Dostojewski reloaded

Dostojewski reloaded

Dostojewski reloaded

Von Elisabeth Ritonja

Der Spieler (Foto: Andrea Peller)

24.

Oktober 2017

Das Bronski & Grünberg zeigt in einer Wiederaufnahme noch bis Anfang November „Der Spieler“. Eine neue Fassung von Kaja Dymnicki und Alex Pschill, die das Geschehen in einem Hotel- Casino namens Lucky Bastard im Saigon Mitte der 70er Jahre ansiedeln.

Obwohl seither auch schon eine jede Menge Zeit vergangen ist, hat das Stück brisanten Aktualitätscharakter. Dass man dabei einen Blick in eine Zeit macht, die zumindest in Österreich als unbeschwert wahrgenommen wurde, macht sowohl älteren Semestern als auch dem jungen Publikum richtig Spaß.

Allerlei vom Designer-Flohmarkt

Die Regie – ebenfalls vom Duo Pschill/Dymnicki legt ein ordentliches Tempo vor. Die Auf- und Abgänge erfolgen entweder ins Off links von der Bühne oder hinter eine Wand, die mit allerlei Ausblicken ausgestattet ist. Ein verschmuddeltes Sofa darf nach der Pause seinen Platz in die Publikumsränge verlegen und Requisiten wie eine Zigarrenblume aus den 70er-Jahren wecken wohl des einen oder anderen Sammlerleidenschaft.

Das Ensemble spielt, als gäbe es kein Morgen

Nicht nur, dass geraucht wird auf Teufel komm raus, auch die Mode und das Lebensgefühl der damaligen Zeit schwingen kräftig mit. Hannes Gastinger als polternder und letztlich verzweifelter General hofft mit seiner Entourage auf das Erbe seiner Tante aus Amerika. Zu groß schon sind seine Spielschulden, als dass er sie aus eigener Kraft begleichen könnte.

Auch der Rest des Ensembles spielt, als gäbe es kein Morgen und führt dabei richtige Typen vor. Allen voran Aleksandra Corovic, die in die Rolle der vermeintlich siechen Tante schlüpft, die aber alles andere als mit einem Fuß schon im Grab steht. Wie sie, auf ihren Stock gestützt, drohend ihre Befehle, auf Rot oder Schwarz zu setzen, an Alex delegiert, wie sie ihren Neffen, den General mit größter Spielleidenschaft dabei um sein Erbe bringt und keine Widerrede duldet, ist beeindruckend und strapaziert die Lachmuskeln gleichzeitig.

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Der Spieler (Foto: Andrea Peller)

Dominic Oley schlüpft in die Rolle von Alex, der sich von einem verliebten Sekretär in einen spielsüchtigen Mann verwandelt. Er ist, neben dem General, der einzige, wirklich Leidtragende der Runde. Alle anderen, ebenfalls zutiefst in und um das Spielerdasein des Generals involviert, haben zumindest so viel Abstand, Spiel und Leben voneinander noch trennen zu können.

Julia Edtmeier gibt Polina, des Generals Tochter, in die sich Oley unsterblich verliebt hat. Kettenrauchend ist sie sich des um sie herum abspielenden Dramas sehr wohl bewusst und stiftet Alex dennoch zum wiederholten Spiel in ihrem Namen an. Immer wieder liefern sich die beiden Wortgefechte, die von einer turbulenten Show mit viel Slapstick, Wiederholungsmomenten und filmreifen Actionszenen unterspickt ist.

Eine DER Lachnummern steuert Florian Carove bei, der als falscher Franzose de Grieux sich durch den Abend schlingert. Mit seiner angeblichen Schwester Blanche (Lisa Reichetseder) hofft er ebenso auf das ausstehende Erbe, macht Blanche dem General doch schöne Augen und würde dabei nicht leer ausgehen müssen.

Der Turbulenzen und unterhaltsamen Regieeinfälle – beinahe im 5-Minuten-Takt – nicht genug, turnen noch mehrere Statisten über die Bühne. Angefangen von ausgelassenen, jugendlichen Kiffern bis hin zu einem kleinen Äffchen beleben sie die Szenerie immer wieder.

