Reisen ins Nirgendwo

Das RSO unter Sylvain Cambreling unternahm am 19. November im Konzerthaus eine imaginäre Reise ins Nirgendwo. Denn verorten ließ sich keines der Konzerte. Weder im realen, noch im imaginierten Raum. Im Rahmen von Wien Modern kamen Werke von Isabel Mundry, Mark Andre und Rebecca Saunders zur Aufführung.

Allen drei Stücken gemeinsam war nicht nur der große Orchesterapparat, der dabei bemüht wurde, sondern auch eine dunkle, oft mit Spannung aufgeladene Stimmung, die mannigfache Assoziationen zuließ.

„Non-Places, ein Klavierkonzert“ (2012) von Isabel Mundry eröffnete das Programm.  Es sind keine Klänge, die anfangs zu hören sind, sondern Wind, der durch stimmloses Blasen, aber auch Streichen und Klopfen auf den verschiedenen Instrumenten erzeugt wird. Bald schon werden Stimmen hörbar, die Geräuschkulisse einer Stadt wird eingespielt. Das anschließende Sesselrücken und das Sprechen der Musizierenden, wird live performt. Ein augenzwinkernder Beginn, denn es hat dabei den Anschein, als ob das Orchester gerade auf die Bühne gekommen wäre und noch rasch ein paar Worte miteinander wechseln müsste, bevor es richtig losgeht. Es dauert eine Weile, bis Ruhe einkehrt. Dann ziehen kleine, unbestimmte Melodiefetzen vorbei. Immer wieder werden die kurzen, unterschiedlichen Sequenzen durch Pausen unterbrochen, in denen der Nachhall der Instrumente den Ohren schmeichelt. Charakteristisch ist ein ständiges Auf- und Abebben des gesamten Klangapparates, eine Art Pulsieren. Der Klavierpart, gespielt von Nicolas Hodges, mit Läufen und kräftigen Akkorden, fügt sich darin harmonisch ein. Zuerst leise, dann immer häufiger und lauter, meldet sich eine drohende Pauke zu Wort. Fast unmerklich gleitet das Geschehen in eine Art zweiten Satz, der nicht so stark pulsiert, sondern eher das Gefühl eines verhaltenen, subtilen Grauens evoziert. Leise, tiefe Bläser und abermalige Windgeräusche mischen sich dazu. Ein Wispern kurz, dann wandeln einzelne Töne durch verschiedene Instrumente. An einer Stelle ergibt ein kurzes Trio von Hackbrett, Klavier und Xylophon eine außerordentlich schöne Klangmischung. „Soweit ich denken kann“, dieser Satz, von den Musikerinnen und Musikern gesprochen, bleibt im Gedächtnis haften. Anderes verschwimmt, ist undeutlich und doch präsent. Noch einmal verändert sich der Charakter, lässt Läufe hörbar werden, hinauf, hinunter, mit Stolpersteinen versehen über die es gilt, nicht den Takt zu verlieren. Einige Loops, einige Sekunden von musikalischen Zitaten, nur wenige Takte, dann beginnt sich das Geschehen wie zu Beginn wieder pulsierend zusammenzuballen. Pizzicati und harte Schläge auf die Streichersaiten wechseln einander ab. Die abermalige Einspielung von Alltagsgeräuschen kündet den nahen Schluss an. Leise Percussion-Klänge, ein Beckenhall, ein letztes, hörbares Einatmen, dann kommt das Orchester zur Ruhe.

Die Komponistin selbst schreibt über ihr Werk, dass sie das Ich und Du in diesem Stück besonders herausforderte. Das Verhältnis zwischen Zu- und Abgewandtheit, Bezogenheit und Fremdheit oder Zärtlichkeit und Gewalt hätte sie darin verarbeitet. Schön, dass das komplexe Werk dennoch Raum genug für eigene Assoziationen lässt. An dieser Stelle sei ein kleiner Hinweis auf das subjektive Hörerlebnis von live performter zeitgenössischer Musik angebracht, vor allem wenn man einer Uraufführung beiwohnt: Wer nicht durch vorgegebenes Textmaterial in eine bestimmte gedankliche Richtung gelenkt werde möchte, dem sei das Lesen der theoretischen Abhandlungen aus den Programmen erst nach dem jeweiligen Konzert selbst empfohlen. Die Ohren machen wesentlich größere Augen, wenn sie unbeeinflusst durch Lesefutter ihren Dienst verrichten dürfen. Beglückend, wenn schließlich Theorie und eigene Hörerlebnisse übereinstimmen, hoch interessant jedoch, wenn dies nicht der Fall ist. Dann kann sich die Auseinandersetzung mit der theoretischen Ebene auch richtig spannend gestalten.

