Schuldig ist man, wenn man wegsieht

Der junge Regisseur Calle Fuhr präsentierte in der Roten Bar des Volkstheater seine Version des Stückes „Von den Beinen zu kurz“. Ein kammermusikalisch inszeniertes Theaterstück über Kindesmissbrauch, aber auch über Verantwortung im Allgemeinen.

Übernervös steht sie auf der kleinen Bühne. Während das Publikum sich noch auf seine Plätze begibt, setzt sie sich im Abstand von wenigen Minuten von einem Sessel auf den anderen. Drei Stühle sind es, die am Podium stehen. Jeder von ihnen ein Statthalter für eine Person. Vater, Mutter, Tochter. Um die geht es in dem Stück „Von den Beinen zu kurz“ von Katja Brunner. Sie, die Mutter, wartet auf ihre Tochter und man merkt überdeutlich, dass das Warten an ihren Nerven zerrt.

Calle Fuhr erarbeitete das brisante Stück, das im Vorjahr im Theater Drachengasse aufgeführt wurde, mit Stefanie Reinsperger und Bettina Ernst. Der kleine Rahmen passt sehr gut, denn man sollte so nahe wie möglich am Geschehen sitzen, um gut beobachten zu können, was sich auf den Gesichtern der beiden Frauen abspielt. Und das ist jede Menge.

Reinsperger spielt die namenlose Tochter, die von ihrem Vater schon als 5-Jährige missbraucht wurde. Ernst gibt ihre Mutter, die das Geschehen zwar entdeckte, sich aber starr vor Schreck abwandte und den Vater in seinem Verbrechen deckte. Inszeniert ist der psychologische Drahtseilakt zwischen den beiden Frauen ganz unprätentiös, ohne dass der physische Täter dabei in Fleisch und Blut auftritt. In der Vorstellung von Mutter und Tochter ist er ohnehin in jeder Minute präsent.

"Von den Beinen zu kurz" (c) Calle Fuhr

Stefanie Reinsperger in „Von den Beinen zu kurz“ (c) Calle Fuhr

Nur einmal greift der Regisseur in die Licht-Trickkiste. Nämlich in jener Szene, in der die Mutter die dramatische Geburt der Tochter schildert. Ein traumatisches Erlebnis, das den ersten Einschnitt in der Beziehung zu ihrem Kind bedeutet. Der zweite wird durch den Missbrauch des Vaters ausgelöst. Von diesem Zeitpunkt an hätte sie ihre Tochter nicht mehr als Kind, sondern als kleine Erwachsene gesehen, macht sie im Gespräch klar. Doppeltes Pech für die Kleine. Der Vater missbraucht sie physisch, die Mutter psychisch, entzieht ihr sogar ihre Liebe.

Die Schwierigkeit, die sich für die Schauspielerinnen bei diesem Text auftut, ist, dass er in der indirekten Rede geschrieben ist. Das bedeutet, dass diese Hürde erst einmal genommen werden muss, damit die Authentizität der Emotionen auch tatsächlich über die Bühne kommen. Aber sie kommen. Reinsperger atmet jede Minute im Takt einer missbrauchten und ungeliebten Tochter und wechselt nahtlos zwischen Verzweiflung, Unverständnis, Hoffnung auf Liebe, Enttäuschung und Abwehrhaltung. Im Gegensatz zu ihrer Mutter agiert sie aus einer erwachsenen Haltung heraus. Bettina Ernst hingegen bleibt nervös-distanziert, nestelt an ihren Fingern, erstarrt in einer Eisesmiene. Sie weiß, dass sie Mitschuld am Leid ihres Kindes hat, versucht diese aber durch das Mantra des „ich habe keine Schuld“-Zitates wegzuschieben, so gut es geht.

von den beinen

Bettina Ernst in „Von den Beinen zu kurz“ (c) Calle Fuhr

Die Konzentration auf das Innenleben der beiden Frauen bewirkt, dass man die Mechanismen zumindest ansatzweise verstehen lernt, die Mitwissende einer Tat zu Schweigenden macht. Die Aussprache zwischen Mutter und Tochter, umgeben von rotem Plüschsamt, vollgepackt mit anklagenden Erinnerungen, verharrt am Schluss dennoch in einer Patt-Stellung. Wenn man Unrecht versteckt, dann kann man weder sich noch anderen vergeben. Auch wenn man sich noch so oft einredet, dass man an einer Tat, von der man Bescheid wusste, nicht mitschuldig war. Es gibt viele Familien, in denen geschwiegen wird. Häusliche Gewalt drückt sich auch durch andere physische und psychische Gewalt gegenüber Kindern und Erwachsenen aus.

„Wir reduzieren das Stück nicht auf das Thema Kindesmissbrauch, sondern wir erweitern es auf das Thema Verantwortung. Wann habe ich Verantwortung, wann bin ich schuldig? Wann muss ich reagieren, wann muss ich etwas tun? Das ist ein Thema, das sich auf jeden Bereich im Leben übertragen lässt.“, erklärte Calle Fuhr in einem Interview. In seiner ersten gelungenen Wien-Inszenierung hatte er wunderbare Schauspielerinnen an seiner Seite.

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