Die schwarze Bühne besteht aus einem nach allen Seiten begrenzten Raum ohne weitere Ausstattung. Einzig eine runde Scheibe schwebt über ihr, aus der Blitze zischen. Der Sound dazu – Untergangsstimmung mit einem Tosen und Dröhnen. Als der Lärm aufhört und die Blitze enden, tritt ein Mann in braunem Mantel mit Kapuze vor das Publikum. Er beginnt mit seinen Fingern langsam zu schnippen und seine Gesten laden die Zuseherinnen und Zuseher bald ein, es ihm gleichzutun. Es dauert nur wenige Sekunden, da hat er die Menschen im Saal in seiner Gewalt.

So einfach ist das, wenn man Gott ist. Oder ist er doch nur einer, der ohne erkennbaren Grund Inhaftierten?

Foto: Danny Willems

Drei Frauen, drei Männer und ein unerwarteter Besucher

Wim Vandekeybus sorgt in seinem Stück „Mockumentary of a Contemporary Saviour“, das er im Volkstheater im Rahmen von Impulstanz zur Österreichischen Erstaufführung brachte, ordentlich für Verwirrung. Denn neben dem Mann im braunen Kuttenmantel gibt es auch noch Ana. Jene hübsche, groß gewachsene Frau, die behauptet, eine Mutter zu sein. Mutter von einem Jungen, von dem sie getrennt wurde und der außerhalb der erzwungenen Klause lebt. Die weiteren Bewohner – drei Frauen und drei Männer, fügen sich seltsamen Ritualen. Wie die zierliche Jun und der muskelbepackte Hüne Flavio. Jedes Mal, wenn die junge Frau Zuflucht bei diesem Riesen sucht, wird er zum Mörder. Auf vielfache Art und Weise zeigt er an ihr mit Gesten und brutalen Bewegungen, wie man Menschen töten kann. Aber immer wieder steht Jun erneut auf und beginnt ihre Annäherungsversuche abermals.

Plötzlich fällt ein massiger Körper mit einem lauten Knall auf den Boden. Rote Haare, den orangen Overall über dem Bauch offen, liegt er da. Das Publikum braucht einige Sekunden Erholungspause. Und die Menschen in der Gefängnisblase fangen nach dem ersten Schock bald über die Bedeutung des Menschen zu streiten an. Bringt er Segen oder Fluch? Was weiß er über die Außenwelt? Lebt er oder ist er tot? Als sich Walter zu regen beginnt, von seiner brutalen Zeitreise erwacht, gerät er in Panik. Auch er wurde ungefragt in die Szenerie geworfen und will nichts, wie von dort wieder weg.

Ein Psychologe greift ein

Das „in die Welt geworfen Sein“, wie es Martin Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ ausdrückte, bekommt bei Vandekeybus eine visuelle Entsprechung. Und tatsächlich kreist die Arbeit des belgischen Choreografen um das Thema des Existenzialismus, mit einem wichtigen Zusatz: Von Gott befreit ist hier niemand. Alle, die sich auf der Bühne befinden, fühlen sich dort von einer höheren Macht kontrolliert, Gott ausgeliefert. Alle meinen, ohne den Glauben an ihr Auserwähltsein, könnten sie nie gerettet werden.

Erst als Walter mit brachialer Gewalt auf der Bühne landet, verändert sich das Zusammenleben der sechs Menschen in ihrer unfreiwilligen Abgeschiedenheit. Er, der im realen Leben Menschen nur von seinen Bildschirmen aus betreute, aber das wissenschaftliche Handwerkszeug mitbringt, Seelen zu kurieren, greift mit seinen Fragen und Aktionen beinahe unbemerkt, aber umso vehementer in die vorgefundene Gesellschaftsstruktur ein.

„Mockumentary of a Contemporary Saviour“ zeigt sich als eine Mischung von Sprech- und Tanztheater, was vieles, was darin aufgezeigt wird, wesentlich leichter fassbar macht, als wenn es nur durch eine reine Tanzsprache erklärt werden müsste.

Getanzte Emotionen

Foto: Danny Willems

Großartig zum Beispiel ist jene Szene , in welcher Maria die Geschichte ihrer Männerbeziehungen erzählt. Wie sie sich dabei verbiegt, als ob sie keine Knochen im Leib hätte, wie sie springt und ununterbrochen läuft, wie sie Bewegungen aus der Bodengymnastik einbaut, und dabei dennoch genug Luft zum Reden findet, ist einzigartig und bewundernswert. Der Regisseur gibt allen seinen Tanzenden die Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Manche erhalten ein Solo, andere ein Duett. Maria und Jason überwinden bei einem solchen unter der fachkundigen Anleitung von Walter ihre Abscheu voneinander und verbinden sich zu einem Herz und einer Seele. Sie werden ein Paar, das nur mit Gewalt und unter Geschrei zu trennen ist, aber dennoch wie die beiden Kugelhälften von Platon immer wieder zusammenfinden. Und Yun und Flavio wiederum tanzen das schönste Liebesduett, das in den letzten Jahren im zeitgenössischen Tanz choreografiert wurde. Wie die zarte Asiatin mit dem geschätzt doppelt so großen Mann korrespondiert, wie er sie vorsichtig hochhebt, in seinen Armen wiegt, wie sie bis zu seinem Kopf hochsteigt, um sich in vielen unterschiedlichen Positionen von ihm tragen zu lassen, er sich in einer Szene aber auch an sie festklammert, ist ein ausgesprochener Glücks- und Ausnahmemoment auf der Bühne.

Als schließlich das Kind, dessen Stimme immer wieder in Soundeinspielungen zu hören war, leblos in die Arme seiner Mutter segelt, ist zwar Nietzsches „Gott ist tot“- Behauptung erfüllt. Die Auflösung des Gefängnisses, die Vandekeybus mit diesem Bild zugleich vornimmt – der Himmel sinkt zu Boden und bildet nun keine Begrenzung mehr – wird von den nun Befreiten aber nicht wahrgenommen. Vielmehr machen sie sich nun daran, das Publikum zu missionieren. „Ihr seid auserwählt, ihr müsst glauben“, versuchen sie die Menschen im Saal – zum Teil mit Tuchfühlung – zu überzeugen.

Dass auch Walter von diesem Drang nun besessen ist, zeigt wohl, dass auch Vernunftmenschen nicht davor gefeit sind, sich von der süßen Droge der religiösen Erlösung vereinnahmen lassen.

Für Kindergartenkinder und Philosophen

Glaube, Liebe und Hoffnung sind in der christlichen Überlieferung die drei göttlichen Tugenden. Tugenden, die vom Existenzialismus zumindest zum Teil ad absurdum geführt wurden. Vandekeybus Gesellschaftsspiegel macht aber klar, dass wir heute mehr denn je weit davon entfernt sind, von ihnen zu lassen. Auch wenn wir die Möglichkeit dazu hätten.

Das zutiefst philosophische Stück hat Qualitäten, wie sie sich auch in Kunstwerken von Erwin Wurm finden: Egal ob Kindergartenkind oder Philosoph – alle kommen im Rahmen ihrer Reflexionsmöglichkeiten dabei auf ihre Kosten. Ein buntes, schrilles Spektakel mit herausragenden Ensembleleistungen, das zusätzlich die Möglichkeit bietet, sein eigenes Wertegefängnis zu hinterfragen.

Das Ensemble: Maria Kolegova, Yun Liu, Flavio DÀndrea, Jason Quarles, Anabel Lopez, Said Gharbi, Wouter Bruneel.

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