Sladeks gibt es immer

Wie wird „Mann“ zu einem Mitläufer? Wann gibt „Mann“ die Eigenverantwortung für sein Leben ab? Welche Mechanismen führen zu roher Gewalt?

Fragen, die sich beim Stück „Sladek oder Die schwarze Armee“ automatisch aufdrängen. Das von Ödon von Horvath Ende der 20er Jahre geschriebene und selten aufgeführte Drama läuft derzeit im Theater Spielraum. Dabei wurde die erste Fassung des Autors verwendet, in der der Mitläufer Sladek am Ende nicht zu Tode kommt, sondern hoffnungsvoll ein neues Leben beginnen kann.
Die Entscheidung, diese Fassung zu nehmen, war insofern richtig, als sich mit ihr zwei Akte verbinden, die einerseits die Möglichkeit geben, eine Gerichtskasperliade aufzuzeigen und andererseits den Charakter des jungen Mannes auch besser erklärbar machen.

Dominic Marcus Singer als Sladek (c) Barbara Pálffy

Dominic Marcus Singer als Sladek (c) Barbara Pálffy

Sladek ist aus seiner verarmten Familie geflohen und fand bei einer älteren Frau, die ihn liebt, Zuflucht. Er ist einer, der stets den Weg des geringsten Widerstands geht. Einer, der sich selbst maßlos überschätzt und zugleich leicht zu manipulieren ist. Einer, der das Leben selbst noch nicht gerochen hat und auf der Suche nach einer Bestätigung seines Egos ist. Die „Schwarze Armee“, eine rechts gerichtete, historische Untergrundgruppierung, die versuchte, nach dem Vertrag von Versaille möglich viele Waffen zu sammeln, um die noch instabile Republik zu stürzen, hat für ihn dabei eine magische Anziehungskraft. Er lässt sich von ihr rekrutieren und gerät in einen Mordfall, den er zumindest mitverschuldete. Dass bei der Gehirnwäsche, die notwendig ist, um Menschen gleichzuschalten, Parolen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, wird an Sladeks Geschichte klar. „In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht“, ist einer von Sladeks immer wieder gerne zitierten Sätze, den er vorzugsweise dann verwendet, wenn er Mord und Totschlag rechtfertigen will. Er zeigt, wie manipulativ Sprache eingesetzt werden kann.

Die Inszenierung von Nicole Metzger und Reinhard Winter setzt nicht auf ein Historienspektakel, sondern ermöglicht es, Vergleiche mit der Gegenwart zu ziehen, ohne dass diese jedoch – bis auf eine musikalische Stelle – in der Aufführung explizit bemüht wird. Dies gelang vor allem durch die zu Recht vorgenommenen Striche zu Beginn des Dramas. Der fehlende Text enthielt viele Verweise auf die politische Situation in Deutschland in der Zeit nach dem Vertrag von Versaille. Ein statisches und – auch wenn dies inkohärent klingen mag – zugleich dennoch sehr wandlungsfähiges und kluges Bühnenbild (Harald Ruppert) lässt vor ein Versammlungslokal, in eine kleine Wohnung, in einen Bunker, auf ein Dampfschiff, einen Gerichtssaal und einen Rummelplatz blicken. Unterstützt wird die Illusion durch realistische Soundeinspielungen (Reinhold Kammerer) wie das Tropfen von Wasser, das Brummen eines Gebläses oder das ferne Tuten eines Überseedampfers.

Das Ensemble überzeugt durchgehend. Allen voran ist Dominic Marcus Singer zu nennen. Er ist die absolute Überraschung des Abends. Der junge Mann hat seine Schauspielausbildung erst im vergangenen Jahr abgeschlossen und ist imstande, jegliche Gemütsregung von Sladek authentisch auszudrücken. Und das bei einer Figur, die alles andere als leicht zu fassen ist. Dabei pendelt er zwischen der Zur-Schau-Stellung seiner vermeintlichen Geistesgröße, jähzornigen Gefühlsausbrüchen, verzweifelten Rechtfertigungsversuchen und ängstlichem Duckmäusertum. Es gelingt ihm in einem Monolog am Ende des Stückes sogar, Sympathien für ihn zu wecken. Darin meint er, dass Kinder nur unter einem guten Stern geboren werden sollten und verweist damit indirekt auf sein eigenes Schicksal, das ihm keine sorglose Jugend bescherte.

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Alexander T.T. Mueller in der Rolle des Hauptmanns zeigt, welche Schäden ein dominanter und zugleich cholerischer Charakter bei seinen Mitmenschen anrichten kann. Unglaublich seine Intensität in jener Szene, in der sein Versteck gestürmt wird und er unter Aufbietung seiner ganzen Energie die letzten Reserven seiner Untergrundarmee mobilisieren möchte. Benjamin Turecek tritt in nicht weniger als fünf Rollen auf, die allesamt bereits von Horvath für einen einzigen Schauspieler konzipiert worden waren. Er spielt einen Bundessekretär, einen Untersuchungsrichter, einen Kriminalkommissar, einen Richter und einen Polizist. Bis auf das Wechseln der Kostüme ist es stets ein ähnlicher Charakter, den er zu mimen hat. Autoritär und weisungsgebunden zugleich spürt man bei ihm jene Charaktermelange, die offenbar gesellschaftspolitisch notwendig ist, um einen Staat am Laufen zu halten. Julian Sark und Abraham Thill sind in zwei gänzlich konträren Figuren zu sehen. Ersterer als brutaler Schlägertyp ohne jegliche Skrupel und zweiter als intellektuelles Opfer des Rechtsradikalismus, das selbst im Moment seiner Peinigung noch seinen Intellekt auszuspielen weiß.

Auch Dana Proetsch und Anja Waldherr spielen mehrere Charaktere. Sie treten als leichte Mädchen auf dem Rummelplatz und junge Matrosen an der Reling auf. Proetsch verleiht der alternden und liebende Anna scharfe Konturen. Sie ist die einzige, die ihr eigenes Verhalten reflektieren und mit Verhaltensänderungen reagieren kann. Waldherr ist zusätzlich als Nazi-Domina als auch als verführerisches Barmädchen in ganz konträren Rollen zu sehen.

 

Horvath nannte sein Stück, nachdem die politischen Ereignisse sein Drama überrollt hatten, selbst eine „Historie“. Interessant dabei ist jedoch, dass sich darin eine Grundstimmung findet, die sich in abgewandelter Form, zum Schrecken aller denkenden Menschen, derzeit in Europa wieder breit macht. Eine Stimmung, die durch die prekären Verhältnisse vieler junger Menschen zusätzlich kräftig angeheizt wird. Sladeks gibt es – man muss sich nur die Schlagzeilen der letzten Tage über die Gewaltausbrüche der rechten Szene in Deutschland ansehen – heute noch genauso wie vor nun beinahe schon 100 Jahren. Die Frage ist, ob die Gesellschaft erkennt, welchen Anteil sie selbst an diesem Phänomen hat und wie sie gedenkt, dagegen vorzugehen.

Wie immer leistet das Theater Spielraum mit seiner gut durchdachten Programmatik hierfür reichlich Gedanken- und Diskussionsfutter.

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