Zerstörerische Liebe

Die Vergangenheit, die man nicht abschütteln kann

„Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will.“ Diese bildhafte Metapher stammt aus der Feder von Heimito von Doderer. Ein Ausspruch mit tiefem Wahrheitsgehalt, der von Georg Friedrich Haas bei einem Publikumsgespräch in der Kammeroper Wien zitiert wurde. Dort erlebte im Rahmen der Wiener Festwochen seine Oper Bluthaus ihre Österreichpremiere.

"Bluthaus" in der Neufassung von 2014 im Theater an der Wien (Foto: Ruth Walz)

„Bluthaus“ in der Neufassung von 2014 im Theater an der Wien (Foto: Ruth Walz)

Zwar ist Doderers Erkenntnis eine universelle, anwendbar auf jeden Menschen. Im Konkreten wollte der Komponist jedoch auf die Verfasstheit der Hauptperson seines Stückes, Nadja, hinweisen. Das junge Mädchen, Inzestopfer ihres Vaters, versucht nach dem Tod von Vater und Mutter ihr Elternhaus zu verkaufen. Herr Freund, ein Makler, steht ihr dabei zur Seite. Basierend auf einem von Händl Klaus geschaffenen, sprachlich exzellenten Libretto, das gespickt mit Metaphern durch den Dschungel der seelischen Untiefen navigiert, schuf der Komponist ein spannendes, packendes und aufwühlendes Werk. Selten matchen Musik und Sprache dermaßen perfekt, wie bei Bluthaus. Nicht oft berührt das Schicksal der Personen so tief wie bei dieser Oper, was vor allem auch durch den Klang, in welchen ihre Präsenz eingebettet ist, hervorgerufen wird.

Die Entwicklung der Geschichte, die im Lauf des Abends permanent an Dramatik zunimmt, wird von der Musik dermaßen perfekt unterstützt, dass es einem schwerfällt, ruhig auf seinem Sitz zu verharren. Dabei arbeitet Haas in den emotional starken Passagen mit spiralartigen Elementen, die wie musikalische Daumenschrauben wirken, aus denen es kein Entkommen gibt. Der Schmerz, den diese Musik ausdrückt, wird nicht weniger, sondern nimmt ständig zu. Eine besondere künstlerische Idee – Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Sängerinnen und Sänger auf der Bühne zu vereinen, macht auch im Hinblick auf die seelischen Verwandtschaften Sinn. So werden die Partien von Nadja, ihren Eltern, aber auch dem Makler gesungen. Die der Nachbarn und der Kaufinteressenten jedoch von Schauspielern ausgeführt. Nur die drei Buben, in den Partien Jan-Sebastian Höhener, Jeremias Said-Lucas Grohe und Lukas Bernhard Sengstschmid, die ihre Mutter verloren haben und mit ihrem Vater auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind, treten ebenfalls singend auf. Ihr familiär grausames, nur angedeutetes Schicksal rückt sie emotional ganz nahe an Nadja, was die Besetzung mit Singstimmen absolut rechtfertigt.

Der goldene Käfig in dem alle gefangen sind (Foto: Ruth Walz)

Der goldene Käfig in dem alle gefangen sind (Foto: Ruth Walz)

Der akzeptierte Gesellschaftsabschaum

In der Regie und dem atemberaubenden Bühnenbild von Peter Mussbach, einem Universalgelehrten unserer Zeit, entwickelt sich ein intrinsisches, persönliches Drama zu einem extrinsischen. Einem Geschehen, das aufzeigt, wie gnadenlos brutal die Gesellschaft mit Missbrauchsopfern umgeht, wie sehr sie diese Menschen auch noch anklagt, ohne ihnen zur Seite zu stehen. Dabei agiert Frau Reinisch, eine notorische Hausbesucherin, die mittellos gar nicht in der Lage wäre eine Immobilie zu kaufen, wie ein Gerichtssaal-Adabei oder auch ein Leichenfledderer, der sich am Unglück der anderen seine Befriedigung holt. Die Nachbarn – Familie Schwarz – treten in Trauerkleidung auf, mit dem Ziel, den Hausverkauf zu verhindern, um sich eine ruhige Nachbarschaft zu sichern. Händl stattete seine Figuren mit sprechenden Namen aus. Dabei ist schwarz nicht nur die Farbe der Kostüme, die das Nachbarehepaar trägt, sondern auch die Metapher jenes Unglückes, welches sie Nadja zusätzlich zum Verlust ihrer Eltern skrupellos beibringen. Durch ihre Enthüllung, dass Nadjas Vater von ihrer Mutter in dem Haus erstochen wurde und die Mörderin sich selbst dann die Kehle aufschnitt, verhindern sie den schon als sicher erfühlten Verkauf der Immobilie. Damit stürzen sie die junge Frau nicht nur in eine ohnehin emotional schon schwer belastete Zukunft, sondern berauben sie dadurch auch jeder finanziellen Absicherung. Frau Stachl und ihr Muttersohn Johann sind jenes Paar, das im Moment der Offenbarung schonungslos verbal auf Nadja eintritt. Johann entblödet sich nicht einmal auszusprechen, ihr körperliche Gewalt anzutun zu wollen, ja sogar sie umzubringen. Er wird zwar von seiner Mutter zurückgehalten, hat dabei aber den emotionalen Rückhalt aller Kaufinteressierten, die sich gegenseitig wie unter Drogen in der Idee hochlizitieren, durch den Makler und Nadja arglistig in einem etwaigen Kauf getäuscht worden zu sein. Da hilft auch das Gegenargument der jungen Frau nicht, dass alle Spuren im Haus entfernt seien, ja ihr sogar die Polizei dabei geholfen hätte. Einzig das persische Ehepaar, das verspätet eintrifft, als alle schon das Haus verlassen haben, haben mit Nadja Mitleid und wünschen ihr alles Gute. Es sind Menschen, die selbst ein schweres Schicksal hinter sich haben und aus ihrem Land flüchten mussten.

