Weiß ist nicht immer auch unschuldig

„Leuchtkraftformel“ so heißt jene Aufführung der „Kümmerinnen“, mit welcher das vierköpfige weibliche Ensemble die Saison im Theater in der Drachengasse eröffnete. Und tatsächlich scheinen ihre Outfits mit einem Leuchtkraft-Waschpulver gewaschen worden zu sein, so blendend weiß sind sie. Jung, schick, schlank, gestylt und strahlend präsentierten Anna Maria Eder, Katharina von Harsdorf, Constanze Passin und Lisa Schrammel dem Publikum einen Text, oder besser eine Textcollage von Katharina Tiwald. Im Untertitel trägt die Produktion den Titel „found footage opera“ womit dieser auf bereits vorgefundenen Zitate anspielt, die Tiwald zu einem Textmix veranlassten, welche über jene Probleme Auskunft geben, die frau dachte, schon lange hinter sich zu haben.

Von der Bühne in die Redaktion

Konstruiert wird dabei zu Beginn die Geschichte einer erfolgreichen „three women show“ welche sich unversehens in das Redaktionsteam einer Frauenzeitschrift samt Praktikantin verwandelt. Aber nicht nur hier, sondern durchgehend sorgt die Regisseurin Julia Nina Kneussel dafür, dass an diesem Abend das Tempo atemberaubend hoch gehalten wird. Das Publikum wird nach diesem kaum wahrnehmbaren Szenenwechsel Zeuge einer Redaktionssitzung in der vom Cover – blondes oder dunkles Model? – über den Inhalt und die Titelgebung der Stories so ziemlich alles verhandelt wird, was an Frauenklischees des 21. Jahrhunderts so in der Welt herumgeistert. „Stormen wir brain“ heißt es da zu Beginn und sogleich tauchen die vier in die weiblichen Problemfelder ein die da sind: Kosmetik, Mode und Sex. Von der richtigen Mascaramarke über die Segnungen und Versprechen von Brustverschönerungen bis hin zur Frage „habe ich beim Sex etwas falsch gemacht?“ wird singend und rezitierend jedes auch noch so peinliche und zugleich belanglose Interessensfeld abgehandelt in das frau sich – so wird hier unterschwellig suggeriert – verbeißen kann. Vom Weißen ins Schwarze driftet das Geschehen in jener Szene ab, in der klar wird, dass die Chefredakteurin eine schwangere Kollegin gekündigt hat und fortan von der Vorstellung des „Phantoms der Hausfrau“ geplagt wird.

Sprache als Exerzierfeld der weiblichen Identität

Es ist nicht die schrille Show, basierend auf einem eher seichten Handlungsablauf, die den Abend dennoch sehenswert macht. Vielmehr ist es die fulminante Sprachbeherrschung, die Tiwald in ihren Text einschreibt und die mit voller Power von den vier Frauen über die Bühne gebracht wird. Da wird gerappt und ge-dada-t, da werden Gebetsformeln bemüht oder einfach mehrstimmig schön-gesungen, was die Stimmbänder hergeben. Die Bühnenpräsenz der vier Protagonistinnen ist umwerfend stark und überdeckt den inhaltlichen Makel. Die Autorin präsentiert mit „Leuchtkraftformel“ einen Parforceritt durch konstruierte weibliche Identitäten, wie sie hauptsächlich von Medien verbreitet werden und leistet damit jedoch diesen verqueren Ideen auch Vorschub. Die Frage der Praktikantin, was sie denn im Kreis dieser Redakteurinnen mache und ob sie dafür 7 Semester Publizistik studieren hätte müssen, stellt ein zu geringes Gegengewicht dar, als das frau sich an diesem Abend im Geschehen auch tatsächlich wiederfinden kann.

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