Christbaumkugeln und Gewehre

Michaela Preiner

 
„Schöne Bescherungen“(Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)
2.
Dezember 2018

Das Erfolgsstück „Schöne Bescherungen“ von Alan Ayckbourne bietet dem Publikum im Burgtheater einen Abend mit höchst disparaten Eindrücken.

Wie jedes Jahr trifft sich Nevilles (Nicholas Ofczarek) und Bellindas (Katharina Lorenz) Familie mit Freunden zu Weihnachten, um gemeinsam zu feiern.

Dabei bilden zwei Ehepaare mit und eines ohne Kinder, sowie Rachel, die Schwester der Gastgeberin, die einen Schriftsteller eingeladen hat, den niemand kennt, eine bunt zusammengewürfelte Truppe.

Onkel Harvey (Falk Rockstroh), der über 30 Jahre in einer Security-Firma tätig war, begleitet die Weihnachtsvorbereitungen mit lauten, martialischen Kommentaren, während er einen Action-Film ansieht. Dieses Jahr schenkt er den Kindern sehr zum Missfallen von Bernard, einem mittelmäßig begabten Arzt und Mann seiner Nichte Phyllis, Gewehre.

Bernard (Michael Maertens), Pazifist durch und durch, bereitet hingegen das Puppenspiel „Die 3 kleinen Schweinchen“ für die Kinder vor. Vor dieser Aufführung fürchten sich alle Erwachsenen, da die laienhaften Inszenierungen des kinderlosen Softies in den Jahren zuvor nur Langeweile verbreiteten.

Phyllis, die zu exzessivem Alkoholkonsum neigt, ist währenddessen in der Küche zugange, um das Lamm zuzubereiten.

Neville, der ein einträgliches Handelsgeschäft besitzt, repariert einstweilen mit seinem erfolglosen Freund Eddie (Tino Hillebrand) bereits kaputte Weihnachtsgeschenke und versucht, die Christbaumbeleuchtung mit einer selbst gebastelten Fernsteuerung auszustatten.

Ihre Frauen, Bellinda und Pattie, werden von ihnen komplett ignoriert. Bellinda flüchtet sich in hektische Betriebsamkeit und die hochschwangere Pattie (Marie-Luise Stockinger) ist damit beschäftigt, Ed erfolglos zu den Kindern abzukommandieren, die nicht einschlafen wollen.

Rachel (Dörte Lyssewski) fährt mehrfach vergebens zum Bahnhof, um den Autor Clive abzuholen, den sie in ihrem Literaturzirkel kennengelernt hat. Dieser (Fabian Krüger) erscheint schließlich völlig außerfahrplanmäßig bei der Familie und ist gleich bei der Begrüßung innerhalb weniger Augenblicke von Bellinda verzaubert.

Diese Anziehung beruht auf Gegenseitigkeit und so kommt, was kommen muss. Es entwickelt sich aus dem Plot eine – beinahe – hitzige Liebesbeziehung, die allerlei Verwicklungen bereithält.

„Schöne Bescherungen“(Foto: Reinhard Werner/Burgtheater)
„Schöne Bescherungen“(Fotos: Reinhard Werner/Burgtheater)

Alan Ayckbourn, von der Queen zum Sir geadelt und in Großbritannien einer der erfolgreichsten Dramatiker, lässt in seiner bitterbösen Komödie hinter die menschlichen Fassaden blicken. Und da gibt es so manches zu entdecken, was man eigentlich gar nicht wissen will.

Die Inszenierung von Barbara Frey beschert dem Publikum dabei ein Wechselbad der Gefühle. Sie bietet ihm von hochkarätigen Szenen, in welchen herzliches Lachen angesagt ist, bis zu solchen, die sich in die Länge ziehen und wegen vorhersehbarer Wendungen und übertrieben angelegter Figuren keinen rechten Spaß aufkommen lassen, eine große Bandbreite an Theatermomenten.

Dazu gehört auch, dass die psychologische Führung einzelner Charaktere in sich nicht wirklich stimmig scheint. Nicholas Ofczarek agiert als Neville mit umgeschnalltem Werkzeuggurt teils lethargisch, teils aufbrausend.

