Die x-te Potenz von politischer Inkorrektheit

Von Michaela Preiner

LizArt Productions + toxic dreams “The Audition” (Foto: © Sandra Fockenberger)
14.
August 2017
Politisch korrekt war gestern. Heute gibt es „The Audition – For the Role of Stephen Hawking in The theory of everything“.
Impulstanz ist immer wieder für Überraschungen gut. LizArt Productions & toxic dreams waren dieses Mal für eine solche verantwortlich. Im Schauspielhaus präsentierten sie dem Publikum „The Audition – For the Role of Stephen Hawking in The Theory of everything“.

Die Szenerie: Das Publikum wird zu einem vermeintlichen Casting von drei Personen eingeladen, die sich für die Rolle des Stephen Hawking im Film mit dem Titel „The theory of everything“ bewerben. Sie sollen verschiedene Szenen aus dem Film in ihrer ganz speziellen, persönlichen Art und Weise vorspielen. Anna Mendelssohn verkörpert die Rolle von Nina Gold, einer realen Casting Direktorin, die für Hollywoodfilme die Besetzung erarbeitet. Die Herausforderung vor der sie nun steht ist: Eine Darstellerin oder einen Darsteller zu finden, dem oder der man die Interpretation des schwer behinderten Hawking abnimmt.

LizArt Productions + toxic dreams “The Audition” (Foto: © Sandra Fockenberger)

Diversität sorgt für volle Kassen

„Heutzutage lohnt es sich sehr, bei den Casts auf Diversität zu achten. Nicht aus Altruismus, sondern aus der Überlegung heraus, dass unterschiedliche Nationalitäten, Geschlechter usw. einfach mehr Besucher ansprechen.“ Ganz trocken erklärt Gold zu Beginn, warum man für die Besetzung auch nach Leuten suchte, die tatsächlich behindert sind. Denn schließlich arbeitet sie für eine Hollywoodproduktion, bei der die Produzenten Millionen investieren und diese auch wieder eingespielt bekommen möchten.

Es ist nur eines von mehreren knallharten Statements, die Gold an diesem Abend von sich gibt und das klarmacht: Hier geht es in allererster Linie nicht um Kunst, hier geht es um Business. Und um die Authentizität größtmöglich zu halten, wurden für das Casting neben einem Schauspieler auch zwei Frauen eingeladen, die verschiedene, körperliche Behinderungen aufweisen. Dass sie selbst schon als Schauspielerinnen gearbeitet haben, erfährt das Publikum staunend im Laufe der verschiedenen Konversationen mit Gold.

LizArt Productions + toxic dreams “The Audition” (Fotos: © Sandra Fockenberger)

Liz Taylor, Conny Clark und Dominik Grünbühel

Mit Cornelia Scheuer und Elisabeth Löffler befinden sich zwei Akteurinnen im Stück, die trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigungen den Sprung auf die Bühne geschafft haben. Nicht erst mit dieser Produktion. Gemeinsam mit der Gruppe Toxic dreams, die sich immer wieder mit ihren Arbeiten im Grenzgang zwischen Realität und Fiktion befinden, stellen sie sich der Herausforderung, ihre Behinderung in diesem Setting sogar einer Art Bewertung unterziehen zu lassen. Harter Tobak für das Publikum. Denn auf der Suche nach dem- oder derjenigen, die oder der Hawking am naturalistischsten verkörpern kann, setzen sich die beiden Frauen einer Prozedur aus, in welcher ihre körperlichen Beeinträchtigungen in all ihren Facetten öffentlich aufgezeigt werden. Unter der einfallsreichen Regie und mit dem hervorragenden Text von Yosi Wanunu erlebt das Publikum dabei eine Hochschaubahnfahrt von unterschiedlichsten Emotionen.

 

Der „hanging walker“

Am „hanging walker“, einer Art Flaschenzug, an dem die behinderten Frauen auf- und nieder gelassen und auch vor- und rückwärts bewegt werden können, wird besonders deutlich, in welcher Verfassung sich ihre Körper befinden. Sie, die sich in ihrem Leben mit ihren Behinderungen längst arrangieren mussten, konfrontieren das Publikum erstmalig mit ihren immensen Herausforderungen. Dabei erzeugen die beiden an Seilen festgezurrten Damen zum Teil blankes Entsetzen, vor allem, wenn Gold ihre jeweilige Situation auch noch völlig trocken kommentiert. Immer wieder macht sie Elisabeth Löffler, alias Liz Taylor, ein Kompliment, in dem sie ihr erklärt, wie schön ihre rechte Hand, deren Finger sie nur teilweise bewegen kann, doch sei. „Your disabled hand is beautiful!“ Immer wieder meint sie auch, dass Cornelia Scheuer, alias Conny Clark, der Figur von Stephen Hawking mit ihrem Aussehen besonders nahekäme.

Da wirken die schauspielerischen Manöver von Dominik Grünbühel beinahe richtig erholsam. Wenn er mit verzerrtem Gesicht und zusammengekrümmten Händen Unverständliches vor sich her brabbelt, weiß man, dass er sich nach der Szene wieder aufrichten und fröhlich abmarschieren kann. Auch wie er sich in einen bereit gestellten, elektrisch betriebenen Rollstuhl hechtet, zeigt, wie weit entfernt er vom Körpergefühl seiner beiden Rivalinnen ist. Aber zugleich auch, mit wie wenig Respekt er diesem Umstand auch entgegenbringt.

Die Musik zu den einzelnen Szenen (Michael Strohmann) ist außergewöhnlich gut ausgesucht und hollywoodreif. Das hilft bei der emotionalen Unterstützung von Momenten, in denen kräftig auf die Tränendrüsen gedrückt wird genauso wie in jenen, in denen gelacht werden darf.

Die Leichtigkeit des Spiels

Je länger die Vorstellung dauert, umso mehr bekommt man aber auch das Gefühl, dass Scheuer und Löffler an diesem Spiel richtig Spaß haben. Und genau das ist der Moment, an dem man beginnt, sein eigenes Bild von behinderten Menschen zu hinterfragen. Wie sie da so hängen, wie sie sich mühsam eine Treppe verkehrt hinauf schleppen, oder wie sie mit motorisierten Rollstühlen einen Freudentanz aufführen – all das tun sie mit vollem Einsatz, einer riesigen Portion Humor und nicht zuletzt schauspielerischem Können. Nicht mehr und nicht weniger. Die Behinderung findet in diesem Fall mehr in den Köpfen des Publikums statt, das die vorgespielten Probeszenen ständig zwischen Empathie, Voyeurismus und ungläubigem Staunen verfolgt.

Es ist aber auch genau dieser Moment, in dem das Spiel eine unglaubliche Leichtigkeit bekommt. All jene Querverbindungen zwischen Hawking und den beiden Schauspielerinnen, in denen seine Krankheit thematisiert und ihre Endgültigkeit ausgesprochen wird, bilden nun keine Last und keinen Schrecken mehr. Vielmehr beginnt man zu verstehen, dass alle Menschen, egal ob behindert oder nicht, mit Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen haben. Das Annehmen dieser Schwierigkeiten macht den Unterschied eines glücklichen, erfüllten Lebens aus. Und man beginnt zu verstehen, dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen nicht nur mit ihren körperlichen Behinderungen zu kämpfen haben, sondern vor allem mit den Vorurteilen der anderen. Autsch, das sitzt.

Ein unglaublich gescheiter, packender und humorvoller Abend, der ganz nebenbei auch die Mechanismen des großen Filmbusiness offenlegt – wunderbar platziert bei Impulstanz.

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