Showdown auf dem Baugerüst

Showdown auf dem Baugerüst

von | 9. November 2021 | 2021, Theater

Michaela Preiner

9.

November 2021

Es geht heftig zu. Sowohl, was die Sprache, als auch was die Handlung betrifft. Wer sich diesen Herbst ins Off-Theater begibt, darf sich auf einiges gefasst machen - nur nicht auf einen langweiligen Theaterabend.

Das neue Mash-up vom bernhard.ensemble trägt den Titel ‚Blade.Unwichtig‘. Würde man es mit einem Überraschungs-Ei vergleichen, was man klarerweise unter keinen Umständen tun darf – in welch prosaische Werbeniederungen würde man sich denn dann begeben! – dann würde man um den Kauf 1 Eintrittskarte folgendes erhalten: 1 Science-fiction-Horror-Thriller, 1 zeitgenössischen Werner-Schwab-Nachbau, sowie ein fröhliches Rätselraten, welche Zitate oder Hinweise – literarische aber auch musikalische, man bei diesem Theater-Irrsinns-Ritt entdeckt.

blade.unwichtig (Foto: Barbara Pálffy)

Der Plot besteht – wie immer bei den Mash-ups im Off-Theater – aus einer kunst- und lustvollen Verzahnung eines cineastischen Klassikers mit einem literarischen. Blade Runner, das mittlerweile zum Kult erhobene Science-Fiktion Movie aus dem Jahr 1982, unter der Regie von Ridley Scott, trifft auf Werner Schwabs ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM. Da sowohl der Film als auch das Schwab´sche Theaterstück tief in blutiges Geschehen eintauchen, wird solches auch dem Publikum serviert. Zart Besaiteten vergeht dabei vielleicht der Appetit – denn gezeigt wird auch ein üppig zelebrierter Kannibalismus – weswegen ein Abendessen vor und nicht nach dem Theaterbesuch zu empfehlen ist.

So düster dies auch klingen mag, so unglaublich unterhaltsam gestaltet sich die Inszenierung – nicht zuletzt auch aufgrund der überzeichneten Figuren, die allesamt großartig schauspielerisch umgesetzt werden. Yvonne Brandstetter und Sophie Resch spielen sich im wahrsten Sinn des Wortes in Doppelrollen ihre Seelen aus dem Leib. Und wie!!!! Brandstetter switcht in zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein können – von der naiv-traurigen „Fotzi“, deren „Loch“ sie jedermann anbietet, der dafür zahlt, hin zum jungen Replikanten Roy – mit grandios ausgebreitetem Migrantensprech. Resch mimt das bigotte „Hasi“, deren Mann Schweindi sie nicht und nicht schwängern kann. Aber sie spielt auch eine Replikantenschönheit, deren elektronischer Defekt – je länger die Handlung fortschreitet – immer sichtbarer wird. Kajetan Dick, ohne dessen markante Erscheinung und Spielfreude, dass man förmlich mitjauchzen möchte, kein Mash-up vollständig erscheint, beißt oft vom „Heiligen Brot“ und spricht gern vom „Heiligen Sebastian“, der zum Glück nie in Erscheinung treten muss.

Ernst Kurt Weigel wechselt als Richi vom aggressiven Übermacho im Daueröl hin zu einem besonnen-interrogativen Replikanten-Schnüffler mit blinkendem Blad-Gürtel. Der Test-Befragung von Rachel (Kristina Bangert) legt er – ohne es explizit zu erwähnen – Werner Schwabs tragische Biografie zugrunde. Eine Lebensgeschichte, die den Theatermacher Weigel bei den Recherchen zu dem Stück sehr beeindruckt hat. Im knapp gehaltenen Programmzettel bezeichnet er den steirischen Literaten als traurig-schüchtern-wütende Figur und widmet in weiterer Folge diesen Theaterabend „all jenen Künstler*innen, die früh an der Welt, der Gesellschaft und an sich verbrannt sind.“

Bangert begleitet ihren Richi in die wildeste Bauernwirtschaft, erhebt sich über die anwesende, steirische Trottel-Dorfgemeinschaft als anbetungswürdige Maria Mutter Gottes und lässt die Frage offen, ob sie ein Mensch oder ein Replikant ist. Gerald Walsberger erlebt als „Herr Jürgen Wirtin“ alle Höhen und Tiefen, die das Gastgewerbe so mit sich bringt.  Dass ausgerechnet in diese ländliche „Baustellenhaftigkeit“ zwei Außerirdische eindringen, wird ihnen letztlich nicht gut bekommen.

Trotz der dichten Handlung erlaubt sich Ernst Kurt Weigel auch noch einen Exkurs, in welchem er über sein Theaterleben nachdenkt und dieses auf eine einfache Formel bricht: Diese besteht aus : „Text + Legende + Management = Ich bin Spaß“. Zum Glück – darf man hinzufügen, denn dieser überträgt sich in bei allen Vorstellungen direkt proportional ins Publikum.

Da ein Science Fiction-Abend nicht ohne Showdown auskommen kann, wird dieser auch prompt geliefert. Richi jagt den schönen Replikanten-Mann, der sich halsbrecherisch von Stange zu Stange des Baugerüstes hantelt und seine übernatürlichen Kräfte beeindruckend zur Schau stellt. (Bühne: Devi Saha) Dies alles zu Wagners berühmten Tannhäuser-Klängen.
Wer sich jetzt fragt, warum ausgerechnet zu diesem Soundtrack, bekommt hier bei uns die Antwort geliefert:

„Das Tannhäuser Tor ist ein fiktiver Ort, der erstmals 1982 im Film Blade Runner erwähnt und danach immer wieder in anderen Zusammenhängen verwendet wird. Im englischen Original lautet der Name Tannhauser Gate, der in der deutschen Fassung des Filmes mit Tannhäuser Tor übersetzt wurde. Auf Grund des großen Einflusses des Kultfilms Blade Runner vor allem auf den Cyberpunk, der herausragenden Stellung des Zitates und der ergreifenden Rezitation im Film hat der Begriff weitere Verbreitung, vor allem unter Science-Fiction-Fans, gefunden.“

– Wikipedia wir danken dir! So einfach ist das.

Dir, lieber Ernst Kurt sei noch übermittelt:  Auch wenn Richi nicht glaubt, dass sich irgendein Kritiker um ihn schert: Eine Kritikerin tut dies doch, auch wenn es ihm nicht bewusst ist!

Große Empfehlung unsererseits!

 

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