3 Wochen ago

Shakespeare – wie er sein sollte

Die Schauspielschule Krauss präsentierte mit „Romeo und Julia“ ihre Abschlussklasse 2017 im Off-Theater. Und wie fulminant!

Aufführungen von Schauspiel-Abschlussklassen sind für die Beteiligten und deren Anhang – Eltern, Geschwister, andere Anverwandte und Freunde spannend. Im Moment gibt es eine solche Aufführung, die sich aber alle Theaterfreaks ansehen sollten. Auch wenn sie mit keinem der Absolventen und keiner der Absolventinnen verwandt, verschwägert oder in sonst einer familiären Beziehung stehen.

„Mit „Romeo und Julia“ haben wir uns ja ein Stück ausgesucht, das niemand kennt und das ganz leicht ist“. Augenzwinkernd macht Reinhardt Winter, künstlerischer Leiter der Schauspielschule Krauss klar, wie hoch die künstlerische Latte in diesem Jahr für den Schauspielnachwuchs gesetzt wurde. Ein Wagnis, denn wer kennt nicht diesen emblematischen Stoff um die unerfüllte Liebe zweier junger Menschen und die Unbeugsamkeit und den Hass der Generation vor ihnen? Welche am Theater Interessierte haben „Romeo und Julia“ nicht schon in mehreren Varianten gesehen und somit auch ihre eigene Vorstellung davon?

Eine hervorragende Regie und ein tolles Ensemble

Dass man daraus heute noch eine Inszenierung machen kann, die einerseits ihre Geschichte nicht verleugnet und andererseits aber immer noch mit jeder Menge Spaß und Empathie daherkommt, ist ein Kunststück. Und das ist dem Team der Schauspielschule Krauss gelungen. Unter der fulminanten Regie von Andreas Simma zeigte sich das 13-köpfige Ensemble in insgesamt 27 Rollen, wobei die Verwandlungen meist nicht hinter, sondern auf der Bühne stattfanden.

Romeo und Julia, Schauspielschule Krauss (c) Michaela Krauss-Boneau

Wie in der Volkstheater-Inszenierung desselben Stückes von einem Jahr verteilen sich auch hier die Rollen auf drei Julias und drei Romeos plus je einer Puppe der Liebenden. Der große Unterschied jedoch ist die Interpretation der mit viel Humor beleuchteten Charaktere, die vor den tragischen, letalen Ereignissen vor der Pause die Lachmuskeln des Publikums ordentlich strapazieren.

Slapstick und viel Musik

Wenn gleich zu Beginn jeder gegen jeden und jede sich eine Prügelschlacht liefert und die Theaterwatschen nur so daher- und dahinfliegen, wenn sich die Balkonszene auf einem Sessel abspielt und sich Romeo davor hinter ein paar grünen Plastikzweiglein versteckt hält, wenn sich Lady Capulet mit ihrem Mann um „meine, deine, unsere Tochter“ streitet oder Jesus in der Priesterklause erst einmal sein Podest erklimmen muss, bleibt kein Auge trocken. Viel Slapstick garniert diese erste Szenen, genauso wie ausgewählte Live-Musik, aber auch solche vom Band wie von Vivaldi oder Bobby Mc Ferrin, welche die jeweilige Atmosphäre emotional unterstützt. Paul Graf (Romeo, einfühlsamer Bruder Lorenzo und umwerfender Falco-Verschnitt) am Akkordeon, Nikolaas von Schraader (Benvolio und durchgeknallter Hippie-Musiker) an der Gitarre und Shirina Granmayeh (Lady Capulet) und als Chansonnière mit einer – je nach Anforderung zarten oder souligen Jazz-Stimme – geben die Live-acts, die unglaublich beeindrucken.

Xenia Hawle darf als Fürst Escalus vor allem am Ende des Stückes gehörig auf die Tränendrüsen drücken, wohingegen Valerie Huber (Julia) aber vor allem als Diener Peter alle Register der Komödiantik ziehen darf. Zur Verstellung reicht ihr dabei eine goldene Strickmütze, die ein Teil der Farbsymbolik ist, welche stringent durchgezogen wird. Die Capultets mit goldenem Touch – bis hin zur Ausschnittverzierung der Amme – Lena Taferner in einer Rolle, die ihr wie auf den Leib geschneidert scheint. Witzig, spritzig, ein wenig dümmlich, aber mitten drin im prallen Leben, das sie umgibt. Die Montagus in Silber ausstaffiert.

Romeo und Julia, Schauspielschule Krauss (c) Michaela Krauss-Boneau

Sebastian Malfer und Valentina Schatzer dürfen die letzten Szenen ihres Romeos und ihrer Julia spielen und lassen dabei die Zeit stehen und die Liebe hochleben. Max Kolodej lebt neben seiner Interpretation von Sir Montagu das heiße Blut Mercutios furios aus, sodass man bei seinen vielen Stürzen um seine Knochen fürchtet. Sein Gegenpart Jakob Oberschlick liefert als Tybald mit ihm eine veritable Fechtszene ab und fühlt sich bald darauf in die gebückte Gestalt des Apothekers ein, der Romeo sein verlangtes Gift überreicht. Veronica Petrovic gibt neben Tybalds Diener eine der bezaubernden Julia-Interpretationen, Henrietta Rauth in auffälligem, schwarzen Anzug mit breiten Sakko-Aufschlägen einen unbeholfenen, der Liebe aber völlig ausgelieferten Graf Paris sowie die Lady Montagu und Johannes Sautner neben seinem Romeo einen Sir Capulet, der in seiner Wut stimmlich drei Theatersäle füllen könnte und dabei den Rest seiner Familie klein aussehen lässt.

Die Schuld der Eltern-Generation

Die Regie verabsäumt es nicht, in den letzten Szenen die Schuld der Eltern-Generation sichtbar zu machen. Während sich vor ihr das Blutbad in der Grabstätte der Capulets abspielt, sitzen Lady und Sir Capulet, ihre Amme und ihr Diener, Sir Montague, der Fürst, Tybalds Diener und Benvolio wie Raben in schwarzem Outfit nebeneinander aufgereiht, ohne in das Geschehen eingreifen zu können.

Ohrenbetäubender Applaus und Bravo-Rufe bei Standing Ovations belohnten bei der Premiere völlig zu Recht alle Beteiligten. Unser Fazit: Sehenswert!

Die Produktion ist nur noch bis 3. April im Off-Theater zu sehen, also rasch Karten sichern! Infos auf der Website der Schauspielschule Krauss.

Categories Theater

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Online Kultur Magazin
%d Bloggern gefällt das: