Der Mensch, seine Handschrift und seine Stimme

Im Herzen Wiens gibt es einen Raum für zeitgenössische Kunst, den monatlich ca. 3.500 Menschen besuchen. Die meisten von ihnen kommen nicht, um Kunst zu sehen, sondern weil sie ganz menschliche Anliegen haben. Sie suchen Hilfe oder Trost, oder sie stehen auf der anderen Seite und geben davon, so viel sie können. Die Rede ist von den öffentlich zugängigen Räumlichkeiten im Curhaus der Pfarre St. Stephan, direkt neben dem Stephansdom. Dort wird in unregelmäßigen Abständen, dies aber schon seit Jahrzehnten, Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit geboten, ihr Werk einem zahlreichen Publikum vorzustellen. „Ich folge in ganz kleinen Trippelschritten dem großen Monsignore Otto Mauer“ erläuterte Dompfarrer Toni Faber anlässlich einer Ausstellungseröffnung seinen Part. Mauer, Begründer der Galerie nächst St. Stephan und leidenschaftlicher Kunstsammler, ist mit seinen Aktivitäten selbst in die österreichische Kunstgeschichte eingegangen. Faber hingegen erhebt in keiner Weise einen ebensolchen Anspruch. Vielmehr – O-Ton – „habe ich das Glück, ganz frei aussuchen zu können, was mir gefällt“. Und – das sei hinzugefügt: Er ist auch frei von jeglichem finanziellen Druck, wie ihn Galerien ausgesetzt sind. Die derzeitige Ausstellung vereint Bilder und Skulpturen von Valentin Oman und Barbara Szüts. Kennern der zeitgenössischen österreichischen Kunstszene sind sie keine Unbekannten.

Valentin Omans „Ecce hommo Zyklus“

Oman, Jahrgang 1935, hat sich in unzähligen Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen gemacht. Er ist mit großformatigen Gemälden präsent. Ob in kräftigen, lebensbejahenden Rottönen oder ganz reduziert in Schwarz-Weiß-und Grauwerten, immer ist es die Darstellung von Menschen, die ihn fasziniert. Passend zur Umgebung zeigt er unter anderem einen Zyklus mit dem Titel „ecce homo“. Ein Thema, das er auch in der Filialkirche St. Magdalena in Wasserhofen in 24 Werken beleuchtete. In den zwei Meter hohen Bildern, die in der Ausstellung zu sehen sind, kann man schlanke, hoch aufgerichtete, menschliche Gestalten erkennen. Fragil, ungeschützt, in Einzelteile zerlegt, verweisen sie auf die Zerbrechlichkeit, auf das Schutzbedürfnis und das Ausgeliefertsein des Menschen. Das Leiden von Jesus Christus, das mit dem „Ecce homo Motiv“ immer verbunden wird, transferiert er in unsere heutige Zeit, in unsere Gesellschaft. Die gebrochenen Figuren erwecken den Eindruck, als ob sie nur mehr ein Rest von Würde am Leben hielte. Das geschundene Fleisch alleine bietet den Körpern keinen ausreichenden Zusammenhalt mehr.

Ätherisch schöne Skulpturen von Barbara Szüts

Diesen eindrucksvollen Arbeiten stehen Skulpturen gegenüber, die von Barbara Szüts geschaffen wurden. Die Künstlerin, eine Generation jünger als Oman, zog nach ihrer Ausbildung an der Angewandten in Wien nach Deutschland und lebt erst seit 2010 wieder in der Bundeshauptstadt. Sie schuf in den letzten Jahren eine gänzlich neue Art von Skulptur, die Beachtung verdient. Darin reduziert sie die Dreidimensionalität auf das Allernotwendigste und schafft so Gebilde von ätherischer Schönheit. Anders jedoch als Alberto Giacometti diese Herausforderung meisterte, sind es bei Szützs keine Personen, die sie dematerialisiert. Ausgangspunkt bei ihr ist die eigene künstlerische Handschrift, der Gestus, der Zeichnungen hervorbringt, die aus verdichteten Linien bestehen. Durch ein Computerprogramm „übersetzt“ gelangen ausgewählte Motive schließlich in die Werkstatt, um dort aus Edelstahl ausgeschnitten zu werden. Die Präsentation erfolgt im Curhaus auf Sockeln, normalerweise jedoch sind es einfache Plinten, die ihren Werken Halt geben. Aber auch Montagen direkt an der Wand oder hängend sind möglich. Das zeigt, wie hybrid diese zart wirkenden Gebilde sind – Zwischenformen aus Zeichnungen und Skulpturen. Ephemer und zugleich standfest. Szüts` skulpturale Arbeiten sind Objekte des Zeichenhaften. Verdinglichungen von Gesten, Ausschnitte von künstlerischen Prozessen und Ideen. Und sie stellen die eigene grafische Handschrift in den Mittelpunkt. Eine wunderbare Idee, die auch in der technischen Umsetzung, aber vor allem in ihrer Ästhetik überzeugt.

Elisabeth Ofenböck steuerte die musikalische Untermalung der Eröffnung bei

Die Sopranistin Elisabeth Ofenböck fügte dem Eröffnungsabend mit ihrem klaren und geschmeidigen Sopran eine weitere künstlerische Dimension hinzu. Sakrale Werke von Haydn, Mozart, Osson und Frank standen auf ihrem Programm. Das zahlreiche Publikum konnte die Kapelle im ersten Stock des Curhauses gar nicht fassen und so lauschten viele Besucherinnen und Besuchern auch im angrenzenden Ausstellungsraum der stimmungsvollen Darbietung. Der Mensch, seine Handschrift und seine Stimme – diese Trias war bei der Vernissage das zentrale künstlerische Thema der Galerie im Curhaus der Pfarre St.Stephan. Sie ist es auch darüber hinaus an diesem Ort tag-täglich.

In der hektischen Vorweihnachtszeit drängen sich rund um den Stephansdom Tausende von Menschen entlang der Weihnachtshütten. Wer diesem Trubel für kurze Zeit entkommen möchte, findet in den Räumen des Curhauses mit Omans Bildern und den Skulpturen von Szüts reichlich Gelegenheit, etwas zur Besinnung zu kommen.

Die Ausstellung Valentin Oman und Barbara Szüts ist noch bis 15. Jänner 2015 zu sehen.

Links:

Valentin Oman
Barbara Szüts
Elisabeth Ofenböck

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