The Wild Duck

Die Wiener Festwochen präsentierten am Samstag den 18. Mai „The Wild Duck“ nach der „Wildente“ von Henrik Ibsen, in einer Neufassung der Australier Simon Stone und Chris Ryan. Simon Stone, junger und hochgelobter Autor und Regisseur hat ein Faible für Klassiker. Er adaptiert sie – im Fall der „Wildente“ drastisch – und stellt sie in einen zeitgenössischen Kontext. Was von den klassischen Vorbildern bleibt, ist die psychologische Dramatik der Figuren, wenngleich auch hier teilweise verändert. Auf die Frage, warum Stone denn nicht gleich eigene Stücke schreiben würde, wird er im Programmheft folgend zitiert: „Ich will, dass die Zuschauer sehen, wie etwas zwischen den Darstellern passiert. Klassische Stücke sind in dieser Hinsicht nützlich, weil sie sich schon bewährt haben und nachweislich starke Geschichten erzählen“.

The Wild Duck Wiener Festwochen

„The Wild Duck“, in einer Neubearbeitung von Simon Stone & Chris Ryan, erlebte bei den Wiener Festwochen seine Premiere im deutschsprachigen Raum. (Foto: Heidrun Lohr)

Ibsen ist hierfür in jeder Hinsicht eine gute Wahl. Der tiefen Ausleuchtung seiner Charaktere und diverser Handlungsverschränkungen muss nichts mehr hinzugefügt werden, Stone zeigt aber, dass Kürzungen absolut möglich sind. In seiner Produktion erlebt das Publikum eine rasante Abfolge von theatralischen Stilmitteln die, mit einer schwarzen Komödie beginnend, sich in eine handfeste Tragödie verwandeln und schließlich in einem analytisch scharfen Psychogramm enden. Das Drama über uneheliche Kinder, über Lebenslügen, Moral und Triebhaftigkeit ist ein über die Jahrtausende hinweg sich ständig Wiederholendes – die Versetzung des Geschehens aus dem 19. Jahrhundert in unsere Zeit also keine Klassikerschändung. Einen großen Anteil am Gelingen der Produktion muss Ralph Myers zugestanden werden, der mit einem gläsernen Einzimmer-Haus auf der Bühne eine voyeuristische Szenerie schuf, die sich durch gekonnte Lichttechnik innerhalb weniger Sekunden in eine andere Umgebung verwandeln kann. Hilfreich bei dieser ständig wechselnden Verortung ist eine Datums- und Zeitanzeige auf der Übertitelanzeige, durch die man jeden Orts- oder Zeitwechsel erkennen kann, ohne dass sich das Bühnenbild verändert. Frei von jeglichem Mobiliar präsentiert sich das Haus von Gina und Hjalmar Ekdal, einzig der Vater Hjalmars – facettenreich und tiefgründig von Anthony Phelan gespielt – erhält einen Schemel, auf dem er es sich ein wenig bequem machen kann. So karg der Raum auch ist, es scheint eine funktionierende und sich liebende Familie in ihm zu wohnen und sich darin auch wohlzufühlen. Bis eines Tages alles anders wird. Der junge Gregers zerstört dieses einfache Lebensglück, das in Wahrheit auf Lebenslügen aufgebaut ist, indem er seinem Freund Hjalmar klar macht, dass Hedvig nicht seine Tochter ist. Vielmehr hatte seine Frau Gina mit Gregers Vater, Konsul Werle, ein Verhältnis, wurde schwanger, und um seine eigene Ehe nicht zu gefährden, führte Werle Gina in einer geschickt eingefädelten Aktion dem jungen Hjalmar zu, der sich in sie verliebte und heiratete. Gregers ist es nicht gelungen, einen beziehungsfähigen Charakter zu entwickeln. Der Freitod seiner Mutter, mit dem sie auch ein Zeichen gegen all die Seitensprünge ihres Mannes gesetzt hat, lastet zu stark auf dem jungen Mann. Seine Vorstellung, Gina sei dafür ursächlich auch verantwortlich, mag wohl Teil seiner Motivation gewesen sein, auch ihr Familienglück zu zerstören.

