Was macht uns zu dem, was wir sind?

An der Straßenbahnhaltestelle blinken nachts links und rechts in der Ottakringer Straße die bunten Lichter von Etablissements mit so klingenden Namen wie „Mon amie“ oder „Jesika“. Drei Gehminuten weiter in der Thelemannstraße Nr. 4 blinkt gar nichts. Ein schwarzer Vorhang mit goldenen Sternchen verhängt den Eingang zu drei hintereinanderliegenden, kalten Räumen. An einer kleinen Bar holen sich junge Menschen ein Bier. Die Mäntel gut zugeknöpft und mit Mützen auf dem Kopf wartet man gelassen auf den Einlass in den großen Saal. Dort ist es schön warm. Ein moderner Ofen kachelt an einer der großen Wände. Das hinter Glas sichtbare Feuer verbreitet einen Hauch Gemütlichkeit. Aber nur einen Hauch. Der Rest der Umgebung – ein alter, ungregelmäßiger Steinboden, eine metallene Treppe zu einer kleinen Galerie, nackte Wände und eine Bestuhlung aus alten Sofas, Plastiksesseln und alten Holzstühlen künden davon, dass sich hier einst eine Produktionsstätte befunden hat. Die k. u. k. Orden- und Medaillenmanufaktur Mandelbaum fertigte hier einst jene so begehrten Statussymbole, für die man kämpfen oder nur der richtigen Gesellschaftsschicht angehören musste.

Was steckt hinter den drei Buchstaben mit dem Trema?

Seit 2010 belebt ein ganz anderer Geist die Räume. Mo.ë nennt sich jene Kulturinitiative, die dort jungen Kreativen ein Podium bietet, sich künstlerisch auszudrücken und einer Öffentlichkeit vorzustellen. Am 1. und 2. November hatte dort Michael O´Connor seinen Auftritt. „Moving around X“ heißt sein neues Tanzstück, das er hier erstmals präsentierte. O´Connor ist in Wien kein Unbekannter mehr. In diesem Sommer war er einer der Nominierten für den Prix d´ Jardin der beim Impuls Tanzfestival jungen Choreografinnen und Choreografen verliehen wird. Wahrscheinlich hätte auch sein neues Stück Chancen auf einen Preis – denn was er damit offeriert, ist ein Kaleidoskop von Metaphern, die das Menschsein in seinen vielen Ausformungen im Lauf eines Lebens symbolisieren.

Vom Philosophischen ins Tänzerische

Dabei fängt alles sehr kopflastig an. O´Connor betritt mit der Wiener Tänzerin Karin Pauer die Bühne. Sie setzen sich in einem Abstand voneinander jeweils nah ans Publikum und beginnen dort laut darüber nachzudenken, wie sich Gedanken formen, wie schwer es ist, einander zu verstehen. „We are more translating than listening“ bringt der Tänzer Erkenntnisse des Linguisten Noam Chomsky auf den Punkt. „Wie ist mein mentaler Schutt eigentlich konstruiert?“ fragt Pauer salopp und meint damit „wie werden wir zu dem, was wir sind?“ Im Hintergrund wird auf die große Wand eine digitale Zeitanzeige projiziert. Es ist 20:10 – permanent läuft sie an diesem Abend weiter und wird später noch zu einem wesentlichen Teil der Performance. Alexander Kasses, der in einem Eck an einem großen, schwarzen Flügel sitzt und dort nicht nur diesen, sondern auch seinen Computer bedient, sorgt für eine beeindruckende Soundkulisse. Sie fungiert neben den beiden Agierenden als „dritte Person“ an diesem Abend. Unterstreicht, was sich tänzerisch abbildet, formt Klangräume, in denen die Fantasie in idealen Landschaften spazieren kann und macht einen artifiziellen Herzschlag hörbar, der das Grundrauschen der ganzen Welt zu sein scheint. O´Connor und seine Partnerin hingegen beginnen, den Raum mit schwarzen Seilen zu erkunden. Befestigen diese an der Wand und nutzen die Verankerung als Widerstand, der ihr eigenes Körpergewicht abfängt, wenn sie sich „in die Seile hängen“. Raum und Zeit – die beiden Konstanten in unser aller Leben – sie sind jene Phänomene, die auch dieses Stück prägen. Als die Zeitprojektion langsam ihren Platz verlässt und beginnt, entlang der Wand weiterzuwandern, versuch O´Connor vergebens, sie daran zu hindern. Am Ende dieser Bemühungen verharrt sie am Plafond, hoch über den Köpfen des Publikums – ein Menetekel, das schlagartigt bewusst macht, was unbewusst Sekunde für Sekunde passiert. Das Voranschreiten der Zeit ist eine Komponente, der nur wir Lebewesen ausgesetzt sind. Ihre Erfahrung können wir nur machen, solange wir uns hier auf dieser Erde befinden. Es bleibt an diesem Abend nicht bei dieser Metapher. Die Leichtigkeit von Arbeit – das spielerische Element, das ihr zuweilen eigen ist – zeigt Pauer mit dem Anbringen einer Schnur, die sie um das quer durch den Raum gespannte Seil wickelt. Mit einer einzigen Handbewegung löst es sich Schlaufe für Schlaufe und fällt wieder zu Boden.

