Wohin kehrt man heim?

Das Schauspielhaus Wien ist bei seinem fünften und letzten Teil der Serie „Die Welt von Gestern“ nach Stefan Zweig angekommen. Die junge Autorin Anne Habermehl wurde sowohl für die erste als auch auch für diese letzte Folge, die den Titel „Heimkehr nach Österreich“ trägt, beauftragt.

Aufführungen in Altersheimen rangieren unter der Beliebtheitsskala von Kreativen nicht gerade an oberster Stelle. Zwar ist das Publikum gemeinhin nicht allzu schwer zu begeistern, allerdings funktioniert ein Auftritt nur dann zufriedenstellend, wenn er genügend Erinnerungspotential enthält. Das Schauspielhaus in Wien benötigt für seinen fünfte und letzte Serie nach Stefans Zweig Biografie jedoch gar kein Publikum aus dem Altersheim, sondern nimmt sich dieses dorthin einfach mit. Nach einem kurzen Spaziergang vom Haupthaus in der Porzellangasse ist das Haus Rossau in der Seegasse 11 erreicht. Ein Ort, mit geschichtsträchtiger Vergangenheit, der den bislang gebräuchlichen Namen „Altersheim“ abgelegt hat. „Häuser zum Leben“ nennt die Betreibergesellschaft vielmehr jene Institutionen, die vornehmlich alte Menschen, die nicht mehr alleine wohnen können, beherbergen. Und so befindet sich das Publikum in seinem solchen „Haus zum Leben“, in welchem an diesem Abend jedoch das Sterben in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt. Die Geschichte dieses speziellen Hauses ist äußerst bemerkenswert, vielschichtig und daher zugleich auch sehr interessant für eine Theateraufführung im Zusammenhang mit jener Thematik, die das Schauspielhaus Wien in dieser Saison aufarbeitet.
Im Hof des Hauses befindet sich nämlich ein jüdischer Friedhof, der in den letzten beiden Jahrzehnten in mühsamer Kleinarbeit wieder rekonstruiert wurde. Dafür mussten alte Grabsteine, die 1943 mit Zustimmung der NS-Verwaltung auf den Zentralfriedhof verbracht wurden, wieder zurückgeholt werden, um an ihren ursprünglichen Ort wieder aufgestellt werden zu können. Das jetzige Wohnheim stammt aus den späten 70er, frühen 80er Jahren, gehört der Stadt Wien und wird als konfessionsfreies Altersheim geführt. Bis zum Jahr 1943 jedoch war es ein jüdisches Altersheim, an dessen Platz schon zu Beginn der Neuzeit – bis dahin lassen sich einige Grabsteine zurückdatieren – ein jüdisches Siechenhaus stand. Nachdem die letzten Alten 1943 aus dem Haus abtransportiert worden waren, wurde es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, um aber gleich nach dem Krieg den Heimkehrenden aus den Deportationslagern als allererste Anlaufstation zu dienen. Diese Geschichte, in der sich das Unrecht gegen die Wiener jüdische Gemeinde über Jahrhunderte hinweg widerspiegelt und letztlich auch ein Faktum aufzeigt, das im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert ist, diente der Autorin sicherlich als bedenkenswertes Faktum. Sie wählte diese Seniorenresidenz, um darin die letzte Station einer alten Dame zu beschreiben, die zeitlebens nirgends ein richtiges Zuhause hatte.

Habermehl hat für ihre zwei Abende 100Jährige Wienerinnen und Wiener interviewt und sich auf die Geschichte eines Ehepaares konzentriert. Im ersten Teil erzählte sie dessen Leben bis zum Freitod des Mannes in den 80er Jahren, der sich, seiner Demenz bewusst, in den Wald zurückzog, aus dem er nicht mehr heimkam. Im letzten Teil nun knüpft die Autorin an die Geschichte seiner Frau an und erzählt indirekt über ihre Tochter und deren Mann ihren Alterungsprozess. Dass sich das Geschehen nicht auf einer Theaterbühne abspielt, sondern in ein reales Seniorenheim verlegt wurde, macht in mehrerlei Hinsicht Sinn. Denn der Abend wird nicht nur intellektuell verarbeitet, sondern beansprucht alle menschlichen Sinne. Das beginnt beim olfaktorischen Eindruck, der einen sofort umfängt, wenn man das Haus betritt, geht weiter zu einer kleinen Essensausgabe, bei der man einen Dosenobstalat im kleinen Schüsselchen erhält und endet schließlich auf der nächtlichen Terrasse – mit Blick auf den jüdischen Friedhof.

