Wer braucht noch Drogen? Giselle als Methadonprojekt an der Oper in Straßburg

Giselle (Foto: Jl Tanghe)

Giselle (Foto: Jl Tanghe)

Allen, die sich gerne in eine andere Welt versetzen, aber vor Drogen berechtigterweise die Finger lassen, sei ein anderes Rezept verordnet: ein Abend mit Giselle in der Opéra du Rhin in Straßburg.

„Alter Käse!“ , könnten die einen schreien, „wer will das noch sehen“, vielleicht die anderen. Ewige Nörgler braucht man in diesem Zusammenhang aber nicht zu bekehren, denn die Vorstellungen zu Giselle sind ohnehin samt und sonders ausverkauft. Und das zu recht. Was an diesen Abenden geboten wird ist nicht nur klassisches Ballett vom Feinsten, sondern eine musikalische Interpretation die ihresgleichen sucht. Die Musik von Adolphe Adam wird in diesem Fall von einer wahren Ausnahmeerscheinung dirigiert, deren Namen man sich merken sollte. Denn mit der Französin Ariane Matiakh steht eine junge Frau am Dirigentenpult die nicht nur viel Herz und Wärme ausstrahlt, sondern ein besonderes Ohr für die Feinheiten dieser Musik hat. Aber man kann ihre Leistung auch ein wenig relativieren, denn unter ihr agieren Musikerinnen und Musiker des OPS, des Philharmonischen Orchesters Straßburg. Und wer die Konzerte dieses Klangkörpers schon einmal gehört hat, der weiß, dass es sich hier um ein Orchester der Weltspitzenklasse handelt. Dennoch agieren die Musikerinnen und Musiker unter der Dirigentin, als würde sie einen zarten Stauberstab schwingen. Kein Crescendo, das nicht erregend anschwellend gespielt wird, kein Pianissimo, das nicht gehaucht erklingt, kein Mancando, das sich nicht so verströmt, als würde ein seidener Schal sanft zu Boden gleiten. Zugegeben, meine Worte fallen etwas blumig aus, aber wie sonst kann Sprache auch nur annähernd die Qualität dieser musikalischen Darbietung näher bringen?

Giselle (Foto: Jl Tanghe)

Die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne tanzen nach allen Regeln der klassischen Ballettkunst. Arabesken, Jetés, Entrechats und was einem sonst noch alles einfällt – alle Register, alle Positionen und alle Bewegungen und Posen die im klassischen Ballett entwickelt wurden, kommen an diesem Abend zur Aufführung. Maina Gielgud hat diesem Repertoire, das sie schon im Jahr 2003 mit dem Straßburger Ensemble erarbeitete, noch subtile neuere Ausdrucksformen beigefügt. Wie z. B. den Auftritt der Wilis. Wie die mädchenhaften Geister blockweise die Bühne überqueren, so als wären sie tatsächlich von einer anderen Welt, zeigt, mit wie viel Gefühl die Choreografin, basierend auf den Choreografien von Jules Perrot, Jean Coralli und Marius Petipa (allesamt aus dem 19. Jahrhundert) zeitgemäß eingreift. Das Märchen vom jungen Mädchen vom Lande, das sich in einen Adeligen verliebt, an dessen Liebe zerbricht und forthin als Geist unter Leidensgesnossinnen, die vor der Hochzeit verstorben sind, Menschen erschreckt, rührt meist nur Ballettelevinnen. Die Tatsache, dass auch das ältere Publikum bei der Aufführung in Straßburg ein einhalb Stunden „an der Stange“ bleibt macht deutlich, dass auch jenseits des Elevenalters von diesem Stoff noch eine ungebrochene Faszination ausgeht. Und dies rührt aus der Tatsache, dass Maina Gielgud die Geschichte über Liebe, Tod, Vergebung und Selbstaufgabe von jeder Tänzerin und von jedem Tänzer so intensiv interpretieren lässt, dass die damit verbundenen Emotionen neben der tänzerischen Darbietung das tragende Element der Aufführung sind. Sybile Obré, die am 16. Jänner die Giselle tanzte, tat das nicht nur jungmädchenhaft, so als ob sie kein Gewicht hätte, sondern berührte durch die in der Dramaturgie vorgegebene Schutzhaltung gegenüber ihrem Geliebten, der ohne ihre Hilfe den Tod fände. Ihre Bühnenüberquerung während der „Bauernhochzeit“ auf der Spitze eines Beines, in der Ballettsprache als „temps levés sur pointe“ bezeichnte, faszinierte genauso, wie das wunderbare Pas de deux mit Alexandre Van Hoorde, der ihren angebeteten Albrecht tanzte. Von Beginn an mit einer starken Bühnenpräsenz ausgestattet, tanzte er furios und meisterte seine zahlreichen Entrechats (Sprünge aus dem Stand mit mehrfacher Kreuzung der Beine in der Luft) in seinem großen Solo scheinbar ohne Anstrengung. Was das tatsächlich bedeutet kann man nur wissen, wenn man entweder selbst Ballett getanzt hat oder einmal versucht, auch nur drei mal aus dem Stand in die Luft zu springen und dabei mit gestreckten Beinen noch kleine Überkreuzbewegungen durchzuführen. Der spontane Zwischenapplaus machte deutlich, dass das Straßburger Publikum sehr ballettaffin ist und eine solche Leistung auch zu würdigen weiß. Was hier so leicht und lässig aussieht ist die hohe Schule des Balletttanzes. Sandy Delasalle als Myrtha, als Königin der Wilis, tanzte gleich zu Beginn des zweiten Aktes einen atemberaubenden, nicht enden wollenden Spitzentanz. Ihre Körperbeherrschung steht in perfektem Einklang mit ihrer grazilen, hoch gewachsenen Gestalt – die wie geschaffen für diese Rolle ist. Aber auch alle anderen Charaktere waren an diesem Abend perfekt besetzt und ließen das Publikum tief in einen Tanztraum versinken, der auch durch die wunderbaren Kostüme und das Bühnenbild von Jean-Marc Puissant völlig stimmig wirkte.