Für gewöhnlich hat sich der Familienvater in seine Scheune hinter dem Haus zurückgezogen, um dort seine Reparierwut auszulassen. Seine Maske in dieser Inszenierung, sowie sein Outfit – vor allem sein bunter Nacht-Jumpsuit, lassen ihn von Beginn an lächerlich wirken.

Die Figur von Bellinda hinterlässt mit ihrer plötzlichen und übertrieben dargestellten Hingabe an Clive ebenfalls nicht wirklich einen authentischen Eindruck. Auch Rachel agiert von überexaltiert bis hin zu extrem prüde in einem überaus großen, psychologischen Spannungsfeld. Es ist dieser enge Familienkern, mit dem die Regisseurin, Barbara Frey, in eine interpretatorische Spaß-Falle getappt ist.

Die von Ayckbourn ohnehin schon zugespitzt ausgearbeiteten Figuren erfahren in dieser Inszenierung noch eine holzhammerartige Übertreibung. Das Zuviel an übertriebenem Spiel, das Ofczarek, Lorenz und Lyssewski an den Tag legen müssen, steht einer wesentlich besseren Charakterführung der anderen Beteiligten gegenüber.

Alles voran darf Falk Rockstroh in der Rolle des gewalttätigen Onkels brillieren. Seinen Kommandoton, den er von Beginn bis zum Schluss durchhält, kennen sicherlich viele von übermotivierten Recht- und Tugend-Hardlinern, die damit ihrer Umwelt permanent auf die Nerven gehen.

Auch Michael Maertens als Bernard nimmt man seine Aufopferung gegenüber seiner alkoholkranken Frau und seine Puppenspiel-Besessenheit ohne Zweifel ab. Seine Ausraster sind psychologisch nachvollziehbar und sein Duktus bleibt dabei völlig in seinem Persönlichkeitsraster. Mit Maria Happel findet Phyllis, die sich ihren Alltag schöntrinken muss, eine ideale Besetzung. In ihrer Rolle zeigt sich die Doppelbödigkeit der Figuren am deutlichsten. Sie wirkt dort urkomisch, wo sie, durch Alkohol benebelt, durch die Szenerie stolpert, wirkt aber in nüchternem Zustand in ihrer kindlichen Anhänglichkeit zu ihrem Mann unglaublich liebenswürdig.

„Schöne Bescherungen“(Fotos: Reinhard Werner/Burgtheater)

Es sind einzelne Szenen, wie jene der Puppentheater-Generalprobe, die den Abend dennoch zu einem Erlebnis werden lassen. Wie Maertens enthusiasmiert seinen kleinen, selbst gebastelten Schweinchen-Marionetten markerschütternde Stimmen unterlegt, Stockinger und Hillebrand ihm dabei, mit seinen Anweisungen völlig überfordert, zur Hand gehen und Rockstroh währenddessen den Countdown des Kindereintreffens herunterzählt, hat große Klasse.

Auch Fabian Krügers Auftritt im Nikolauskostüm, bei dem er sich mithilfe des weißen Rauschebartes zum weißgelockten Psycho-Onkel verwandelt, macht richtig Spaß.

Die Bühnensituation (Bettina Meyer) lässt durch die Beengtheit der nebeneinander angereihten Räume Rückschlüsse auf den nicht vorhandenen Weitblick der Gesellschaft zu. Der zu große Weihnachtsbaum, dessen Spitze sich unter der niedrigen Decke krümmen muss, macht schon von Beginn an klar, dass sich dieses Weihnachtsfest nicht idealtypisch entwickeln wird. Auch die Kostüme von Esther Geremus reihen sich adäquat in die mittelständische Vorstadtsituation ein, sieht man von Nevilles outriertem Outfit ab.

„Schöne Bescherungen“ erlebte beim Premierenabend, abgesehen von einigen Bravo-Rufen aus offenkundigen Regie- und Schauspielfreundeskreisen, höflichen Applaus.

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