Vom antiken Griechenland ins heutige Europa

Von Michaela Preiner

Iphigenie in Aulis – Occident Express(Foto: © www.lupispuma.com / Volkstheater)

11.

September 2017

Das Volkstheater eröffnete seine Saison mit einem Doppelabend. In diesem wird Iphigenie in Aulis von Euripides vom Occident Express von Stefano Massini höchst intelligent ergänzt.

Anna Badora erweiterte damit nicht nur ihr Griechenepos-Repertoire, das sie sich bereits mit Antigone und Medea erarbeitet hatte. Sie erschloss das Werk zugleich auch einer zusätzlichen, neuen Sichtweise. Im ersten Teil des Abends ließ sie ihr Ensemble die Geschichte von Agamemnons Tochter, Iphigenie, verhandeln. Ihr Vater soll sie, laut einem Seherspruch, den Göttern opfern. Damit erhofft er aufkommenden Wind, denn die bis dahin anhaltende Flaute hinderte ihn und sein Heer beim Auslaufen seiner Schiffe zum Feldzug gegen die Trojaner.

Agamemnon als Obermacho mit Herz

Die Bühne ist mit Wasser geflutet, links und rechts sind felsähnliche Formationen zu erkennen. Schon bevor das Publikum seine Plätze eingenommen hat, sind Odysseus (Sebastian Pass) und Achilleus (Jan Thümer) aktiv. Während der eine lässig durch das Wasser schlendert, dreht der andere joggend seine Runden. So ein Männerkörper muss schließlich fit gehalten werden. Bekleidet sind beide mit dunklen Shirts und ebensolchen Hosen, Sandalen bzw. Joggingschuhen. (Bühne Damian Hitz, Kostüme Irina Bartels) Agamemnon (Rainer Galke), der Heerführer, benötigt rund 10 Zentimeter hohe Plateauschuhe, um sich Respekt zu verschaffen und zittert innerlich dennoch vor Angst vor Klytemnestra, seiner Frau. Wie soll er ihr beibringen, dass er die Tochter opfern muss?

Die von Soeren Voima geschaffene Textversion wurde durch zusätzliche Chorpassagen von jungen Frauen erweitert. Sie sind Teil jener Gesellschaftsstruktur, die den Krieg gegen Troja nicht nur mit Vehemenz fordert, sondern auch verherrlicht. Da hilft es nichts, dass Menelaos (Lukas Holzhausen) dessen geraubte Frau Helena Anstoß für den Feldzug ist, selbst von Rache absieht. In einer wilden Wasserschlacht, in der sich Menelaos und sein Bruder die nassen T-Shirts nur so um die Ohren fetzen, bricht der Konflikt der beiden Brüder voll aus. Erst als Menelaos den seelischen Schmerz Agamemnons erkennt, der sein eigenes Kind töten soll, lässt er von ihm ab.

Iphigenie in Aulis – Occident Express(Foto: ©www.lupispuma.com / Volkstheater)

Odysseus als Kriegstreiber

Odysseus (Sebastian Pass) verleiht dem Heereswillen seine Stimme und wartet nur darauf, dass Agamemnon Schwäche zeigt. Mit Sonnenbrille ausgestattet, räkelt er sich im Wasser wie in einem Spa-Pool und wartet mit permanenten Sticheleien nur darauf, dass sich sein König eine Blöße gibt. Henriette Thimig spielt den „Alten“, der von Agamemnon in einer letzten Anstrengung losgeschickt wird, um die Ankunft seiner Tochter doch noch zu verhindern.

Klytaimnestra überstrahlt alle

In grell-rotem Abendkleid mit langer Schleppe zeigt Klytaimnestra nach ihrer Ankunft schließlich, was es heißt, die Frau des Königs zu sein. Anja Herden überstrahlt in dieser Rolle die lächerliche Männerpartie mit Eleganz, Intelligenz und Menschlichkeit. Sie wird in dem Wasser – bei Badora Symbol des Menschlichen schlechthin – das sie zu Beginn noch majestätisch durchschreitet, später auf dem Bauch Achilleus anflehen, ihre Tochter, dem diese vermeintlich versprochen ist, vor dem sicheren Tod zu retten. Katharina Klar gibt die lebenslustige und zuerst aufmüpfige Iphigenie, die sich schließlich in ihr Schicksal fügt und ihren Tod freiwillig annimmt. Mehrere Liter Theaterblut werden am Ende der Tragödie über sie geschüttet, bevor der Vorhang fällt und das Publikum in die Pause entlassen wird.

Badoras Iphigenie in Aulis führt eine Gesellschaft vor, die durch falsch verstandene Pflicht, patriarchisches Gehabe und religiöse Verblendung nicht vor einem Menschenopfer zurückschreckt. Dass es die Männer sind, die dabei durchgehend eine lächerliche Figur abgeben, wird in ihrer Inszenierung zwar verstärkt, ist aber in unserer neuzeitlichen Sichtweise schon in Euripides Text angelegt. Die vermeintlich groteske Verstärkung der Figuren hält leider jedem heutigen Realitäts-Check stand. Dazu braucht man sich nur die Führer der USA und Nordkoreas vor Augen führen.

