WENN DER SCHREI NACH RETTUNG UNMÖGLICH WIRD

Der Dschungel Wien brachte mit dem KünstlerInnen-Kollektiv SILK Fluegge eine Performance auf die Bühne, die jede Altersklasse betrifft.

Rescue (c) Phil Lindner

Rescue (c) Phil Lindner

Ist das nicht Baywatch?

Vier junge Menschen kommen in swimsuits und mit Bojen ausgestattet auf die Bühne. Im Hintergrund wird ein monotones Geräusch abgespielt, das gemeinsam mit dem wellenförmigen Licht eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Die Anspielung auf die amerikanische Serie Baywatch ist nicht nur unverkennbar, sondern von der Regisseurin auch aktiv gewollt. Im Gespräch mit Silke Grabinger betont sie die Wichtigkeit, ein Medienbewusstsein in ihre Arbeiten zu bringen. Das bedeutet nicht nur inhaltlich, sondern auch bei der visuellen Umsetzung. Sie bezieht sich auf die schnellen Bildschnitte am Ende der Serie, bei dem die Körper der Baywatch Crew in den Mittelpunkt gerückt werden und sich somit die Frage nach den Schönheitsidealen eröffnet. Durch die bedachtsamen Bewegungen, welche die vier Charaktere machen, wird parallel mit dem Gefühl der Verlangsamung gearbeitet. Die Aufmerksamkeit des Publikums liegt beim Körper, welcher jedoch entfremdet wirkt.
Das Motiv des Wassers wird über die ganze Performance hinweg verwendet. Wasser steht für eine Gewalt, die man nicht kontrollieren kann. Es initiiert aber auch zum Mut einer Selbstüberschreitung und knüpft gleichzeitig an grundsätzliche Ängste an. Für die Choreografin schafft dies nicht nur einen politischen Bezug, sondern bietet auch viele andere Assoziationen.

 

Ein Stück in Bildern – viele Assoziationen sind möglich

Silke Grabinger produziert durch das Spiel mit dem Körper Bilder, die sehr intensiv sind. Ein Beispiel dafür ist die Solo-Szene von Fabian Janicek. Seine Rufe „Help! Help me please! Save me please!“ erhalten durch den Lichtspot auf ihn eine Eindringlichkeit, die durch seine Parcours-Fähigkeiten noch untermalt werden. Die Message: Jeder ist irgendwo gefangen und braucht Hilfe. Hier lässt sich ein gewisses Paradoxon feststellen, da das Erklimmen und Erobern verschiedener Architekturen und Objekte im Parcours-Lauf die größtmögliche Freiheit bietet. In einem geschlossenen Theatergebäude wird jedoch deutlich, dass man trotzdem gefangen sein kann. Aber auch die zwischenmenschliche Hilfe und Verletzbarkeit ist in dem Stück ersichtlich. Jerca Roznik Novak nimmt die Schnur einer der Bojen und legt sie als Trennlinie auf den Boden, während die anderen Performer versuchen, hinter diese Absperrung zu gelangen. Die Choreografien ergänzt hier das Stück um die Facette des Eigenschutzes. Sie betonte im Publikumsgespräch öfter, dass es sich auch um Rettung handelt, wenn man einsieht, dass man der anderen Person nicht mehr helfen kann.

Performance-Charakter – Das Geschehen schwappt von der Bühne ins Publikum

Rescue (c) Phil Lindner

Rescue (c) Phil Lindner

Bei Performances spielt oft nicht nur das Geschehen auf der Bühne eine Rolle, sondern auch die Interaktion mit dem Publikum. Durch das Verteilen der Bojen im Bühnenraum wird das Stück erweitert, indem die Schranke zwischen fiktivem Bühnengeschehen und betrachtendem Publikum aufgelöst wird. Für Grabinger sind die Reaktionen des Publikums auch Statements, weil sich diese oft in verschiedenen Varianten zeigen. Anfangs denkt man, dass sich dieses Stück nur um die Performer dreht. Das Ende hingegen zeigt das Gegenteil auf: „I’m here“, beruhigen die vier Darsteller und Darstellerinnen die Leute, welche die Bojen halten. Plötzlich wird klar, dass nicht nur sie auf Rettung hoffen, sondern sie auch Rettung bieten.

Auf der Bühne waren: Michaela Hulvejová, Fabian Janicek, Matej Kubus, Jerca Roznin Novak

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