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Der Spieler (Fotos: Andrea Peller)

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Dostojewski bleibt Dostojewski

Das Erstaunlichste an diesem Abend ist aber, trotz allen Klamauks, dass Dostojewski in dieser Inszenierung Dostojewski bleiben darf. Seine Charaktere bleiben gut nachvollziehbar und sind trotz der zeitlichen Entfernung wiederzuerkennnen. Das Spiel von Haben und Nichthaben, vom stetigen Wechsel der Mächtigen fasziniert nach wie vor. Und macht im Bronski & Grünberg richtig Spaß.

Das Theater wurde wegen seines bemerkenswerten Engagements in Zeiten von Budgetkürzungen für den diesjährigen Nestroypreis in der Sonderkategorie nominiert. Die Jurybegründung ist absolut nachvollziehbar und kann unter diesem Link nachgelesen werden. https://www.nestroypreis.at/show_content2.php?s2id=279

Wir drücken jedenfalls die Daumen.

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Ein anständiger Mensch gehört nicht ins Paradies

Ein anständiger Mensch gehört nicht ins Paradies

Der Nachwuchsregisseur Josua Rösing warf sich bei seiner Abschlussarbeit am Max-Reinhardt-Seminar mit der Regie des Klassikers „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor M.Dostojewskij mächtig ins Zeug – und ließ mit dem Ergebnis wohl niemanden im Publikum kalt.

Die Brüder Karamasow in einer Inszenierung von Josua Rösing

Die Brüder Karamasow in einer Inszenierung von Josua Rösing (c) Forster

Dabei nahm er sich allerhand künstlerische Freiheiten heraus. Aus vier Brüdern des Originaltextes wurden drei, dafür kam eine bei Dostojewskij nicht vorhandene Figur – Warwara – hinzu. Eintausendsiebenhundert Seiten wurden auf nicht einmal 2 Stunden Spielzeit komprimiert und dennoch war die Aufführung eine in sich stimmige, spannende, erheiternde, bewegende und zum Nachdenken anregende. Viel mehr Lob kann man als Jungregisseur wohl nicht einheimsen.

Was Rösing mit den großteils Studierenden auf der Bühne des Max Reinhardt-Seminars zum Besten gab, war ideenvolles Theater, das nicht zögerte, einen großen Stoff schlaglichtartig neu zu beleuchten. Einzig der in Wien einem größeren Publikum bekannte Martin Schwanda in der Rolle des Vaters darf schon auf langjährige Bühnen- und Filmerfahrung zurückblicken und so gesehen war seine Besetzung eine ideale. Nicht nur, dass er vom Alter her am geeignetsten die Rolle übernehmen konnte, er agierte auch als ehemaliger Student dieser Hochschule quasi als Primus inter pares. An seiner Lebhaftigkeit und seiner überschäumenden Spielenergie durften sich seine jungen Kolleginnen und Kollegen nicht nur freuen, sondern sich durch diese Herausforderung auch selbst in Hochstimmung spielen.

In Rösings Inszenierung wurde klar, dass keiner von Karamasows Söhnen frei von Tadel, tiefen Gefühlen oder gar emotionalen Ausbrüchen ist, wenngleich sie auch den exzessiven Lebenswandel und das ungestüme Auftreten bei ihrem Vater selbst zutiefst verachten. Und auch sein Tod zerschneidet nicht jenes Band, das ihn unausweichlich durch seine leibliche Vaterschaft mit seinen Nachkommen verbindet. Ganz besonders deutlich wird dies dadurch, dass Karamasow auch nach seiner Ermordung stets präsent bleibt. Nicht nur in den Köpfen seiner Nachkommen, sondern auch optisch für das Publikum. Blutgeschwärzt sitzt er nach seinem Tod auf einem hochpolierten Flügel, auf dem – wie in einer Nummernrevue – von Zeit zu Zeit das eine odere andere Musikstück intoniert wird, und betrachtet dabei wortlos das Treiben der Jungen. Das genetische Familienerbe und die kindliche Prägung belasten für allzeit seine Nachkommen und bilden um diesen einen unsichtbaren Käfig, aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt. Dieser kluge Regieschachzug ist es, der am meisten beeindruckt. Das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, das Unaussprechliche, das dennoch von erdrückender Präsenz ist. Da hilft es auch nicht, dass die jungen Männer nach dem Ableben ihres Vaters die Enge ihres Handlungsspielraumes niederreißen versuchen, welcher durch zwei Sesselreihen symbolisiert wurde, zwischen denen sich anfänglich ein Großteil des Geschehens abspielte. Ganz im Gegenteil zeigt sich, dass sie, wie das Liebespaar Mitja und Gruschenka, mit dieser neuen Freiheit überhaupt nicht zurechtkommen. Wie schwer es ihnen fällt, eine neue Ordnung wieder aufzubauen, wird in dem Moment klar, in welchem die junge Frau mit großer Mühe daran geht, aus den umgefallenen Stühlen eine kleine, abgezirkelte Behausung für sich und ihren Geliebten zu bauen. Ein „Nest“, das wieder Halt und Wärme verleihen soll. Ob Mitja oder der Diener Smerdjakow – ebefalls ein Sohn Karamasows – diesen umgebracht hat, lässt Rösing in seiner Inszenierung offen. Damit unterscheidet er nicht zwischen der tatsächlichen Bluttat und jenen Gefühlen, die eine solche herbeisehnen. Genauso, wie auch die beiden Protagonisten selbst es nicht tun und sich zur Tat bekennen.

