Die Freiheit, die zur Knechtschaft wurde

Ein Monster beherrscht den Bühnenraum. Ein technisches Monster, ein Hybrid aus einer Propellermaschine, einer Windmühle und einer riesigen Dampflok. Bedrohlich steht es da und man kann erahnen, dass sein Inneres nicht weniger bedrohlich als sein Äußeres ist.

Das Bühnenbild von „Tschewengur, Die Wanderung mit offenem Herzen“, der ersten großen Festwochenproduktion 2016, stammt von Aleksandar Denić. Der aus Serbien gebürtige Kreative, der vor seiner Zusammenarbeit mit Frank Castorf Szenenbilder für Filmprojekte entwarf, erhielt 2014 die von der Zeitschrift „Theater heute“ vergebene Auszeichnung zum „Bühnenbildner des Jahres“. Für Tschewengur schuf er einen Kosmos, den er auf engsten Raum zusammenpackte. Durch die Drehbühne können immer wieder andere Seiten der Rauminstallation eingesehen werden, Live-Videokameras bieten die Möglichkeit, das Spiel auch im Inneren des Raumlabyrinths zu verfolgen. Die großen Videoleinwände hoch über den Köpfen des Ensembles, ziehen die Publikumsaufmerksamkeit auf sich. Ihrer Anziehungskraft kann man sich, ob man will oder nicht, nicht entziehen.

Frank Castorf präsentierte bei seiner Arbeit nicht nur sein Theater, seine Art Regie zu führen, sondern an allererster Stelle Andrej Platonow (1899greg. – 1951). Einen in Österreich wenig bis kaum bekannten Schriftsteller, der zu den ersten Systemkritikern des Kommunismus gehörte und deswegen von Stalin auch mundtot gemacht wurde. „Tschewengur“ ist der Name einer kleinen Stadt, die gerade dabei ist, den Kommunismus zu erlernen. Stepan Kopjonkin, der im Gedenken an die ermordete Rosa Luxemburg „die ganze Welt in die Freiheit des Kommunismus entlassen möchte“, macht sich auf den Weg in die Ortschaft, welche die Feudalherrschaft noch nicht verdaut hat, aber schon mit dem neuen System des Kommunismus zurande kommen soll. Platonows Text wird von Castorf, eigentlich bedürfte das keiner besonderen Erwähnung, nicht eins zu eins auf die Bühne gebracht. Die Geschichte, die ein veritables Untergangsszenario präsentiert, wird immer wieder durch Szenen unterbrochen, in welchem er das Theater an sich meisterlich zelebriert.

Egal ob dabei getanzt wird, oder ob die Schauspielerinnen und Schauspieler plötzlich zu Hühnern mutieren, egal ob Platonow als unglücklicher Ehemann dargestellt, oder eine Spritztour in einem Auto auf einem amerikanischen Highway gezeigt wird, Castorf führt vor, was Theater alles kann. Mit welcher Fülle an Ideen es aufzuwarten vermag, wie schnell die Rollen getauscht werden können, die Bedeutungen der Akteurinnen und Akteure wechseln. Dabei lässt er seine Truppe in die Rolle von Hühnern oder Kakerlaken schlüpfen, lässt sie als Ballerina oder Dame im Reifrock über die Bühne hüpfen. Er verwandelt eine Platonow-Figur in einen ungläubigen Thomas, dessen Wunde für jedermann sichtbar bleibt und lässt einen der Darsteller nach rund vier Stunden die Frage stellen, ob denn „die da unten“ – mit Blick ins Publikum – noch da seien. Es wirkt beinahe neckisch, dass sich der Theatermann auch nicht scheut, sich selbst auf den Arm zu nehmen, wenn jemand vom Ensemble feststellt, dass er sich nichts von einem in die Jahre gekommenen Ex-avantgardistischen Regisseur sagen lassen will. Es sind Szenen wie diese, für die Castorf in seinen früheren Arbeiten als Stücke-Zertrümmerer verteufelt wurde und die ihm den Ruf eines Postmodernisten am Theater einbrachten. In dieser Aufführung ist nicht viel Postmoderne anzutreffen, wird darin neben viel Theaterdonner und –klamauk doch eine große Geschichte erzählt. Die Geschichte des Kommunismus, der von Platonow wegen seiner menschenverachtenden Handhabung kritisiert wurde. Wie nebenher zeigt Castorf aber auch noch eine zweite Handlung. Zu Beginn darf man die Leiden eines russischen Intellektuellen erleben. Sein Hadern mit dem System, sein Ausgestoßensein aus der Gesellschaft, seine Plage mit seiner ihn ständig drangsalierenden Gattin. Dass seine Flucht zu einer jungen Frau letztlich sein allergrößtes Drama sein wird, zementiert die existenzialistische Erzählweise der Geschichte vehement.

