Eine Sommernacht, die alles verändert

„Sommernachtstraum“ Ballett der Oper Graz. © Leszek Januszewski

Jörg Weinöhl, Ballettdirektor der Grazer Oper, verabschiedete sich von seinem Publikum mit einem kleinen Gesamtkunstwerk. Er choreografierte den Sommernachtstraum zur Musik von Mendelsohn Bartholdy, Schubert, dem belgischen Ausnahmemusiker Stromae, Mozart und last but not least Udo Jürgens.

Seine „Sommernacht, geträumt“, so der genaue Titel des „Tanzspiels frei nach Motiven von William Shakespeares ´Ein Sommernachtstraum`“, vereint nicht nur das Ballettensemble der Grazer Oper auf der Bühne. Weinöhl arbeitet auch mit der Kinderstatisterie, dem Damenchor und selbstverständlich dem Grazer Philharmonischen Orchester. Robin Engelen dirigierte höchst feinfühlig, ohne zu stark aufgedrücktes Pathos und ließ Mendelsohn Bartholdys Jugendwerk, das er mit 17 Jahren ausgereifter nicht komponieren hätte können, glasklar erklingen.

Mit der Aufstellung des Chores in den großen Bürgermeister- und Landeshauptmannlogen, die direkt an die Bühne angrenzen, holte der scheidende Ballettdirektor das musikalisch-dramatische Geschehen auch ganz nah ans Publikum und bewies damit, dass er auf allen Registern eines Hauses wie der Grazer Oper gekonnt spielen kann.

„Ballett der Oper Graz“ Foto: leszek Januszewski

Seine Interpretation des Spieles um Liebeszauber und Traumsequenzen spannt einen großen Bogen von Shakespeares Elfen, Kobolden, Göttern und einfachen Handwerkern in unsere Zeit. Dabei hält sich Weinöhl nicht an die Erzählung des Elisabethanischen Dramatiker-Titanen, sondern lässt seine Truppe samt und sonders in den Schlaf sinken, um im Traum Dinge zu erleben, die ihr Leben danach nicht mehr dasselbe sein lassen wie zuvor. Damit verweist Weinöhl auf einen Transformationsprozess, der nicht unbedingt nur im Traum vonstatten gehen muss. Jegliche Entscheidung, bewusst oder auch unbewusst getroffen, kann zu einer veränderten Lebenssituation führen und zu einer nicht mehr reversiblen, charakterlichen Werteneubestimmung.

Bárbara Flora (Titania), Simon van Heddegem (Oberon) Foto:© Leszek Januszewski

So geht es auch seinem Oberon (herrisch und fragil zugleich Simon Van Heddegem) und seiner Titania. Bárbara Flora entscheidet sich in dieser Rolle gegen den ihr zugedachten Gatten und wählt den armen Zettel (Joao Pedro de Paula) trotz Eselsgesicht. Mit zwei ausgesucht schönen Pas-de-deuxs des Herrscherpaares zeigt der Choreograf, wie feinfühlig er den Zustand einer innigen Verbindung in Tanz umsetzen kann. Im ersten gewinnt man den Eindruck, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt, als sich als Paar gegenseitig zu ergänzen, einander zu vertrauen und sich aufeinander mit Haut, Haaren und gleichen Kostümen! einzulassen. Die Drehbewegungen, in die sie sich immer wieder verschlingen, um sich sofort darauf wieder zu lösen und wieder zu vereinen, finden ihren ästhetischen Ausdruck in den dicht gebauschten Röcken, die sowohl Van Heddegem als auch Flora tragen. Dass Oberon später, nach dem Liebesverrat in der Zaubernacht, bei dem zweiten Pas-de-deux nicht mehr das wunderbare Kostüm trägt, das in vielen Grün-Schattierungen seine Waldesherrschaft spiegelt, sondern nur mehr ein fleischfarbiges Trikot, ist ein deutlicher Hinweis auf die Entfremdung der beiden. Was in dieser Choreografie jedoch sichtbar wird, ist die Erinnerung und die Sehnsucht an eine gemeinsame, unbeschwerte Zeit.

Puck agiert, wie bei Shakespeare, als Auslöser vieler Liebesverwirrungen. Chris Wang darf in seiner Kobold-Rolle mit kleinen, repetitiven Handbewegungen zeigen, wie sehr ihm sein unheilbringender Schabernack in den Fingern kribbelt. Mit diesen kleinen Hinweisen, aber auch anderen Bewegungsmustern, die sich nahe an tierischen Imitationen befinden und die gesamte Truppe durchwandern, wird klar, dass der Mensch nicht nur von Ratio motiviert ist, sondern wesentlich tiefer liegende Antriebe sein Tun bestimmen können.

Die beiden anderen Liebespaare, Lysander und Hermia (Daniel Myers und Astrid Julen) und Demetrius und Helena (Enrique Sáez Martínez und Clara Pascual Martí) werden von den koboldischen Umtrieben ebenfalls nicht verschont. Ihr Versuch, nach dem Erwachen aus einem Traum, in dem alles möglich war, doch noch ein gemeinsames Leben zu gestalten, misslingt.

Saskia Rettig schuf Kostüme, welche die jeweilige Paarkonstellation gut wiedergeben. Das Bühnenbild, das ebenfalls von ihr stammt, versetzt das Ensemble im ersten Teil in eine liebliche Waldlandschaft mit einer hellen Lichtung. Nach der Pause bringt sie die gesellschaftlichen Konventionen von Vernunftehen und deren Scheitern mit faltbaren Reihenhäuschen gelungen auf den Punkt. In diesen verweist sie mit an der Wand hängenden Landschaftsbildern noch einmal an jene Nacht, in der sich – ebenfalls visualisiert – das Oben nach Unten drehte und umgekehrt.

Mit einem amüsanten Catwalk-Einschub sorgt Weinöhl beim Publikum für hörbare Heiterkeit und einem heftigen Zwischenapplaus. Die Entfremdung der Menschen voneinander wird dabei wie ganz nebenbei zeitgeistig zelebriert. Aufgesetzte, outrierte Blicke und der bekannt gestelzte Gang der Models lassen eine Interpretation zu die aufzeigt, dass Beziehungen etwas Gestriges sind. Heute steht alleine das Ich im Vordergrund. Und: Am Reibungslosesten scheint es doch ohne Emotionen zu gehen.

Choreografisch bewegen sich die Tanzelemente zwischen klassischem und zeitgenössischem Bewegungsrepertoire. Dass in seinem Vokabular auch erkennbar Neumeier´sche Anleihen zu finden sind, ist nicht verwunderlich. In einem Interview, das Jörg Weinöhl uns kurz vor der Premiere gab, verwies er auch explizit auf John Neumeiers Sommernachtstraum aus den 70er Jahren.

„Zum Abschluss dem Publikum etwas Schönes schenken“, hat sich der scheidende Ballettdirektor mit seiner „Sommernacht, geträumt“ vorgenommen. Das ist ihm gelungen.

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