Eine der zentralen Fragen des Stückes, ob der Mensch eine göttliche Autorität anerkennt oder ob es ihm möglich ist, die volle Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, bleibt ebenso unbeantwortet. Der Einzige, der es sich in seinem Leben so eingerichtet hat, dass er sein Tun nicht zweifelnd hinterfragt, ist Karamasow. Ganz dem feudalen System verpflichtet, legitimiert er das Oben und das Unten der Menschen grundsätzlich durch Gottes Willen. Allerdings ist für ihn vor allem das Naturrecht des Stärkeren, das es ihm auch ermöglicht, vor allem die Frauen in seinem Leben triebhaft zu gebrauchen, ohne sich dabei auch nur irgendeiner Schuld bewusst zu werden, wie selbstverständlich in sein Lebenskonzept eingebunden.

Einen großen Einfluss auf die Aussage des Stückes hat das beeindruckende Bühnenbild von Mira König. Es tritt nicht nur orts- und stimmungsbeschreibend auf, sondern könnte jederzeit als Installation in einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst reüssieren. Ein Panoramafoto, auf dem eine leicht mit Schnee bedeckte Waldeslichtung in hartem Licht zu sehen ist, erzeugt das Gefühl von klirrender Kälte. Die davor Agierenden werden gekonnt von der Beleuchtung so in Szene gesetzt, dass sie schwarze Schattenfiguren abgeben, die in wohl proportionierten Abständen voneinander entlang des leicht gebogenen Fotofrieses langsame Bewegungen vollführen, während sie auf ihren nächsten Auftritt warten. Jeder und jede steht für sich alleine, ist ausgesetzt einzig den zwischenmenschlichen Beziehungen und scheint von diesen nicht gewärmt, sondern eher erfroren zu werden. Die aktuellen Bezüge zu Missbrauch in Familien, die in den musikalischen Einlagen thematisiert werden, zeigen mehr als deutlich, dass psychische und physische Gewalt in der Familie leider auch heute noch an der Tagesordnung steht. Da spendet auch Warwara keinen Trost, die streckenweise an eine Verkörperung des Hegel´schen Weltgeistes erinnert und von Rösing als Zusatzfigur in das Stück eingefügt wurde. Ihre artifiziellen Bewegungsmuster und ihre andauernde externe Beobachtung fügen dem Geschehen einen Metastandpunkt ein, ohne dies jedoch letztgültig richtungsweisend zu kommentieren.

Auffallend an der Inszenierung ist, dass der Jungregisseur in der ersten Spielhälfte die Beziehungen der Figuren untereinander plausibel und einfühlsam analysiert hat, jedoch mit der endgültigen Konklusion der Geschichte im zweiten Teil doch wohl zu kämpfen hatte. Hier hätten 10 oder 15 Minuten mehr nicht geschadet, was aber wiederum aufzeigt, wie kurzweilig die Inszenierung wirkte.

Katharina Breier, Katharina Haudum, Valerie Pachner, Bastian Parpan, Sebastian Schmeck und Lukas Wurm zeigten alle starke Bühnenpräsenz, was aufgrund der extremen Nähe zum Publikum gesondert hervorzuheben ist und ergaben ein in sich extrem homogenes Ensemble, aus dem niemand gesondert hervorzuheben ist.

Ein dunkler Theaterabend – mit vielen Farbtupfen

Ein dunkler Theaterabend – mit vielen Farbtupfen

Im Theater Spielraum in der Kaiserstraße in Wien ist derzeit der Klassiker „Schuld und Sühne“ von Fjodor M. Dostojewskij zu sehen.