Iphigenie in Aulis – Occident Express(Fotos: ©www.lupispuma.com / Volkstheater)

Die Pause ist der zweite Teil des Abends

Im sehr informativen Programmheft bezeichnet Badora die Pause als „zweiten Teil“ des Abends. Damit meint sie jenes Kino im Kopf, das sich abspielen kann, wenn man weiß, was einem im darauffolgenden Stück erwartet – die andere Seite des Krieges. Im Occident Express werden keine Kriegstreiber und Kriegshelden vorgeführt, sondern, ganz im Gegenteil, die Opfer und Vertriebenen von kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Krieg, der sich zwischen dem ersten und dritten Teil des Abends dazwischen abspielt, muss vom Publikum selbst „erdacht“ werden.

Iphigenie in Aulis – Occident Express(Foto: ©www.lupispuma.com / Volkstheater)

Iphigenie in Aulis – Occident Express(Fotos: ©www.lupispuma.com / Volkstheater)

Eine einfache Erzählung über eine große Flucht

Stefano Massinis „Occident Express” erzählt von der Flucht einer alten Frau und ihrer Enkeltochter von Syrien bis nach Schweden. Große Klasse zeichnet Badoras Idee aus, die Besetzung von Euripides Tragödie zu übernehmen. Dadurch darf Henriette Thimig ihr volles Potential ausspielen und zeigen, was eine alte Frau imstande ist, auf sich zu nehmen, wenn es darum geht, mit ihrer Enkelin um ihr Leben zu kämpfen. Abwechselnd mit Fluchtgenossen und -genossinnen, die Thimig, alias Haifa, auf ihrer Flucht kennenlernt, berichtet sie über die Leidensstationen ihres Weges aus dem Krieg. Diese sind zum Teil in höchst illustrativen, jedoch nie banalen, realen Bildern umgesetzt.

Bei ihrer Fahrt in einem Transporter an die türkische Grenze finden sich die 12 Menschen in einem durchsichtigen Glaskubus wieder. Gerade so groß, dass sie, aneinander gequetscht, stehend darin Platz finden. Assoziationen zur Tragödie bei Parndorf, bei der 71 Flüchtlinge in einem Lastwagen den Tod fanden, sind sicher nicht zufällig evoziert. Für die wohl schlimmste Flucht-Situation, die Durchquerung eines dunklen Rohres, das in der Türkei mündet, wird das zusammen gepferchte Ensemble mit einer schwarzen, zähflüssigen Masse übergossen, welche die Menschen nicht mehr voneinander unterscheiden lässt.

Unvorstellbares lässt sich am besten abstrakt darstellen

Auch der Fluchtabschnitt quer durch die Türkei auf einem Zug wird atemberaubend erzählt. Dabei ist es aber keine naturalistische, szenische Wiedergabe, die packt. Auch hier bleibt Badora – mit einigen von der Decke baumelnden Seilen, auf welchen sich die Menschen festhalten –relativ vage. Es sind Haifas ganz persönliche Schilderungen, in der sich der ganze Schrecken und die persönliche Verarbeitung desselben verdeutlichen. Es ist die Erzählung eines Menschen, der am eigenen Leib erlebte, was wir uns in Europa nicht einmal im Traum vorstellen können, die zutiefst berührt.

Das Kinderopfer als Bindeglied der beiden Theatertexte

Darin liegt auch die Stärke von Massinis Text, der sich auch nicht davor scheut, die Grausamkeit der flüchtenden Menschen aufzuzeigen, wenn es darum geht, ihre eigene Haut zu retten. In jenem Moment, in welchem ein Kind aus den vorderen Sitzreihen auf die Bühne geholt wird, um als lebende Sonde über ein vermeintlich vermintes Feld zu marschieren, gibt es keine political correctness. Die Anbetung Allahs, welche die Erwachsenen während dieser lebensgefährlichen Unternehmung vornehmen, gleicht der Götterergebenheit von Agamemnon und seinen mykenischen Kriegern. Die inhaltliche Verschränkung, die sich hier so deutlich zeigt, spannt den großen Bogen von der Antike in unsere Tage mit der Erkenntnis, dass der Mensch wider jede Vernunft lebensbedrohliche Situationen nicht nur selbst hervorruft, sondern die Verantwortung dafür an eine höhere Macht abschiebt.

Iphigenie in Aulis / Occident Express ist ein Theaterabend, der nicht nur das Ensemble fordert. Das Publikum muss über die Konsumation des Spieles hinaus selbst dazu beitragen, aus den einzelnen Teilen ein Ganzes zu machen. Die erste Inszenierung der neuen Saison zeigt, dass Anna Badora und ihr Team über ihre Aufgabe, unterhaltsames Theater zu machen, hinausdenkt und ihr Haus als einen Ort versteht, an dem auch aktuelle, politische Diskurse stattfinden dürfen. Auch das hat etwas mit Mut zu tun.

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