Windige Finanzgeschäfte und die russische Seele

„Tote Seelen“ in einer Inszenierung von Kirill Serebrennikow ist ein Dauerbrenner am Moskauer Gogol-Zentrum. Die Wiener Festwochen präsentierten das Stück einem begeisterten Publikum im Volkstheater.

Gleich zu Beginn wird klar: Das Spiel um einen bestechlichen Beamten im Russland in der ausklingenden Zarenzeit klingt bis ins Heute. Die Männer tragen in der ersten Szene Baseballcaps und haben ihren Spaß mit LKW-Reifen. Bald wird sich zeigen, dass Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, ein gerissener und intelligenter Beamter, der sich auf den Ankauf toter Seelen spezialisiert hat, prächtige Nachfolger in der Investmentbranche gefunden hat. Geschäfte mit Dingen zu machen, die es gar nicht gibt, oder mit Menschen, die schon gestorben sind, hat eine längere Tradition, als wir dies bislang meinten. Gogols Text erschien das erste Mal 1842.

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow nahm sich des Romans „Tote Seelen“ an und bietet in der dramatischen Fassung nicht nur einen Einblick in die Mechanismen von windiger Geschäftemacherei. Er lässt auch tief in die russische Seele blicken. Dazu benötigt er ein Theater, das mit all jenen klassischen Stilmitteln aufwartet, das konventionelles Theater vor der Entdeckung der Postdramatik innehatte. Eine große Geschichte. Schauspieler, die in vielerlei Charaktere schlüpfen. Eine Regie, die einen roten Faden durch die Handlung zieht und einen Schluss, der überrascht. Die aus dem ehemaligen Ostdeutschland stammende Theatermacherin Astrid Griesbach erklärte jüngst in einem Interview, dass man am Theater nichts Neues erfinden müsse, es sei alles da und man müsse nur genau hinschauen. Diesem Credo huldigt Serebrennikow in dieser Inszenierung offenbar auch. Erst 2014 war seine Regiearbeit für Olga Neuwirths „American Lulu“ im Theater an der Wien zu sehen. Bedenkt man die technischen Raffinessen, mit denen Neuwirths Oper bestückt war, ist „Tote Seelen“ hingegen puristisch, was den multimedialen Einsatz betrifft.

Auf der Bühne nur Männer

Seine 11köpfige, rein männlich bestückte Truppe macht das, was Theater schon immer ausgezeichnet hat: Sie erweckt eine große Anzahl an Figuren zum Leben. Egal ob Beamte oder Ehefrauen, Gutsbesitzer, Dienerinnen oder auch eine ganze Hundemeute. Die Männer jeden Alters spielen, was das Zeug hält. Und vermitteln ihr Können in ihrer eigenen, den meisten Menschen im Publikum nicht vertrauten Sprache. Über der hohen Bühne des Volkstheaters können die Untertitel mitgelesen werden. Eine Erschwernis, wenn man gleichzeitig die Bühnenpräsenz der Schauspieler beurteilen möchte. Die ist jedoch so stark, dass der Blick ruhig mehrfach auf- und abschweifen kann, ohne dass man das schauspielerische Feuerwerk auf der Bühne nicht mitbekäme.

In einer Mischung aus musikalischer Revue, handfestem Volkstheater und einer zeitgeistigen Inszenierung legt Serebrennikow vor allem Wert auf eine genaue Wiedergabe von einzelnen Menschentypen. Der redselige Spieler, der keine Chance ungenützt lässt, um mit seinem Gegenüber ins Spiel zu kommen; der geizige Gutsherr, der seine Leibeigenen verhungern lässt; die bauernschlaue Witwe, die zaudert, weil sie noch nie einen Verkauf von toten Seelen vorgenommen hat und Angst hat, über den Tisch gezogen zu werden. Sie und noch viele mehr tauchen die Geschichte in die allerbuntesten Farben. Um nicht zu sagen in die allergrellsten. Denn es wird dick aufgetragen. Im Spiel, in den Kostümen, in der Musik. Am Klavier, wie einst zur Begleitung von Stummfilmen, ein Pianist, der einzelne Szenen untermalt. Einmal lyrisch, dann wieder dramatisch. Aber er sorgt auch für die musikalische Begleitung verschiedene Lieder, die von einzelnen Männern oder auch kleinen Gruppen intoniert werden. Das an der linken, vorderen Bühnenecke platzierte Pianino wird durch Verstärkung zeitweise zu eine Instrument, welches das Haus bis in die letzte Reihe mit sattem Klang füllt. So läuft die Hauptfigur Pawel Iwanowitsch Tschitschikow zu Beginn und am Schluss des Geschehens immer und immer wieder große Kreise und spornt dabei mit lauten Rufen seine imaginären Pferde an. Russland ist groß und dank der musikalischen Untermalung wird dieses Gefühl in Sekundenschnelle transportiert.