Der Vater als einzig gültiger Liebespartner

Nadjas Versuch, in der Liebe zu Freund Erlösung zu finden, scheitert letztlich jedoch. Während der Liebesszene mit dem Makler erscheint ihr Vater – hoch über ihr im ersten Stock des Hauses. Mit ihren „Vater, Vater“-Rufen wird Freund klar, dass sich diese junge Frau niemals von ihrer Vergangenheit lösen wird können, und rückt – zumindest für kurze Zeit – auch gefühlsmäßig ganz von ihr ab. Sein Falsett, das er bis dahin sang, verstummt, und er wird – wie die Gesellschaft rund um ihn herum – zum Sprecher. Freund bleibt jedoch Freund und so findet er am Schluss der Oper wieder zu seinem Gesang zurück.

Tochter (Sarah Wegener) und Vater traut vereint (Otto Katzameier) (Foto: Ruth Walz)

Tochter (Sarah Wegener) und Vater traut vereint (Otto Katzameier) (Foto: Ruth Walz)

Eindrücklich verarbeitet Händl in seinem Libretto die psychologischen Zustände zwischen Natascha und Werner, Nadjas Eltern. Dabei verwendet er eine einsilbige Lautsprache, die nur diese beiden sprechen. In jenen Szenen, in welchen sie ihrer Tochter erscheinen, kommunizieren sie mit dieser verständlich. Dort, wo sie jedoch als Untote nur mit sich selbst verhandeln, bleiben ihre Worte unverständlich. Damit analysiert Händl jenen Zustand messerscharf, der sich zwischen einem dominierenden Vater und einer ängstlichen Mutter abspielt, die zwar vom Kindesmissbrauch weiß, nicht jedoch die Kraft aufbringen kann, ihrer Tochter zu helfen.

Das Orchester als lebendiger musikalischer Organismus

Peter Rundel, der das Klangforum Wien zu Höchstleistungen dirigiert, bezeugt, wie sattelfest er im Genre der Neuen Musik unterwegs ist. Beeindruckend sind vor allem die trockenen Percussionklänge, die von Zertrümmerungen künden. Sie werden in den letzten dramatischen Entwicklungen immer dann eingesetzt, wenn Nadjas Seele wieder und wieder eine neue Wunde zugefügt wird. Die wie von fern hörbaren, dumpfen Paukenschläge, die nach und nach anschwellen, die Führung der Streicher in ihren endlos scheinenden Auf- und Abwärtsbewegungen, all das erweckt den Eindruck, als ob das Orchester nicht auf Papier Notiertes, spielte, sondern Empfindungen zum Klingen brächte, die von einem lebendigen, musikalischen Organismus stammten. Dabei spielen auch jene spätromantischen Harmonien eine wesentliche Rolle, die einige Passagen, wie zum Beispiel den Hinweis auf den Baum, der bittere Früchte trägt, in Molltönen illustrieren.

Eine perfekte Besetzung und eine intelligente und feinfühlige Regie

Mussbach führt in seiner Regie die einzelnen Figuren treffsicher immer dann aus der Menge, wenn ihre Worte oder ihre Emotionen dies erfordern. Die Demütigung durch die Beschimpfungen der Hausbesucherinnen und -besucher empfängt Nadja zusammengekauert und am vorderen Bühnenrand sitzend, während sich hinter ihr die geifernde Masse drängt. Frau Reinisch lässt er in ihrem Trenchcoat so unsympathisch wie möglich auftreten und die Besetzung von Johannes, jenem Mann, der seiner Mutter hörig ist, könnte perfekter nicht sein. Ein dicklicher Komplexler, der mit gesellschaftlichem Rückenwind zu jeder Grausamkeit bereit ist. Mussbachs Bühnenbild deutet das großzügige Architektenhaus an, macht aber zugleich auch den goldenen Käfig deutlich, aus dem es für Nadja kein Entrinnen gibt. Die roten Flammen, die aus dem virtuellen Kamin lodern, sind unschwer als Höllenfeuer lesbar, und das eingespielte Video, in dem Werner zeigt, wie man Quitten einkocht, macht deutlich, dass dieser Charakter keine Widerrede duldet.

Sarah Wegener als Nadja, Ruth Weber ihre Mutter, Otto Katzameier ihr Vater und Daniel Gloger als Freund müssen in einem Atemzug genannt werden, wenn es darum geht, die besten Stimmen vor den Vorhang zu holen. Allesamt untadelig, nein mehr noch ausgezeichnet, sind sie Garantinnen und Garanten für eine Aufführung, die ihresgleichen lange suchen muss.

Was Haas und Händel hier schufen, ist ein Meisterwerk zeitgenössischer Oper. Ein Paradebeispiel, was Oper heute sein kann. Spannend, aufregend, aufwühlend von Thema her und passgenau in ein musikalisches Format gegossen, das seine historischen Vorbilder nicht verleugnet, aber auch genügend Erneuerungspotenzial besitzt, dass die dafür verwendeten Strukturen als spannendes Hörerlebnis im Ohr bleiben.

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