Jeder Besucherin und jedem Besucher der Opera du Rhin sei der Kauf eines Programmheftes empfohlen, denn darin findet sich, wie auch bei der Produktion von Giselle, allerhand Ergänzendes zur Vorstellung. Eine sehr gute Abhandlung über die Geschichte der weltweiten Aufführungen zum Beispiel, aber auch weiterführende Literatur sowie Hinweise auf weitere Medien. Die Opera du Rhin legt offenbar großen Wert darauf, ihr Publikum auch über die Vorstellungen hinaus mit Wissen zu versorgen.

Quasi als Einstimmung des Abends wurde die Choreographie „Papillons“ – „Schmetterlinge“ von Bertrand d´At aufgeführt. Er ist zugleich der Chef des Balletts an der Oper in Straßburg und entwickelte dieses Stück aufgrund einer Anfrage des Balletts von Shanghai. Nach der Klaviermusik von Schumann, Schubert und Mendelssohn-Bartholdy, von Inga Kazantseva, die für den erkrankten Maxime Georges einsprang, bravourös gespielt, zeigte d´At einen Reigen rund um Liebesgefühle aber vor allem auch der Unvereinbarkeit und dem Unverständnis der zeitgenössischen middleclass gegenüber dem Kunstbetrieb. So sehr sich die Tänzer und Tänzerinnen in ihren grellbunten leichten Jacken- Hosenkostümen auch an der Musik vergnügten, sich ihr hingaben, Spaß daran hatten und vor Leben sprühten, so ungläubig, gelangweilt und uninteressiert gebärdeten sich Männer und Frauen im angepassten schwarzen Arbeitskostümchen oder im schwarzen Businessanzug. Wiederum glänzte Elle Sandy Delasalle, hier als Diva, hin- und hergerissen zwischen den beiden Welten, genauso wie ihr Partner Miao Zong, dem es trotz aller Anstrengung und Grenzüberschreitung der beiden Welten nicht gelang, endgültig ihr Herz zu erobern. Eine interessante Idee, wohl aus dem eigenen Gefühl des separierten Künstlerlebens entstanden.

Weitere Aufführungen sind noch in Colmar und Mulhouse zu sehen. Die Termine finden Sie hier: Kalender

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