Wie bei Ibsen bleibt auch in dieser Neufassung offen, warum Hjalmars Vater für ein paar Jahre ins Gefängnis musste – die Tat wird lediglich als Wirtschaftsdelikt erkennbar. Erst kurz vor Ende der Aufführung macht er seinem Sohn klar, dass er ganz bewusst alle Schuld auf sich genommen hatte, denn mit einer zusätzlichen Verurteilung Werles, die von Rechts wegen stattfinden hätte müssen, wäre die Firma sicher verloren gewesen. Das Drama, das durch die einmal ausgesprochene Wahrheit über die Familie hereinbricht, kulminiert schlussendlich im Freitod von Hedvig. Wenige Tage, nachdem ihr ihr vermeintlicher Großvater für die Jagd den Umgang mit einem Gewehr beigebracht hat, erschießt sie sich nach einer Auseinandersetzung mit Hjalmar. In seiner verzweifelten Wut und Enttäuschung über die Lebenslüge seiner Frau stößt dieser bei seinem letzten Gespräch mit Hedvig diese von sich und macht ihr klar, dass er nicht bei der Familie bleiben könne, ja für das junge Mädchen noch viel entsetzlicher, dass er ihren Anblick nicht weiter ertragen würde. Da nützte auch ihre rationale Erklärung nichts, dass das soziale Umfeld stärker zähle als die Blutsbande. Wenige Augenblicke später setzt sie ihrem jungen Leben ein tragisches Ende.

In einer gekonnten Musikregie unterstützen Bach`sche Klänge jene emotionalen Momente, in welchen die Welt für die jungen Eheleute zusammenstürzt. Sowohl das Leid Ginas, im Moment des Zusammenbrechens ihrer Beziehung mit ihrem Mann, als auch das Entsetzen der Eheleute nach dem Vernehmen des Todesschusses Hedvigs, unterlegt Stone akustisch genial. In den wenigen Sekunden, die nach dem lauten Todesschuss, der aus dem Off das Publikum heftig erschreckt, und in welcher die Verzweiflung der Eltern sichtbar wird, gehen diese Klänge mehr als unter die Haut. Sie unterstützen die eigene Emotionalität und packen diese an der Wurzel ihrer Entstehung – ein dramaturgischer Eingriff erster Güte mit dem Stone seine eingangs zitierte Intention gelingt.

Die große Leistung von Stone und Ryan liegen darüber hinaus in der radikalen Kürzung des Textes, in der dennoch alles Wichtige bestehen bleibt. Wie durch ein Brennglas zeigen sie psychologische Mechanismen auf, die allgemeine Gültigkeit haben. Die zentrale Erlöserrolle – der alte Ekdal, der dem vielen Leid nur seine Lebensweisheit entgegensetzen kann, wird bei ihnen in die Demenz geschickt. Er ist als einziger nicht dazu verdammt, bis an sein Lebensende wissend schuldbeladen leben zu müssen.

In der letzten Szene lässt Stone, der auch für die Regie verantwortlich zeichnete, Gina und Hjalmar aus dem Glaskäfig heraustreten. Neben vielen anderen Metaphern, welche die Vorstellung bereithält, ist sie eine der stärksten. Das Verlassen der vermeintliche Komfortzone war mit unendlichen Schmerzen und Schuld verbunden. Zugleich aber auch ein Neubeginn, der die Psyche der Eheleute in eine Freiheit katapultierte, in welcher die Schwere der Lebenslüge nicht mehr auf ihnen lastet.

Brendan Cowell, Blazey Best, Damon Harriman, John Gaden, Eloise Mignon und der schon erwähnte Anthony Phelan spielen alle auf dem gleich hohen Qualitätsniveau. Ein Umstand, der auch wesentlich zum Gelingen einer Aufführung wie dieser beiträgt. „Die Wildente“ von Stone und Ryan könnte sich ihrerseits zu einer Ikone im Bereich der Klassikerbearbeitung entwickeln, setzt mit dieser Aufführung die Latte für künftige Bearbeitungen aber enorm hoch.

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