Es ist zum Speiben!

Von Michaela Preiner

Taxi.Speiber (Foto: Barbara Pálffy)

07.

Oktober 2017

„Taxi.Speiber“ – die jüngste Inszenierung des Bernhard Ensembles unter der Leitung von Ernst Kurt Weigel im Off-Theater in der Kirchengasse, sorgt mit einem Plakat derzeit in Wien für Furore.

Darauf zu sehen ist niemand Geringerer als der Chef des Hauses, wenngleich auch kaum wiederzuerkennen. Der Irokesenschnitt, den er darauf zur Schau stellt und die dunkle Sonnenbrille erinnern – zumindest die älteren Semester – an den jungen Robert de Niro in einer seiner bekanntesten Rollen – jener des Taxidrivers Trevis. Martin Scorsese führte Regie und ließ mit diesem Film, veröffentlicht 1976, in die seelischen Abgründe jenes Vietnamveteranen blicken, der einen „Auftrag“ verspürt und eine junge Prostituierte aus ihrem Milieu erretten will.

Eine wienerische Transformation US-cineastischer Sternstunden

Weigel bleibt mit dieser Inszenierung einer seiner kreativen Ideen treu. Im Jahr 2011 kreierte er sein „Mash up“-Format, in dem er US-cineastische Stoffe mit Wiener Kolorit mixt – sehr zur Freude des Publikums.

In „Taxi.Speiber“ mimt er selbst die Titelfigur, den jungen Taxler Trevis, der aus Schlafmangel den Job eines Nachtfahrers annimmt. Im Off-Theater darf er allerdings in seiner ausrangierten Limousine nicht durch New York, sondern durch Wien kurven und dabei – bis auf wenige Ausnahmen – höchst skurrile Fahrgäste transportieren. Wobei mit höchst skurril Obsessionen gemeint sind, welche die Menschen in seinem Taxi ungeniert zur Schau stellen. Ohne jegliche Widerrede bringt Trevis dabei alle an ihr Ziel. Einen aggressiven Typen, der sich an seinen Beschimpfungen gegenüber dem Fahrer aufgeilt, einen Schwulen, der seine eigene Love-Parade um den Ring drehen will, ein laut keifendes Paar, das heftig gestikulierend und in einem arabischen Kauderwelsch Trevis Taxi dazu benutzt, seine Meinungsverschiedenheiten auszutragen, einen geilen Typen, der seine Frau dazu animiert, Trevis ihre Scham bloßzulegen, eine junge Frau, die ihm ihr Hinterteil präsentiert, einen Jogger, der ins Laufhaus möchte und, und, und.

Der verbale Shit, den sie über Trevis kübeln, wird zusätzlich dadurch veranschaulicht, dass alle sein Taxi vollspeiben – um in der Diktion des Stückes zu bleiben. Kein Wunder, dass dieser die Nase bald voll hat und die „kranken Viecher“ die sich nachts in Wien herumtreiben, auch nur mehr zum Kotzen findet.

Taxi.Speiber (Foto: Barbara Pálffy)

Das goldene Wiener Herz gibt es nicht mehr

Die Pausen, die er in der Taxizentrale mit Kollegen und Kolleginnen verbringt, bieten Gelegenheit, nicht nur einzelne Charaktere vorzustellen, als da wären: Ein sprachgestörter, junger Mann, der, im höchsten Maß zappelig, wie eine lebende Zeitbombe wirkt (Leonie Wahl), ein Alt-Nazi, der Hitler bei einer Droschken-Ausfahrt gegenüberstand (Michael Welz), eine Frau, deren Gesprächsbeiträge immer mit „mir is des wuascht, oba mei Oida sogt“, beginnen (Rosa Braber), eine junge, höchst Naive, der die Dummheit aus den Augen blitzt (Isabella Jeschke) und der Chef des Taxiunternehmens, der sich in jeder neuen Anekdote, die er zum Besten gibt, an erotische Begebenheiten erinnert (Kajetan Dick) – mag man sie ihm glauben, oder nicht. Bei vielen seiner Ansagen steht unverkennbar Qualtingers Herr Karl hinter ihm.

Taxi.Speiber (Fotos: Barbara Pálffy)

Themen ohne Ende am laufenden Band

Während dieser Szenen liefert Weigel zugleich auch eine düstere Gesellschaftsbeschreibung Wiens mit. Von einem goldenen Wienerherz kann dabei nicht die Rede sein. Und dennoch ist es kein düsterer Abend. Gespickt mit jeder Menge humoriger Ansagen drückt Weigel auch kräftig auf die Lachhupe. Dabei thematisiert er Themen wie die Fluchtbewegung, die Biowelle, die Kampusch und Fritzl-Dramen, das Lichtermeer von 1993 in Wien, das berühmte Plakat „i haaß Kolaric“ von der Initiative Mitmensch aus dem Jahr 1973 und vieles mehr am laufenden Band. Wunderbar dabei ist der ununterbrochene, rasche Rollenwechsel, der zugleich mit den pointierten, sprachlichen Einfällen und überzogenen Charakteren an ein Commedia dell`arte Stück erinnert. In diesen Momenten ist das Publikum Zeuge eines zum Glück noch lebendigen Theaterverständnisses, welches die Lust am Spielen mit vollem Risiko förmlich zelebriert.

Wie aus einer anderen Welt erscheinen hingegen jene Momente, in welchen er Leonie Wahl tanzen lässt. In weißem Kleid verkörpert sie jene junge Frau, die in Scorseses Film eine Wahlhelferin spielt, in die sich Trevis verliebt. Was als Solo beginnt, endet als intensives Pas de deux, in dem Weigel spiegelbildlich die Bewegungen der Tänzerin aufnimmt und dabei das Gefühl von inniger Verbundenheit über den Bühnenrand kippt.

Taxi.Speiber (Foto: Barbara Pálffy)

Bei Bach wird`s dramatisch

Durch eine höchst kluge Musikregie verdichtet sich das Geschehen schließlich bis hin in jene Szene, in welcher sich Isabella Jeschke als Idealbesetzung in der Rolle der jungen Prostituierten, in einer völlig aussichtslosen und erniedrigenden Situation befindet. In welcher genau, soll hier nicht verraten werden, denn Weigel setzt den Amoklauf, den Trevis letztlich durchführt, anders an als Scorsese. Die Kantate „Erbarme Dich“ aus Bachs Matthäuspassion tut ein Übriges, dass dem Publikum kalte Schauer über den Rücken laufen.

Mit dieser Szene, sowie im finalen Massaker, in „slow-motion“ vorgeführt, gelingt Weigel einer jener Momente, die auf der Bühne rar sind. Hier verschmilzt der Scorsese-Film und sein Mash-up zu einem neuen Ganzen. Mit diesem schafft er eine Illusion, in der das Leben außerhalb des Theaters keine Rolle spielt, ja ganz ausgeblendet erscheint. Ob New York oder Wien, auch das ist in diesem Moment völlig unerheblich.

„Taxi.Speiber“ nimmt sein Publikum auf höchst amüsante Weise mit auf eine Fahrt durch ein Wien, in dem zwar keine Heurigenseligkeit, aber jede Menge tiefschwarzer Humor anzutreffen ist. Mitgeliefert bekommt man eine Riesenportion Spielfreude, die ansteckt. Was will man mehr?!

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