Irgend etwas stimmt hier nicht!

Demenz, jene Erkrankung des Gehirns, die den Menschen nach und nach seiner Denkfähigkeit beraubt, ist aufgrund der erhöhten Lebenserwartung zum Schreckgespenst der westlichen Gesellschaften geworden. Denn das Alter erleben viele Personen in ihrem Ruhestand tatsächlich nicht fröhlich lachend auf Fahrrädern durch Parks strampelnd. So wie es die Werbung immer wieder vorgaukelt. Denn mit zunehmendem Alter steigt die Gefahr, an Demenz zu erkranken. In Österreich sind derzeit geschätzt 130.000 Menschen betroffen, das sind so viele, wie Innsbruck Einwohner hat. Das bedeutet auch, dass ein x-Faches an Menschen Demenz indirekt miterlebt.

Die Josefstadt zeigt derzeit – im bis jetzt immer zu Recht ausverkauften Haus – das Stück „Vater“ von Florian Zeller. Der 1979 in Paris geborene Dramatiker erhielt schon den „Prix Interallié“ und den „Prix jeune théâtre“, der von der Académie française vergeben wird, und wird mittlerweile weltweit auf den Bühnen gespielt.

Mit „Vater“, das 2014 herauskam, legte er einen höchst brisanten Stoff vor. Darin wird die Geschichte von André erzählt, der an Demenz erkrankt ist. Andrés Frau ist schon gestorben, er lebt, zumindest am Beginn der Geschichte noch, von seiner Tochter Anne betreut, in seiner eigenen Wohnung in Paris. Zeller strickt das Geschehen höchst kunstvoll und verwebt dabei die einzelnen Szenen, die nicht immer chronologisch abgehandelt werden, mit einem höchst brüchigen Faden. Das Publikum schlüpft unweigerlich, ob es will oder nicht, in die Gedankenwelt des Hauptdarstellers und erlebt dadurch hautnah jenes unbarmherzige Gefühlskarussell, in dem sich Demenzerkrankte befinden. Erwin Steinhauer, zu Beginn als André noch durchaus eloquent, verliert im Laufe der Vorstellung sukzessive seinen Verstand und kann dies an einer Stelle seiner Pflegerin auch mitteilen. „Da sind Löcher in meinem Kopf“, erklärt er ihr das schwindende Denkvermögen. Eine Beschreibung, die seinen Zustand sehr exakt wiedergibt.

Die Ankündigung seiner Tochter, zu ihrem Freund nach Paris zu ziehen, nimmt der alte Herr nur widerwillig zur Kenntnis, genauso wie die Anwesenheit von Betreuerinnen, die ihm Anne engagiert, um den Alltag meistern zu können. Der Verlust seiner Lieblingstochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam, ist ihm nicht mehr bewusst. Er glaubt, dass sie als „Malerin auf einer Weltreise ist“ und vermisst sie sehr. Gerti Drassl muss in der Rolle der Tochter Anne beinahe Übermenschliches über sich ergehen lassen, denn ihr Vater zeigt nicht nur Vergesslichkeitssymptome, sondern er wird ihr gegenüber nicht nur einmal auch aggressiv. Dass Anne davon träumt, ihn im Schlaf zu erdrosseln, wird dramaturgisch spannend in Szene gesetzt. Eva Mayer versucht als Altenpflegerin das Vertrauen von André zu gewinnen, muss sich aber dabei genauso wie Anne so manche Grobheit gefallen lassen.

Szene um Szene nimmt die Vergesslichkeit zu, was man Steinhauer auch am Äußeren ansieht. War es zuerst nur ein unbesocktes Bein, das unter der dunkelblauen Anzughose hervorlugte, ist er später nur mehr im Schlafanzug anzutreffen, ohne dass er dies als Manko empfindet. In den im Halbdunkel stattfindenden Umbauten werden nur kleine Veränderungen des Bühnenbildes (Raimund Orfeo Voigt) vorgenommen. Plexiglaswände, ein Tisch und einige Sessel, mehr braucht es nicht, um die verschiedenen Orte zu kennzeichnen, die der alte Herr nacheinander bewohnt. Den Umzug zu seiner Tochter bekommt er nicht mehr wirklich mit, wundert sich nur über fehlende Möbel.

In einem sehr poetischen, filmischen Zwischenschnitt erscheint er einmal als kleiner Bub. Man beobachtet ihn dabei, wie er durch die Halle eines Museums wandert und sich die Objekte in den Vitrinen ansieht. Im allerletzten Aufzug wird sich Andrée, der schließlich an seiner Umwelt, die er überhaupt nicht mehr versteht, verzweifelt, in eine der Vitrinen selbst einsperren. Eine ausdrucksstarke, bildliche Metapher für die Isolation, in der sich Demenzkranke am Ende ihres Lebens befinden.

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Therese Lohner (eine Frau), Martin Niedermair (Pierre), Erwin Steinhauer (André) (c) Moritz Schell

Alexandra Liedtke führt in ihrer Regie einfühlsam durch den Alltagsdschungel und lässt die Beteiligten die Situation nachvollziehbar erleben. Dabei mangelt es über weite Strecken auch nicht an Humor, den maßgeblich Erwin Steinhauer für die Überspielung der anfänglichen Vergesslichkeit seiner Figur ins Leben setzt.

Dass das Haus dieses Stück in den Spielplan aufgenommen hat, ist mehr als lobenswert. Die Akzeptanz zeigt, wie sehr damit der Nerv unserer Gesellschaft getroffen wird. Es ist wohl die Mischung zwischen Unterhaltung und tiefer gehenden Erkenntnissen, die der Autor damit präsentiert, mit der „Vater“, so wie es aussieht, noch länger auf dem Spielplan zu finden sein wird.

In weiteren Rollen: Martin Niedermair, Oliver Huether und Therese Lohner.

Informationen und Termine auf der Homepage der Josefstadt.

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