Die Rollen bleiben klassisch verteilt

Michael O´Connor "Moving around X (Foto: Georg Scheu)

Michael O´Connor „Moving around X (Foto: Georg Scheu)

O´Connor hingegen müht sich schon bald mit zwei unhandlichen Würfeln ab, die zuvor als Sitzgelegenheit für die beiden dienten. Die Verteilung der Rollen – der Mann plagt sich mit seinen Arbeitsaufgaben, die Frau geht wesentlich unbeschwerter und leichtfüßiger durchs Leben – bleibt konstant. Während der Tänzer schwarze Erde im Kreis aus einem Sack am Boden verteilt und diese danach hektisch wieder in das Behältnis mit seinen Händen zurück schaufelt, erholt sich Pauer unter einer großen, weißen Plastikplane. Zuvor hatte sie darin einen bildschönen Auftritt, in dem sie sich damit wie in einem überdimensionalem Bett mit einem weißen Laken quer über den Boden rollte. Im Leben gibt es aber zum Glück auch Momente, in denen der Mensch ganz zu sich kommt. Für O´Connor ist es in diesem Stück offenkundig das Erleben von Natur. In symphonische Klänge gebettet, die Kasses leicht loopt und verändert, entwirft der Choreograf das Bild eines grünen, blühenden Baumes, eines Flusses, Wasserfalles und einer Frau, die mit einem feinen Schleier bedeckt, sich gegen den Wind stemmt. Dabei benutzt er eine zutiefst poetische Bildsprache, die nicht mehr aus dem Kopf zu verbannen ist.

Tanzen, um das Leben zu verstehen

Bilder zu erzeugen ist eines, eine eigene Tanzsprache zu finden etwas anderes. O´Connor beherrscht beides. Großartig, wie er ganz subtil jene Tanztradition wiederbelebt, mit der Fred Astaire und Ginger Rogers einst so berühmt wurden. „Happy Days“ gesungen von Barbara Streisand und Judy Garland dient dabei – inklusive der komischen Introconférence der beiden – als musikalische Untermalung. Anders jedoch als in den amerikansichen Tanznummern der 50er und 60er Jahre bleiben Pauer und O´Connor einsam. Jeder für sich tanzt diese Nummer, in seiner eigenen Körpersprache. Getreu nach den Eingansstatements, dass das Verstehen eines anderen schier unmöglich erscheint. Gegen Ende des Abends zeigen beide in drastischer Art und Weise, was das Leben, die Erfahrungen, die wir darin machen, auch mit unseren Körpern anrichtet. Die beiden scheinbar schweren, dunkelblauen, leicht verformbaren Massen, die sie sich gegen ihre Brust drücken, von denen sie in ihrer Bewegung behindert werden und die sie als Gewichter stemmen, hinterlassen letztendlich auch ihre Spuren. Mit blauen Flecken übersät geht O´Connor schließlich zu Boden. An eine Wand gelehnt ist er nur mehr dazu fähig, Pauer dabei zuzusehen, wie sie sich dem Leben wieder zuwendet. Wie sie, so wie ganz zu Beginn, erneut ihr schwarzes Seil an der Wand befestigt, um damit ihre ursprüngliche Arbeit wieder aufzunehmen.

Mit „Moving around X“ ist Michael O´Connor eine Arbeit gelungen, die nicht nur alle Qualitätskriterien erfüllt, die zeitgenössischer Tanz heute erfüllen sollte. Es ist ein Werk, das von seinen Gegensätzen lebt, das poetische Bilder noch und noch erzeugt und das Assoziationen erlaubt, die kein Mensch mit einem anderen teilen kann.

Fazit: „Thema voll getroffen. SEHENSWERT“

Links:
Michael O´Connor über seine Art zu arbeiten
Michael O´Connors Artist Bio bei ImpulsTanz

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