In der Kommunismus-Saga geht Platonow zurück bis in die Zeit kurz nach der Revolution. Dabei wird in einer eindringlichen Szene der kleine Waisenjunge Sasha von seinem Stiefbruder aus der Familie getrieben. Die Art und Weise, wie mit ihm umgegangen wird, geht ganz, ganz tief unter die Haut. Der gleich zu Beginn visualisierte Bruderzwist wird sich bis ans Ende des Stückes durchziehen. Die Armut, der Hunger, die Frauen, die nur als Gebärmaschinen wahrgenommen werden, Babys, die bewusst getötet werden, Männer, die keiner Arbeit nachgehen, all das was hier gezeigt wird, ist Geschichte, die aber bis heute nachwirkt und in den Köpfen der Menschen zumindest noch schemenhaft verankert ist. Das Beispiel der am Rande der Existenz vegetierenden Familie veranschaulicht deutlich, warum die Menschen nach der Revolution hoffnungsfroh und enthusiastisch ihrer Zukunft entgegengingen. Das Elend, das bisher geherrscht hatte, sollte durch eine technische Revolution und eine soziale Neuordnung zurückgedrängt werden. Dass das Regime zu einem Schlag ausholen würde, der Millionen Menschen das Leben kostete, konnten damals nicht einmal die hellsichtigsten unter ihnen erahnen.

Castorf zeigt aber neben aller Schwere, die das Drama in sich trägt, jede Menge Humor. In einer umwerfend witzigen Szene präsentiert er die Zusammenkünfte der Parteifunktionäre im kleinen Örtchen. Wie sie sich in das Ritual von Zu-Wort-Meldungen und Abstimmungen einüben, ist schlichtweg grandios. So humorig diese Szene auch inszeniert wurde, so ist in ihr auch all die Tragik spürbar, die durch Entscheidungen ausgelöst wurden, die nicht von der Vernunft und vom Verstand getragen waren, sondern rein von der Ideologie und dem eigenen Willen zur Macht. An einer Stelle fällt auch der sarkastische Satz, dass es in Tschewengur zu schön sei und man deshalb Leid organisieren müsse. Welches Leid, darüber erfährt man ein wenig später, wenn berichtet wird, dass sich in dem Ort im Verlauf des Geschehens bis auf zwei Männer, niemand mehr befindet.

Eine Passage, in der Platonov über die Ermordung der russischen Sprache schimpft, gehört zum poetischen Highlight des Abends. All die Abkürzungen, die nichts Anderes sind als legendäre Zungenbrecher, all das Ausmerzen von Substantiven wie Seele oder Gott führe zu einer Verrohung, die nicht mehr zurückgenommen werden könne, wird da beklagt. In einer Sprache, die tatsächlich bis heute noch ausgestorben zu sein scheint.

Das Ensemble glänzt mit einer Leistung, die auf höchstem Niveau angesiedelt ist. Die 5-stündige Aufführung forderte offenbar nur das Publikum, das sich nach der Pause zahlenmäßig merklich dezimierte. Bis zum Schluss war kein Augenblick von Ermüdung bei den Schauspielerinnen und Schauspielern festzustellen. Sandra Gerling, Johann Jürgens, Katharina Knap, Horst Kotterba, Matti Krause, Manja Kuhl, Andreas Leupold, Astrid Meyerfeldt, Wolfgang Michalek, Hanna Plaß spielten, als ob es kein Morgen gäbe. Stimmlich agierten sie dabei oft am Lautstärkenlimit, was einen Besucher dazu veranlasste, sich bei seiner Begleitung über Verlust der Sprachkultur auf der Bühne zu beklagen. Castorf ist aber kein ein Schönredner. Wem seine Inszenierungen zu derb erscheinen, hat sich vielleicht im Leben noch nie Gedanken über den Zustand unserer Welt machen müssen. Das, was ich Tschewengur zu sehen war, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte und ein noch kleinerer aus dem Leben im Kommunismus – und das für die Bühne geglättet und geschönt. Aber damit scheinen die meisten Kulturkonsumierenden überfordert.

Ein praller Theaterabend vollgepackt mit Dramatik und Witz, Spielleidenschaft, Theaterzauber, Musik, Tanz, Film und einem magischen Bühnenbild. Viel mehr kann Theater eigentlich nicht bieten.

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