vor 5 Monaten veröffentlicht

Wie man authentisch lebt

„Lina“ ist der Titel eines soeben in die Kinos gekommenen Spielfilmes über Lina Loos, der ersten Ehefrau von Adolf Loos. Er gibt einen feinen, psychologisch nachvollziehbaren Einblick in die Entwicklung einer jungen, unbeugsamen Frau.

Meistens stehen sie im Schatten ihrer berühmten Männer. Jene Frauen, deren Namen unweigerlich mit der Leistung ihres Gatten verbunden ist. So erging es auch Lina Loos. Ein aktueller Spielfilm stellt nun drei besondere Jahre dieser bemerkenswerten Frau in den Fokus und zeigt dabei ihre Entwicklung vom Backfisch hin zu einer selbstbestimmten Person.

Viele Köche verderben den Brei gilt nicht bei dieser Produktion

Dabei entführt das Drehbuch- und Regiekollektiv mit Walter Wehmeyer, Christine Wurm, W. Andreas Scherlofsky, Tino Ranftl und Brigitte Benesch am Anfang des Films ins Jahr 1902. Loos hatte als Architekt damals zwar schon einen Namen, aber noch keine Mittel. Bereits beim ersten Kennenlernen bat er die 18-jährige Schauspielerin Lina Obertimpfler, seine Frau zu werden. Die Szene wurde im Café Sperl aufgenommen und kommt, wie auch die späteren, in unterschiedlichen Locations historisch stimmig über die Leinwand.

Foto: Peter Louis

Ob Wiener Caféhaus, adeliges Sommergut oder ein Bauernhaus in hügeliger Landschaft: Die Location-Scouts haben, bedenkt man die Low-budget-Produktion, beste Arbeit geleistet. Besonderes, zusätzliches Augenfutter lieferte Barbara Langbein mit den Kostümen, vornehmlich der Hauptdarstellerin. Die Bandbreite reicht vom züchtigen, rüschenbesetzten, bodenlangen, weißen Kleid, das sie gleich in der ersten Einstellung trägt, bis hin zu einer an Klimt angelehnten Reformgarderobe und ist damit zugleich als Ausdruck eines erstarkten Selbstbildnisses von Lina zu sehen.

Ein Affäre mit letalem Ausgang

Doch hinter all dem Atmosphärischen steht die Geschichte dieser selbstbestimmten, jungen Frau, ihrem Mann und ihrem Liebhaber Heinz Lang. Der Schüler, der eine Affäre mit ihr hatte, erschießt sich bei einem Aufenthalt in England, als er erfährt, dass Lina Loos nicht zu ihm kommen wird. Lina hat mit dieser Absage aber nicht zwischen zwei Männern gewählt. Vielmehr hat sie sich zu einem eigenen, unabhängigen Leben entschlossen. Wie schwer ihr diese Entscheidung gefallen ist, wird in diesem Streifen klar. Entgegen jeglicher gesellschaftlicher Konvention wählt sie ein Leben ohne finanzielle Sicherheit, das sich ganz auf ihre eigene Kraft stützt. Die Bilder dazu – ein Spaziergang, barfuß in einem Bach, das Schrubben eines Holzbodens, Feuermachen am offenen Herd – sie vermitteln das Gefühl absoluter Freiheit, auch wenn diese nicht einfach zu leben ist.

Foto: Wolfram Wuinovic

Lina Loos war eine unerschrockene Frau, die sich während des November-Pogroms 1938 an den niedergebrannten jüdischen Tempeln mit ihrer Ansage „Ich bin Zeuge“ selbst in Lebensgefahr brachte. Ein Teil ihrer feuilletonistischen Artikel, die sie für verschiedene Wiener Zeitungen schrieb, wurde in ihrem „Buch ohne Titel“ zusammengefasst und beeindruckten nicht nur Kerstin Strindberg, Tochter von August Strindberg, mit welcher sie bis zu ihrem Tod in regelmäßigem Briefverkehr stand. Peter Altenberg, Egon Friedell und Franz Theodor Csokor waren ihr treue Freunde. Davon erzählt der Film nichts, aber er macht Lust, mehr über Lina zu erfahren.

Lina – ein aktuelles Rollenvorbild

Mit Sarah Born und Johannes Schüchner in den Hauptrollen wurden zwei junge Nachwuchstalente direkt von ihrer Ausbildung (Schauspielschule Krauss und MUK) gecastet. Mit ihnen darf man nicht nur Einblick nehmen in eine Beziehung, die von der Männerseite her noch im Rollenbild des 19. Jahrhunderts verhaftet war. Vielmehr weist Lina mit ihrer Unabhängigkeitsbestrebung und ihrem Mut bis weit in unsere Zeit, in der es nach wie vor nicht selbstverständlich ist, seiner eigenen Bestimmung zu folgen und authentisch zu leben.

Foto: Peter Louis

Die ruhige Bildsprache (Kamera Wolfram Wuinovic), die auch mit Überblendungen und Flashbacks arbeitet und die Grenze zwischen Realität, Traum, Gegenwart und Vergangenheit öfters verschwimmen lässt, verleiht dem Film zusätzlich eine große Portion Poesie und unterstreicht damit sehr subtil die seelische Entwicklung der Hauptfiguren.

In weiteren Rollen: Benjamin Muth als Gymnasiast Heinz Lang, Gerhard Rühmkorf als väterlicher Freund und Verehrer Peter Altenberg und Michaela Ehrenstein als Sofie von Waldegg, einer fiktiven Figur, die für alle jene Frauen steht, die Lina Loos beeinflussten.

Categories Film

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