Die Tochter der alten Dame hat genauso wie ihr Ex-Mann oder Ex-Freund keinen Namen, auch nicht ihr kleines Mädchen, über das genauso wie über die alte Dame selbst, nur gesprochen wird. Die junge Frau zeigt kräftige Ansätze einer bipolaren Störung und hat große Schwierigkeiten, das Alter ihrer Mutter und ihr langsames Siechtum zu akzeptieren. Angela Ascher verkörpert diesen impulsiven Charakter. Trotz aller Ressentiments gegen ihre Mutter versucht sie doch, zumindest deren Vergangenheit zu heroisieren. Tim Breyvogel als ihr Ex-Freund erträgt ihre psychische Schieflage nicht und wird ihr gegenüber mehrfach gewalttätig. Die alte Dame, über die sich das junge Paar unterhält, kommt an diesem Abend nie persönlich auf die Bühne, bzw. in den Speisesaal, in dem sich das Geschehen abspielt. Und dennoch ist sie der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Sie wird zum Projektionspunkt für die unaufgearbeiteten Familiengeschichten des Paares, das mit aller Macht ein eventuelles Naheverhältnis ihrer Vorfahren zum Nationalsozialismus verdrängen möchte. Doch es ist nicht nur die Vergangenheit, die zum Problem der jungen Menschen wird. Es ist auch der nahe Tod, das Sich-Zurückziehen und Verstummen der Alten, welches sie ratlos und zornig zugleich zurücklässt. Die Erinnerungen, die von der betagten Frau nicht mehr hervorgerufen werden können, bietet Habermehl sozusagen aus zweiter Hand, auditiv, über Kopfhörer. In die kalte Nacht auf die Terrasse entlassen, lauscht das Publikum einer 8minütigen Dokumentation von Aussagen jener Menschen, die noch den Ausbruch des ersten Weltkrieges erlebt haben. Dabei entwickelt sich aus dem Abstand, den eine dramatische Fassung mit sich bringt, eine persönliche Bezugsebene zu den alten Menschen. Obwohl man diese nur hört und nicht sieht. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass ihr Erinnern ein selektives ist, eines das noch dazu beständig abnimmt und damit auch eine Zeit verschwindet, die prägend für unser Hier und Heute war. Dabei steigt das Bewusstsein auf, dass all diese Geschichten bald gänzlich verschwunden sein werden. Nur vereinzelt mehr nachzulesen, so wie in Stefan Zweigs Biografie, die den Ausgangspunkt zu diesem Theatererlebnis bildete. Erinnerung an das eigene Leben erlischt schon in demselben. Permanent und ständig, im fortgeschrittenen Alter mit Riesenschritten. Die „Heimkehr“, die auch im Titel dieses Abends verankert ist, ist ab einem bestimmten Lebensabschnitt keine „Heimkehr“ an einen bestimmten Ort. Vielmehr ist es eine Heimkehr in einen Zustand, der, bevor er eintritt, nicht gefühlt werden kann.

In der Regie von Felicitas Brucker mimt Tim Breyvogel jenen jungen, zornigen Mann, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle halten kann. Schon einmal Mal in dieser Serie war er mit dieser Charaktereigenschaft belegt worden. In der zweiten Folge, die er mit Michael Gempart bestritt und die Philipp Weiss verfasst hatte, waren es ebenfalls seine familiären Prägungen, unter denen er litt und welchen er mit Gewalt versuchte zu entkommen. Eine kluge und passgenaue Besetzung.

In der Replik auf die fünf Serienteile kann man feststellen, dass es dem Team – allen voran den Autorinnen und Autoren – gelang, viele differenzierte Sichtweisen auf das 20. Jahrhundert aufzuzeigen. Sichtweisen, die sich in Einzelschicksalen manifestierten, welche aber alle mit den politischen Bedingungen ihrer Lebensspanne verwoben waren. Es gibt kein Entrinnen, kein Abgekoppelt-Sein aus einem politischen Umfeld – so könnte man eine der Kernbotschaften dieser Produktionen bezeichnen. Auch wenn viele Menschen heute das Gefühl haben, unpolitisch und nur am Rande von der Politik betroffen zu sein. -“Die Welt von Gestern“ wurde in dieser Produktion zur „Welt von Heute“, wenn nicht sogar zur „Welt von Morgen“. Ein gelungenes Experiment, das neben den jeweiligen Abendvorstellungen räumliche und geistige Plätze noch und nöcher öffnete, um historisch zu reflektieren und nicht zuletzt auch unsere heutige ganz persönliche Positionierung in vielen Lebensbereichen zu hinterfragen.

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