Vergessen Sie den Titel

Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken (Foto: Marcel Köhler)

Nach sechsmonatiger Spielpause meldete sich Anfang März das Theater Nestroyhof/ Hamakom wieder zurück. Mit „Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten / Zucken“ von Sasha Marianna Salzmann.

Eines vorweg: Der Titel ist zweifach irreführend. Denn einerseits werden in dem Stück verschiedene Arten von Extremismus behandelt und nicht die Ursachen des Dschihadismus. Andererseits wird nicht klar, welche acht Schritte denn zu diesem vermeintlichen Verstehen gemeint sind. Tatsächlich gliedert Salzmann ihren Text in acht Kapitel und sie sind es, die im Titel angesprochen sind.

Das Bühnenbild (Julian Vogel) besteht anfangs nur aus schwarzen Metallstangen, zwischen die zwei schwarze Stoffdreiecke eingespannt wurden. Später werden weiße dazukommen. Sie trennen die Bühne in ein Vorne und ein Hinten und ermöglichen einem Teil des Ensembles während einzelner Szenen verborgen mit einer Kamera zu agieren. Dabei werden kleine Textzeilen auf einen Bildschirm im vorderen Bühnenteil projiziert. Ein kurz eingeschobenes Sofa verortet eine Szene in einem Wohnraum. Ein Stuhl und ein kleines Tischchen mit Projektoren markiert das Zimmer des jungen Mädchens. Philipp Pettauer steuert vom Bühnenrand das elektronische Musikgeschehen bei.

Gleich zu Beginn zählen Ingrid Lang, Johanna Wolff, Robert Huschenbett und Bastian Parpan unterschiedliche Amokläufe auf und stellen auch die Frage, wo denn Pawlik geblieben sei. Damit reißen sie die Geschichten von drei Menschen an, die im Laufe des Abends vorgestellt werden. Eine 15-Jährige, die Probleme mit ihrer Mutter hat und in einem WhatsApp-Chat einen Bekannten findet, bei dem sie Trost sucht. Ein junger, gutverdienender Angestellter dessen Frau gerne ein Kind bekommen möchte und Pawlik, dessen Mutter Russin und dessen Vater Ukrainer ist. Aufgerieben zwischen seinen streitenden Eltern flüchtet er in die Gesellschaft von national gesinnten Freunden, die er schließlich zum Kämpfen in die Ukraine begleitet. Sie alle drei wählen am Ende mehr oder weniger nachvollziehbar Gewalttaten, um sich aus ihrem bisherigen Leben zu befreien.

Die Regie von Jana Vetten setzt teilweise auf eine starke sprachliche Distanzierung von den Charakteren. Deshalb und auch aufgrund starker Textkürzungen wird vor allem die Figur des jungen Angestellten nicht wirklich greifbar. Johanna Wolff spielt hingegen sehr authentisch jene Schülerin, die mit Textmessages dem Unbekannten ihre Wut und Frustration mitteilt, sich aber zugleich auch in ihn verliebt. Huschenbett, Parpan und Lang verkörpern mehrere Charaktere, wobei vor allem Ingrid Lang in der Rolle von Mischa, einem jungen, rebellischen Ukrainer, überzeugt. Das deutsche Idiom, das die beiden männlichen Schauspieler kennzeichnet, wird in jenen Worten besonders frappant, die zwischen Österreich und Deutschland eine länderdifferierende Aussprache aufweisen. Und so schleicht sich der Wohlgeruch von Rüzgar, dem Studienfreund von Pawlik, einmal prosaisch als „Parfüm“ deklariert ins Publikum, was dieses zum Teil befremdet aufnimmt.

Erst als die seelische Not der verschiedenen Protagonisten auch im Spiel spürbar wird, kommt eine stärkere Identifikation mit ihnen zustande. Wie in einer Verführungsszene, in der Pawlik eine traumatische, homosexuelle Erfahrung mit seinem Freund macht. Aber auch jener Moment, in welchem die Schülerin keine Textantworten von ihrem WhatsApp-Gegenüber mehr erhält, gerät zu einer packenden Szene. In dieser wird ihre ganze Verzweiflung, Einsamkeit aber auch Rebellion spür- und nachvollziehbar.

Ein hohes Sprechtempo und eine rasche Abfolge von Szenenwechseln kennzeichnen die Inszenierung genauso wie kurze, eingeschobene choreografische Teile. In ihnen werden die Menschen von Zuckungen erfasst und scheinen nicht Herr über ihren eigenen Körper zu sein. „Eine Gesellschaft gerät ins Zucken“, formuliert dazu die Autorin ihre Befindlichkeitswahrnehmung unserer Gesellschaft. Die Auswahl von drei Personen, die unterschiedlichen Extremismen verfallen, bietet jedoch weder eine tiefergehende Analyse der Frage nach dem Warum, noch lädt der Text dazu ein, dies selbst weiter zu ergründen. Ein anderer Titel, der stärker auf die Wiedergabe eines Istzustandes als seine vermeintliche Erklärung abzielt, würde der Inszenierung sehr guttun.

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