Wenn uns die Vergangenheit einholt

„The sound of music“ – das amerikanische Musical aus dem Jahr 1959 – verwandelte sich nach seiner Verfilmung sechs Jahre später weltweit zu einem touristischen Aushängeschild Österreichs. Die Geschichte der Trapp-Familie, die während der Nazi-Zeit nach Amerika auswanderte, ist zwar voll von fragwürdigen Klischees und entspricht auch nicht der wahren Familiengeschichte. Dennoch sang sich die vielköpfige Kinderschar rund um die neu in die Familie gekommene Nanny in die Herzen des Publikums. Der Film zählt heute zu den vier erfolgreichsten Hollywood-Musical- Filmen überhaupt.

Nikolaus Habjan und sein ehemaliger Lehrer Neville Tranter haben den Stoff aufgenommen und lassen die Eltern, Vater Max und Ziehmutter Maria, 50 Jahre später unter dem veränderten Namen Trüb wieder in ihr Heimatland zurückkommen. Hier müssen sie feststellen, dass Österreich anscheinend das einzige Land auf der Welt ist, in dem der Film und ihr damit zusammenhängender Ruhm nicht bekannt sind. Habjan und Tranter sprechen auf der Bühne Englisch, wobei der österreichische Puppenmagier seine Hauptfigur – Mag. Norbert Frickl – mit einem so grottenschlechten, österreichischen Akzent ausstattet, dass er dafür Lacher ohne Ende erntet. Dass diese Klappmaulpuppe „familiar“ aussieht – mit Zügen, die zwischen Hitler und dem ehemaligen, österreichischen Innenminister der blauen Fraktion angesiedelt sind, zeigt auf, wie zeitgenössisch das Stück mit seinem bitterbös-beißenden Humor angesiedelt ist. Ersetze bei Frickl das F durch ein K und denke zu Norbert den Nachnamen eines erfolglosen Bundespräsidentenkandidaten und schon weiß man, welche Gesinnung von behördlicher Seite in Österreich den Trübs entgegenschlägt. Frickl, das stempelwütige Aktenmonster, hat, wie sich bald herausstellt, ganz persönliche Animositäten gegenüber Max Trüb und denkt nicht im Traum daran, dessen Einwanderungsansuchen positiv zu bescheiden. Selbst Arnold Schwarzenegger, der als letzter Hoffnungsträger von den Trübs nach Salzburg geholt wird, kann nicht helfen. Nicht nur, weil Maria ihn wegen seines unehelichen Kindes verabscheut, sondern weil auch er wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft von Frickl ausgewiesen wird.

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Wer Österreich einmal den Rücken gekehrt hat, hat seine Heimat für immer verloren, ist die offizielle Begründung des „chief of Einwanderungsbehörde“. Die Charaktere von „The hills are alive“ sind samt und sonders archetypisch angelegt. Das ist wohl mit ein Grund, warum das Puppenspiel, bei dem die beiden Akteure während ihres Spiels auch sichtbar sind, so gut funktioniert. Max, der sich rühmt, habsburgische Verwandte zu haben und sämtlichen Kindermädchen, die zur Familie kamen, nachstellte, trägt den Charakter eines gealterten Lebemannes, dessen Verdrängungsmechanismus groteske Züge angenommen hat. Seine Frau Maria, eine verwelkte Diva in rosafarbigem Tütü, will von ihrem wahren Lebensalter nichts wissen. Sie erlebt ihren Österreich-Aufenthalt zwischen Starallüren und dem Wahn, als Filmprominenz geachtet zu werden.

Mit dem Krone-Journalisten Mayer schufen Habjan und Tranter eine Figur, die im Verlauf des Geschehens ihre Herkunft neu definieren muss. Damit nicht genug, verliebt sich Mayer – spezialisiert auf Gartenartikel – auf den ersten Blick in die französische Nanny Juliette. Diese wurde von Frickl gezwungen, die Trübs auszuspionieren. Diesem Auftrag kommt sie nur widerwillig nach, folgt ihm jedoch in der Hoffnung, dadurch die Ausweisung ihres syrischen Freundes verhindern zu können.

Mit unglaublich raschen Szenen- und damit verbundenen Puppenwechseln dreht sich das Komödienkarussel rasantes. Dem Frickl an die Seite gestellte Soldat Kornbichler darf ohne Weiteres ein vermindertes Denkvermögen attestiert werden. Die sich daraus ergebenden Lachnummern stehen ganz in der Tradition der Wiener Doppelconferencen, wie sie schon kurz nach Gründung des ORF von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn so meisterhaft inszeniert wurden.

Sehr interessant ist der Umstand, dass alle Figuren, sieht man von den beiden sozial niedrigsten Personen des Kindermädchens und dem Rekruten ab, mit tiefen, seelischen Abgründen ausgestattet sind. Das rückt die Geschichte, trotz ihres skurrilen Fortgangs mit mehreren atemberaubenden Volten in Realitätsnähe. Es ist nicht nur die so kunstvoll verzahnte Erzählung, welche die eineinhalbstündige Aufführung wie im Flug vergehen lässt. Es sind die unglaubliche Spielfreude und die wandelbaren Stimmen der beiden Puppen-Großmeister, die bestechen. Dabei ist man gebeutelt zwischen Lachen, Fremdschämen, Staunen und einem aufkommenden Unbehagen, das einem sagt: Das hier ist zwar Theater, aber die Grenze zum realen Leben – wo ist die noch scharf auszumachen?

Die beiden überdimensionierten rot-weiß-roten Fahnen links und rechts von der Bühne (Denise Heschl) flankieren den großen Frickl-Schreibtisch in beinahe bedrohlichem Ausmaß. Dass sie in der letzten, berührenden Szene im Dunkel verschwinden, tut gut. Denn wer nach dieser Inszenierung noch mit einer von Nationalstolz geschwellten Brust von dannen zieht – dem ist auch nicht mehr zu helfen.

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