rolle seines Schlafschützlings einzunehmen, was ihm jedoch gründlich misslang. Zenders Musik unterstreicht den absurden Text aufs Beste und wirkt zu „zack medi zom, taschketi bing, zicori zacubom“ unglaublich witzig. Durch die Regie, in der Bufe ein Fauxpas nach dem anderen passiert, erhält die Musik eine zusätzliche Farbigkeit, die ihr aber auch ohne diese Illustrierung innewohnt. Allein – die Verstrickung der beiden unterschiedlichen Werke zu einem Ganzen und das neu dazu aufgesetzte teilweise slapstickhafte Geschehen bilden zu Schönbergs und Zenders Musik ein sehr gelungenes, neues Ganzes. Pironkoff trägt dazu maßgeblich bei, denn Severslohs Idee folgend, behalten die beiden Werke durch sein exaktes und dynamisches Dirigat dennoch ihren eigenen Charakter. Der Titel, der aus einer Textzeile von Ball stammt, könnte fürderhin als Synonym für die Aufführung beider Werke an einem Abend gelten. Eine fürwahr seltene Neuschöpfung in, welcher sich Altbewährtes und weniger Bekanntes aufs Trefflichste zu einem neuen Meisterwerk vereint.

Es ist zu hoffen, dass dieses musikalische Kabinettstück auch außerhalb Wiens Aufmerksamkeit erregt. Zeigt es doch, dass zeitgenössisches Musiktheater nicht nur etwas für Insider sein muss, wenn es mit Kopf, Herz, viel Intelligenz und hoher Musikalität gemacht ist.

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