Von einem der auszog, die Wut zu verlernen

Im Dschungel Wien hatte am 11. November „Robinson“ Premiere. Ein flottes Musiktheater für Kinder ab 10 Jahren, das in Zusammenarbeit mit Wien Modern zustande kam.

Der Komponist Hannes Löschel hatte schon vor einigen Jahren die Idee dazu. Gemeinsam mit dem Autor Peter Ahorner schuf er nun ein Werk, das von einem Jungen erzählt, der auf eine kleine Insel gespült wird.

Nicht ganz unabsichtlich. Denn Robinson hielt es vor lauter Langeweile auf einem Kreuzfahrtschiff nicht mehr aus und enterte einfach ein kleines Ruderboot. Seine Eltern, sowie ein junges Mädchen, das er kurz zuvor kennenlernte, sind starr vor Schreck. Er aber rudert durch die Wellen einer unbekannten Zukunft entgegen.

Dass es auf der Insel weder Strom gibt, um das Handy aufzuladen, noch eine warme Mahlzeit oder ein frisch gemachtes Bett, all das erfährt Robinson schon nach kurzer Zeit. Und so beginnt für ihn eine emotionale Achterbahn. Hannes Löschel war es wichtig, all die Gefühle, die ein Jugendlicher in sich trägt, angefangen von Wut über Einsamkeit, Sehnsucht Angst, Lust, sowie Liebe und Glück in einzelnen Songs auszudrücken. Anton Widauer in der Rolle des Robinsons ist extrem bühnenpräsent und mit einer unglaublich voluminösen Stimme ausgestattet. Er könnte sich sicher in großen Häusern ohne Mikrofon bis in die letzte Reihe verständlich machen. Die Spiegelung seiner Rolle durch zwei zusätzliche Personen ermöglichen es, seine Gefühle nach außen hin noch sichtbarer zu machen. Die Wut, die er in sich trägt, aber auch die Verlegenheit im Angesicht seiner ersten Liebe, kommen von ihm völlig authentisch über die Bühne.


Das Streicherensemble Chroma und Robert Pockfuß an der E-Gitarre unterstützen den 10-stimmigen Chor. Dieser schlüpft in viele Rollen. Schiffsbesatzung und Urlaubende, Bäume und Vögel werden von ihm dargestellt. Die musikalische Bandbreite reicht von Rockig-Poppigem mit harten Gitarrenriffs, einem melodiösen Streichquartett bis hin zu richtigen Ohrwürmern mit ausgefeiltem Chorsatz. Feine musikalische Akzente, wie die Unterstützung von fliegendem und krabbelndem Getier durch das Pizzicato leiser Streicher, aber auch die Einspielung von Originalsounds wie das Dröhnen von Schiffsmotoren oder Vogelgezwitscher, beleben das Geschehen extrem. Da braucht es nicht viel Bühnenbild (Hanno Frangenberg) – einige große Leitern, Tücher und Pölster, ein paar Bullaugen sowie einen lebendigen Stein, um die jeweilige Umgebung gut zu veranschaulichen. Die Kostüme (Dorothee Redelsteiner) zeigen Matrosen, das gut betuchte Elternpaar in Sommeroutfit, einen am Stock gehenden Greis in Badehose, „ui, diese Krampfadern!“, aber auch die beiden Kinder, Robinson und seine Freundin, in T-Shirts, Boxershorts und Hängerkleidchen.

Der zornige Junge macht auf der menschenleeren Insel eine radikale Wandlung durch. Er, der alle zum Teufel wünschte, ist schon nach kurzer Zeit von seiner Misanthropie geheilt. Im Text können sich Kinder, vor allem jene, die sich mit der Pubertät abplagen müssen, sehr gut wiederfinden. Robinson spricht das Unverständnis der Erwachsenen an, aber auch seinen unbändigen Willen zur Freiheit. Die ersten Liebesgefühle sind für ihn schwer zu artikulieren und als er schließlich doch von seiner Freundin gefunden wird, muss sie ihm erst einmal sagen, dass er deswegen dumm ist. Hannes Löschel erklärte bei einem Interview, dass es ihm im Stück auch darum ging, aufzuzeigen, dass Buben Gefühle zeigen dürfen. Sein Liebeslied – „du hast deine Augen so passend zur Sonne getragen“- peppt er mit einer zusätzlichen Stimme der E-Gitarre auf. Alles, was zu hören ist, macht große Lust, nachgesungen zu werden. Judith Thaler tritt in einer Mehrfachrolle als Mutter, Freundin aber auch weibliches Alter-Ego auf und bestärkt vor allem die Zuseherinnen durch ihre offene Art, Probleme zu artikulieren. Florian Buchner wiederum ist sowohl der männliche Schatten, als auch der Vater von Robinson, der sich lieber in der Kommunikation hinter seiner Frau verschanzt.

Klar, dass Robinson nicht auf der Insel versauert, sondern, wie schon verraten, gefunden wird. „Was jetzt?“, ist die allerletzte Frage, die Robinson seiner Freundin stellt, bevor die Lichter ausgehen. Das abrupte Ende ist ein kleiner Wermutstropfen und eine vergebene Chance, den Sack der sonst runden Vorführung zuzumachen. Die Jugendlichen mit einem Wohlfühlfaktor nach Hause zu entlassen, ist keine Schande. Es muss nicht immer weiter gegrübelt werden. Hannes Löschel hätte für ein Finale grande sicher eine tolle musikalische Idee gehabt.

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