Manches Mal hat es den Anschein, als ob die Realität künstlerische Produktionen einholen würde. Zumindest hat man den Eindruck seit der Wahl von Donald Trump zum nächsten amerikanischen Präsidenten, dass die Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist und kurz vor dem Untergang steht.

Im Off-Theater hat man dieses finale Szenario bereits antizipiert und sich anhand zweier künstlerischer Vorlagen schon einmal auf den bevorstehenden Supergau vorbereitet. Welt.Unter.Melancholia heißt die neue Produktion des bernhard.ensembles, einem mash-up nach Jura Soyfer und Lars von Trier.

Soyfer und Lars von Trier als Ideenspender

In Soyfers „Weltuntergang oder „die Welt steht auf kein` Fall mehr lang“, beschließen die Sonne und ihre Planeten, die Welt wegen der Schlechtigkeit der Menschen untergehen zu lassen. In Lars von Triers Film Melancholia darf das Publikum bis zu den letzten Augenblicken eine Familie begleiten, die sich, bis auf eine Ausnahme, gegen den drohenden Planetencrash blind verhält.

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Unter der Regie von Ernst Kurt Weigel agiert das Ensemble so, wie sich Lieschen Müller und Max Mustermann angesichts einer Weltuntergangsbedrohung ebenfalls benehmen würden. Mit Wegschauen, Verdrängen und trotzigem Widerstand. Bis auf die wunderbare Tamara Stern, die in der Rolle der hellsichtigen Justine brillieren darf. Sie hält über die Aufführungsdauer von 140 Minuten (inkl. Pause) am Szenario der Planetenkollision fest und ist am Ende auch die einzige, die, so hat es den Anschein, befriedet ihrem Schicksal gegenübertritt. Sie entkommt ihrer Melancholie erst, als sie sich des Unterganges endgültig sicher ist. Von da an entwickelt sie Appetit und jene letztlich im Letalen endende Energie, die sich aus der Gewissheit des eigenen Todes speist. Ihre permanente Bühnenpräsenz, ihr alles konterkarierender Negativismus steht in krassem Gegensatz zum pseudo-geschäftigen Treiben ihrer Familie und Freunde. Nebenbei erwähnt, darf sie ein genauso üppiges, langes Kleid und einen genauso feinen Kopfschmuck wie Dürers Melancolia tragen.

Bis jedoch die Lichter endgültig erlöschen, dürfen sich Grischka Voss, Rosa Braber, Michael Welz, Kajetan Dick, Albane Troehler und Ernst Kurt Weigel während eines Hochzeitsszenarios seelisch entblößen. Dabei muss Weigel als Bräutigam noch während der Feier seine erste herbe Eheniederlage einstecken, dürfen Rosa Braber und Albane Troehler als schwuler Hans und Franz Sex als einzig seligmachendes Lebenselexier anpreisen oder Kajetan Dick ein Lamento nach dem anderen ob der Ausgaben für das Fest anstimmen.

Eine Drehbühne macht Sinn

Die Drehbühne, eine Leihgabe des Burgtheaters für diese Saison, macht in dieser Inszenierung besonders Sinn. Dreht sich auf ihr doch das irdische Geschehen nicht nur sinnbildlich um seine eigene Achse und letztendlich ausweglos dem Untergang entgegen. Auch an den musikalischen Finessen, wie einer Schubert Fassung seines „Der Tod und das Mädchen“, die ganz zu Beginn erklingt und das Ende der Geschichte klanglich vorausnimmt, darf man sich, so man klassische Hörerfahrung hat, erfreuen. Aber auch Fans von Popmusik kommen auf ihre Kosten. David Bowies „life on Mars“ oder der 70er-Jahre_Hit „Melancholie“ der Bambis steuern neben vielen Abba-Songs Ohrenfutter bei.

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Nicht zuletzt sind es humorige Österreich-Bezüge, die dem Geschehen Würze verleihen. So war der Grund, warum das Brautpaar viel zu spät zu seiner eigenen Feier kam keine zu enge Straße, in der ein zu großes Auto stecken blieb. Vielmehr tragen putzige Häschen auf der Grünfläche des Hernalser Gürtels dafür die Verantwortung. Grischka Voss legt einen fulminanten Auftritt als HausverstandIn von Billa hin und verwurschtet dabei satirisch gleichzeitig die Ja natürlich! – Linie.

Bühne und Kostüme sprechen eine klare Sprache

Die schwarzen Strümpfe unter dem weißen Brautkleid (Bühne/Kostüme Devi Saha) lassen ebenfalls schon von Beginn an erkennen, dass sich das Finale an Lars von Triers Version anlehnt und nicht Jura Soyfers stellarem Gnadenerlass huldigt. Nicht umsonst schwebt von Beginn an eine schwarze Diskokugel über den Häuptern der Hochzeitsgesellschaft.

Immer wieder sind es die aktuellen Textergänzungen, die dem Abend eine besondere Würze verleihen. Darin ist Gott an „multiplem Menschenversagen verreckt“, womit als einziger Lichtblick noch der Erwerb eines „Sargomat-Paketes“ bleibt, das einem zumindest die Würde beim Sterben vorgaukelt.

Frauenpower im Ensemble

Neben Tamara Stern und Grischa Voss, legt Rosa Braber, die zuvor als Justines Mutter auftrat, ein weiteres, schauspielerisches Bravourstück hin und mimt Lenny. Jenen Jungen, der von seiner Mutter und Tante in Lars von Triers Film bis zum Schluss vor der grausigen Realität des nahen Todes ferngehalten wird. Einfach genial, wie wandelbar sich die Schauspielerin an diesem Abend zeigen kann.

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Welt.Unter.Melancholia © barbara pálffy

Mit Welt.Unter.Melancholia bietet das.bernhard.ensemble im Off-Theater nicht nur Zeitkritisches zum Kopfzerbrechen, sondern auch jede Menge Spaß. Purer Theatergenuss zum Weiterempfehlen.

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