Serebrennikow zeichnet, wie immer in seinen Inszenierungen, auch für die Bühne und Kostüme verantwortlich. Die Wände sind guckkastenartig rundum mit Pressspanplatten ausgekleidet. Einzig an deren rechten Seite ist ein großes Fenster eingelassen, das den Protagonisten öfter als Fluchtort dient. Die meisten Umkleideaktionen geschehen sichtbar auf der Bühne während des Spiels. An der Decke sorgen einige, in späteren Szenen geöffnete Luken dafür, dass schwere Ketten hinabgelassen werden können. Tische und Sessel, vielmehr braucht es nicht, um all die unterschiedlichen Orte zu markieren, die Tschitschikow auf seiner Reise durch Russland besucht.

Ein schauspielerisches Feuerwerk

In wunderbaren Spielszenen lässt der Regisseur jenes Russland des 19. Jahrhunderts wiederauferstehen, in dem Not und Hunger streng hierarchisch verteilt waren. Das Gut mit den alten Frauen ist dabei ein Highlight. Schwarze Mäntel und Umhänge, weiße Spitzendeckchen – es sind keine Originalkostüme, die hier verwendet werden, deswegen aber umso lebendiger und witziger. Die Charakterstudie der alten Gutsfrau, umgeben von einem ganzen Schwarm von devoten Dienerinnen, ist gleichermaßen brillant und amüsant. Ein herrliches Stück Komödie in der tiefschwarzen Tragödie von Gogol. Stoisch auf ihrem Stuhl sitzend und über die Finte sinnierend, die wohl hinter dem kuriosen Ankauf von toten Seelen stehen könnte, ist sie das Gegenteil jenes jungen Mannes, der sein Hab und Gut beim Spiel verschleudert. Dieser extrovertierte Lebemann ist getrieben von seiner Spielsucht. Seine verletzte Ehre treibt ihn am Ende dazu, Tschitschikow zu erpressen, der ihn zuvor des Falschspiels bezichtigte. Sein atemloser Redeschwall wird von permanenten Bewegungen wie Sprüngen oder raumgreifenden Gestikulationen begleitet, wodurch er den Eindruck eines hyperaktiven Kindes erweckt. Sobald er auf der Bühne ist, gibt es wenig Raum für die anderen. An einer Stelle springen die Akteure als weiße Bluthunde verkleidet auf die Bühne, um den ständig feilschenden Seelenkäufer zu bedrohen. In einer anderen liegen vier von ihnen barfüßig auf Tischen, zugedeckt mit Brettern. Die weißen Zettelchen an ihren Zehen markieren die heute gängige Praxis in Anatomien – einer jener kleinen Jetztbezüge, die völlig unaufdringlich, aber umso effektiver in der Wahrnehmung des Publikums ankommen.

Trotz der Textkürzung des Romans auf 2 Stunden 20 Minuten gelingt ein tiefer Blick in die russische Seele während der Zeit der Romanows. Aber ein kleiner Blick auch ins Heute. Die allumspannende Klammer, die den Anfang und Ende zusammenhält, und durch die sich das Geschehen letztlich als Traumsequenz erklärt, ist mit einer großen Portion Poesie versehen. „Nehmt die Menschlichkeit aus eurer Jugend mit!“ diese Aufforderung, die durch einen der Songtexte vermittelt wird, steht diametral im Gegensatz zu jener Handlungsweise, die Gogol seiner Hauptfigur zugesteht. „Russland, was willst du von mir?“ – auch diese Frage wird musikalisch gestellt und ist wohl eine, die sich Millionen von russischen Menschen gerade auch heute stellen. Kirill Serebrennikow, dem 2012 das „Gogol-Zentrum“ anvertraut wurde, schafft mit dieser Inszenierung den Spagat zwischen der Bewahrung eines historischen Stoffes und gleichzeitig gelingt es ihm, ohne dass er gewalttätig gegen den Text vorgehen muss, ein brisanter Aktualitätsbezug. Ein Schelm, wer hier an Subversion denkt.

Eine aktuelle Inszenierung mit großartigen Schauspielern, die das Flair einer Zeit verbreitet, der man nicht mit Wehmut nachtrauern muss. Nach der Oper „Luci mie traditrici“ ein weiteres Highlight der Wiener Festwochen, das vom Premierenpublikum heftig akklamiert wurde.

Komposition: Alexander Manotskow
Schauspieler: Odin Biron, Oleg Guschtschin, Ilja Kovrischnikh, Anton Kukuschkin, Nikita Kukuschkin, Andrej Poliakow, Jewgeni Sangadschiew, Sergej Sosnowski, Semjon Steinberg, Michail Troinik, Anton Wassiljew

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