Was haben Winston Churchill, Papst Franziskus und Theresa May gemeinsam?

Die Frage ist nicht als Intro zu einem Witz aufzufassen, obwohl man bei etwas Nachdenken sicherlich eine treffende Pointe finden würde. Vielmehr vereint die drei Personen, dass sie sich von ihrer Warte aus Gedanken zu Europa gemacht haben. Jenem Europa, das, wie es gerade scheint, derzeit in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Anna Maria Krassnigg "Reden" Salon5 (c) Martin Schwanda

Anna Maria Krassnigg „Reden“ Salon5 (c) Martin Schwanda

Der Salon 5 auf der „Naturbühne“ des Alten Rathauses

Anna Maria Krassnigg hat sich mit ihrem Format „Reden“ in der „Naturbühne“ – O-Ton Krassnigg – dem Sitzungssaal des Alten Rathauses in der Wipplinger Straße zum Ziel gesetzt, den aktuellen politischen Entwicklungen mit Gedankenfutter entgegenzuhalten. In jenem Saal, in welchem der Wiener Gemeinderat zwischen 1853 und 1885 tagte. Als Gedankenfutter dienen Reden, die berühmte Menschen öffentlich von sich gaben und mit ihnen Einflussnahme auf ihr soziales oder politisches Umfeld nehmen konnten.

Während einer Theatersaison kann man sich einmal pro Monat dem Luxus hingeben, den ausgewählten Reden in der Veranstaltung des Salon5 zu lauschen. Und zusehen kann man auch noch. Nicht filmischen Originaldokumenten, sondern Schauspielern und Schauspielerinnen in Fleisch und Blut, die in die Rolle der jeweils vortragenden Person schlüpfen.

Churchills „Vereinigte Staaten von Europa“

Mit Martin Schwanda als Winston Churchill wurde der Lesereigen im November eröffnet. Interessant dabei zu erfahren, dass es dieser Politiker war, der den Begriff „Vereinigte Staaten von Europa“ prägte. Ausgehend von einem eurozentristischen Weltbild stellte er in seiner „Europa-Rede“, gehalten 1946 an der Universität Zürich, die Neuschöpfung einer europäischen Völkerfamilie in Anlehnung an den Commonwealth als Mittel zur Aussöhnung der durch den zweiten Weltkrieg verwundeten Staaten dar. Dass er dabei die „nationalsozialistischen Querelen als Ursprung des Elends“ benannte, hat keinen Neuigkeitswert, ist aber in Zeiten wie den unsrigen zugleich als abermalige Mahnung für Kommendes zu lesen.

Papst Franziskus und die Mutter Europa

Horst Schily (c) Martin Schwanda

Horst Schily (c) Martin Schwanda

Die Rede von Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises im Mai 2016 wurde von Horst Schily – ganz in Weiß – gehalten. Dabei skizzierte er Europa als eine alte Großmutter, wo ihr doch die Rolle einer Frau, die sich um ihre Familie noch aktiv kümmert, viel besser stünde. Solidarität im Handeln, die Fähigkeit zum Dialog, sowie die Rolle der jungen Menschen, die Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen müssten, stand im Mittelpunkt seiner Europavision.

Die Erfolgsstory Brexit

Anna Maria Krassnigg las schließlich selbst aus der Rede Theresa Mays vor dem Parteitag der Konservativen vom 22. Oktober 2016. „Wir werden aus dem Brexit eine Erfolgsgeschichte machen!“, konnte man erstaunt hören und auch, dass die Souveränität Großbritanniens mit der Abstimmung nun endgültig sei. Europa spielt in Mays Rede für das Vorankommen der Großmacht, welche „die meisten Nobelpreisträger hervorbrachte“ und deren „Zeitzone für den globalen Handel die günstigste sei“, nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Der Gast des Abends, mit dem die Theatermacherin im Anschluss an die Reden diskutierte, skizzierte nicht nur den Privatmann Winston Churchill. Karin Kneissl, Autorin, Energieanalystin und Nahostexpertin, ließ auch mit ihrer Brexit-Analyse aufhorchen. Entgegen der Mainstream-Meinung in den Medien, beurteilt Kneissl den Ausstieg für Großbritannien bei Weitem nicht so negativ. Das Verständnis, eine Weltmacht zu sein und auch so zu agieren, lässt aus einem gewissen Blickwinkel den Brexit eher als europäisches Problem denn als britisches erscheinen.

Das wirklich Großartige am „Reden“-Format ist, dass man nicht nur einen geistreichen, theatralischen Abend verbringen kann, sondern dabei auch noch jede Menge gesellschaftsrelevanten Input erhält.

Übrigens: Wenn Ihnen ein Witz zur Frage im Titel einfällt, freuen wir uns auf die Weitergabe oder Sie hinterlassen diesen in den Kommentaren!

Die nächste Gelegenheit „Reden“ im Alten Rathaus zu genießen, gibt es am 13. Dezember.

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