Mit „…hij…1“ (2010) für Orchester von Mark Andre, erklang kein zweites Konzert, denn von Klang kann man in diesem Zusammenhang nur ganz peripher sprechen. Der 1964 in Paris geborene Komponist präsentiert zu Anfang ein Stück, das nur für die Augen erfahrbar wird. Denn obwohl der Dirigent dirigiert und das Orchester Bewegungen macht, erklingt kein einziger Ton. Man sieht, wie das Geschehen von der Geige in die Bratschen und schließlich in den gesamten Streicherapparat übergeht. Man kann den langsamen Vier-Vierteltakt gut mitzählen, was aber notiert ist, bleibt den Ohren verborgen. Bald schon hört man zumindest das leise Knacken der gedrückten und wieder losgelassenen Ventile und Klappen der Bläser, dann leise, tonlose Klavieranschläge. Andre arbeitet mit jenen akustischen Phänomenen, die normalerweise im Klangrausch eines Konzertes untergehen. Das Klopfen auf die Mundstücke, gemeinsam von allen Bläsern ausgeführt, ergibt einen ganz subtilen Klang, genauso wie das Klopfen mit der Hand, dass die Bassisten auf die Schnecken ihrer Instrumente ausüben oder das indirekte Schlagen auf Pauken und Trommeln. Ohne die herkömmliche Technik zu bemühen, steigt die Lautstärke an, ein Papierrascheln und beständiges Bewegen von kleinen Aluminiumpapierstücken ergeben ein zusätzliches, permanentes Geräuschbild, das man bald gewohnt wird. Das Streichen der Bögen nicht auf den Saiten, sondern am Holz der Instrumente, das Schnarren der Klaviersaite, die auf- und abgerieben wird, all das bereitet in Andres Komposition ein ungewöhnliches Hörerlebnis. Nur ganz zart kommen Streicher und Bläser ab und zu ins Spiel, hörbar nur peripher, mehr eine Erinnerung an einen Klang als ein Klang selbst. Auch in diesem Konzert spielt Wind eine wichtige Rolle und wird von Andre auch an den Schluss gesetzt. „…hij…1“ ist eines jener zeitgenössischen Werke, für das es eine unbedingte Live-Konzertempfehlung braucht. Die visuelle Wahrnehmung ist bei dieser Arbeit unerlässlich.

Den Abschluss des Abends bildete „Still“ für Violine solo und Orchester von Rebecca Saunders. Bereits im Jahr 2011, seinem Entstehungsjahr, war das Werk bei Wien Modern mit Widmann an der Geige aufgeführt worden. Wie damals beeindruckte sie auch dieses Mal das Publikum. Unglaublich präzise, mit einem kräftigen Strich und zugleich lyrisch warm, kann ihr Spiel beschrieben werden. Die langsam sich nach oben fortschreitenden Tonfolgen der Violine behaupten sich gegen das Orchester nur dann, wenn der Solopart mit einer Präsenz gespielt wird, die keinerlei Zweifel aufkommen lässt, was den Solopart betrifft. Die Geigerin war bereits mehrfach mit Solo-Recitals im Wiener Konzerthaus zu Gast und wurde  2013 zum ‘Artist of the Year’ der International Classical Music Awards ausgezeichnet. Ihr wunderbares Instrument, eine G. B. Guadagnini-Violine von 1782, passt sich problemlos auch den zeitgenössischen Herausforderungen an, wie man deutlich hören konnte.

Zu Beginn des Stückes hat es den Anschein, als würde die Nervosität, die vom dunkel gefärbten Geigenklang ausgeht, das Orchester anstecken. Wilde Solo-Tremoli reißen nicht nur die Streicher, sondern auch die Pauke mit. Immer wieder dazwischen ist ein klagendes Mau-Mau zu hören. Das stetige, aber langsame Ansteigen der Tonhöhe, das in langgezogenen Passagen von sich geht, die nur in einem geringen Tonumfang angelegt sind, wirkt zuweilen animalisch. Harte Schläge der Bässe verstärken diesen Eindruck. Immer wieder ebbt die Klangkonzentration ab, kommt das Geschehen beinahe zum Stillstand. Kaum werden zwei Töne hintereinander angespielt, schon beginnt sich die Spannung wieder zu formieren. Aus düsteren Klangwolken hört man leise Kuhglocken, aber auch das Xylophon und vor allem dunkle Bläser. Wie ins Nirwana verschwindet an einer Stelle sanft die Geige. Nach einer Generalpause eröffnet die Dissonanz einer Sekund den zweiten Teil. Wieder sind es dröhnende Pauken, Ballungen der Streicher und Bläser, die sich zusammenfinden. Wie ein kleiner Lichtblick treten gegen Ende die Geige und Bratsche aus der Klangmasse heraus. Unterstützt von zarten Flöten verabschiedet sich die Violine mit einem langen Ton im hohen Register. Versöhnlicher hätte Saunders den Schluss wohl nicht bauen können. Widmann erntete für ihr Spiel zu recht nicht enden wollenden Applaus.

 

Abermals ein dramaturgisch bestens ausgewählter Abend, der es möglich machte, Ähnlichkeiten in den Kompositionen aufzuspüren und eine Art Zeitgeist wahrzunehmen, was die aktuelle Verwendung von orchestralem Klangmaterial betrifft.

Konzertkritik von „Still“, aufgeführt bei Wien Modern aus dem Jahr 2011 hier.

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