Schuld und Sühne von Dostojewskij im Theater Spiel Raum in Wien (Foto Barbara Pálffy)

Schuld und Sühne von Dostojewskij im Theater Spiel Raum in Wien (Foto Barbara Pálffy)

Das Bemerkenswerte daran ist, dass sich ein so kleines Theater furchtlos über ein so groß zu besetzendes Werk macht. Dies gelingt jedoch in der Inszenierung von Gerhard Werdeker durch viele Mehrfachbesetzungen tadellos. Dabei benötigt er weder Bühnenumbauten, Auf- und Abgänge, noch aufwendige Kostümwechsel. Einzig eine wechselnde Beleuchtung sowie – und das macht die Aufführung optisch so einzigartig – viele unterschiedliche, bunte Mützen – kennzeichnen die jeweiligen Szenen bzw. Charaktere. In buntem Imitationspelz gehalten, signalisieren diese kleinen Accessoires, dass das Geschehen in Russland angesiedelt ist. Auf das Können der Kostümbildnerin Anna-Miriam Jussel ist zurückzuführen, dass die Kopfbedeckungen die einzelnen Personen voneinander auf den ersten Blick unterscheiden. Sie geben ihnen aber nicht nur einen raschen Wiedererkennungswert, sondern beschreiben auch, wie bei der Mutter und Schwester der Hauptperson, sogar deren Charakter. Der ehemalige Student Rodon Romanowitsch Raskolnikow ist der Einzige, der sich unbemützt durch das Stück spielen darf – eine schöne Metapher, die nicht nur für seine Außenseiterrolle in der Gesellschaft steht.

An unsichtbaren Leinen aufgehängt, warten die Mützen darauf, in rascher Abfolge immer und immer wieder gewechselt zu werden und dienen dabei auch als ein den Raum begrenzendes Element. Die Geschwindigkeit, in der die Szenen wechseln und ineinander übergehen, ist das zweite Charakteristikum des Abends, so als wollte Werdeker dem Publikum seinen Dostojewskij in Rekordzeit über die Ziellinie bringen. Ein wohltuender Ansatz, gilt es doch immerhin noch dreieinhalb Stunden – inklusive einer kurzen Pause – das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen. Peter Pausz in der schwierigen Rolle des mordenden Intellektuellen zeigt sein eigenes Gefangensein auch in der ständigen Benützung einer Bühnenrequisite. Ein stabiler, auf einer Seite offener Holzquader markiert nicht nur sein beengtes Zimmer, sondern versinnbildlicht auch die Grenzen seines Denkens, die er trotz aller Anstrengung nicht durchbrechen kann.

Die wohl größte Entdeckung dieses Theaterabends ist die Tatsache, dass der Text, erstmals vor knapp 150 Jahren veröffentlicht, nur so von zeitgenössischen Bezügen strotzt. Oder, besser gesagt, unser Zeitgeist diese Bezüge imstande ist, aktuell zu verknüpfen. Vor allem jene Stellen, in denen Dostojewski sich auf den Nationalökonomen Adam Smith beruft, sind von aktueller Brisanz. Die Unterordnung des Menschen unter die Regeln des Kapitalmarktes war – und das wird hier ganz deutlich – schon zu Beginn seines Entstehens ein ungelöstes Problem. Der Wert des Individuums im Gegensatz zur Gesellschaft darf hingegen als noch älteres Thema erkannt werden, welches bei unserer zunehmenden Weltpopulation noch ständig an Brisanz gewinnt.

Claudia Marold, Yvonne Laussermayer und Dana Proetsch bestreiten die weiblichen Rollen – alle in schauspielerischer Brillanz. Ihnen zur Seite stehen Christian Kohlhofer und Reinhardt Winter, ausgestattet mit Energie und einer überschäumenden Bühnenpräsenz, sowie der Doyen des Abends, Klaus Uhlich, der in jeder seiner Rollen zuallererst Menschsein transportiert.

Ein Theaterabend ganz im Sinne der Spielstätte – zum Nachdenken.
Tipp: Das Programmheft bietet vielerlei interessante, zeithistorische Informationen zum Nachlesen.

Weitere Termine: Mittwoch, 25. April bis Samstag, 2. Juni, jeweils Dienstag bis Samstag, 19 h (!)
Achtung: Samstag 28. April und Samstag 12. Mai KEINE Vorstellung, Dienstag 8. Mai & Freitag 1. Juni GESCHLOSSENE Vorstellung!

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