Zurück, zurück – nein! Vorwärts, vorwärts!

Tradition und Innovation – die beiden Seelen in meiner Brust

In den letzten Wochen hatte ich das Glück, an Ereignissen teil zu nehmen, die nicht nur schön und bereichernd waren, sondern die mir in der Reflexion eine wichtige Frage aufdrängten. Bin ich konservativ oder progressiv? Ist das reaktionäre Element in mir stärker als das revolutionäre? Ich möchte hier nicht auf Persönliches zurückgreifen, auf sentimentale Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit oder Hoffnungen an eine beglückende Zukunft. Nachdem sich die Artikel meines blogs mit Kunst und Kultur auseinandersetzen – gerade um einer persönlichen Beliebigkeit zu entgehen – will ich anhand eines Beispiels aus meiner Heimatstadt aufzeigen, welche inneren Streitgespräche ein Architekturprojekt in mir auslösen kann. Architekten bitte weghören!

In einem nicht sehr noblen Viertel in der Grazer Innenstadt, unweit vom Hauptbahnhof entfernt, stand die sogenannte Marienmühle, ein imposanter Industriebau, der beim Vorbeigehen oder Vorbeifahren von den glorreichen Zeiten der Mehlverarbeitung in der Grazer Landeshauptstadt kündete. Geschichte der Marienmühle

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Gewiss, eine architektonische Bereicherung war der Gebäudekomplex schon lange nicht mehr. Die Ende der 80er Jahre geschlossene Mühle war langsam dem Verfall preisgegeben und wir nahmen von ihr eigentlich kaum mehr Notiz. Bis wir eines Tages – meine Tochter und ich – vom Hauptbahnhof kommend, beim Vorbeifahren bemerkten, dass Abrissbagger am Werk waren und uns eine halbe Industrieruine mit ihrem nackten und bloßgelegtem Innengemäuer den Atem verschlug. Noch bevor ich in eine kulturreaktionäre Lamentierei einsetzen konnte, ereiferte sich Alexandra, damals 21jährig, ob der vermeintlichen, kulturellen Barbarei, die da vonstatten ging. „Hast Du die Mühle jemals von innen gesehen?“ wollte sie von mir wissen. Nein, hatte ich leider nicht. Zumindest hatte ich, nachdem sie mir von den großzügigen Räumlichkeiten der Mühle erzählte hatte, das Gefühl, doch etwas verpasst zu haben, das jetzt nicht mehr möglich war zu erleben. Alexandra hat ohnehin ein Faible für historische Industriedenkmäler – aus welchem Grund genau ist mir nicht klar – aber warum, so frage ich mich auch öfter, hängt mein Herz z.B. an gotischer Bauplastik, an der – meiner Meinung nach nie wieder erreichten – Portraitkunst der Renaissance, oder an Händels so herzergreifenden Arien? Insofern ist also die Frage nach bestimmten Vorlieben eines Menschen ohnehin von untergeordneter Bedeutung. Und so stimmten wir also rasch gemeinsam in einen Trauergesang ein, ob der – unserer Meinung nach – architektonisch verpassten Chance – hier einen Bau aus dem 19. Jahrhundert zu revitalisieren und mit neuem Leben zu erfüllen. Und taten das, was uninformierte Reaktionäre gerne tun. Sich über progressive Tendenzen zu ereifern, die man nicht hinterfragt hat, und über Projekte zu schimpfen, deren Fortgang man als demokratischer Mensch auch hätte mit verfolgen können, aber nicht getan hat. Nun also, um es auf den Punkt zu bringen: wir fühlten Wehmut in unseren Herzen. Hätten gerne etwas erhalten und bewahrt gesehen, was unserer Meinung nach erhalten und bewahrt gehört hätte und wechselten doch rasch zu einem anderen Thema, auch um unserer sentimentalen Stimmung zu entkommen.

Die Wochen und Monate waren ins Land gegangen, da war mir ein Wäng-Bäng-Bum-Erlebnis der besonderen Art vergönnt, als ich vor einiger Zeit wieder einmal vom Bahnhof kommend, am Areal der ehemaligen Marienmühle vorbeifuhr.

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Was dort jetzt zu sehen ist, ist umwerfend; aber umwerfend im positiven Sinn. Nämlich ein ultramoderner, neuer Büro- und Wohnkomplex, der schon von außen andeutet, dass hier Menschen am Werk waren, die sich viel Gedanken gemacht haben. Das erfährt man auch, wenn man Näheres über das Projekt nachliest. Markus Pernthaler, ein Grazer Architekt, hat hier mit seinem Team eine Architektur geschaffen, die sich nahtlos an die Projekte, die für das Kulturhaupstadtjahr 2003 errichtet worden waren – die Murinsel von Vito Acconci oder das Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier – anschließen. Nicht nur, dass die Grünflächen, und der Park, an den die Mühle grenzte, erhalten geblieben sind, auch ein Pavillon des österreichischen Architekten Herbert Eichholzer, einem architektonischen Vordenker Österreichs, der den Nazis zum Opfer gefallen war, wurde/wird im Zuge dieses Bauprojektes renoviert. Und dass ein Steirer dieses Projekt vorbildhaft durchgezogen hat, kein Salzburger, Kärntner, Wiener, Londoner oder Italiener, nein, ein Steirer, das macht besonders froh. Aber halt, aufgepaßt! Melden sie sich denn nicht gerade wieder, die zwei Seelen in meiner Brust? Die progressive, die sich darüber unbändig freut, dass hier mit diesem Projekt nicht nur eine architektonische Glanzleistung vorgelegt wurde, sondern damit auch ein ganzes Stadtviertel eine enorme Aufwertung erfuhr. Nein, da ist ja auch schon wieder die konservative Einstellung, die sich unbändig freut, dass dies alles einem Steirer gelungen ist, einem Landsmann also. Sofern man konservativ in diesem Fall mit der Freude über den Zuschlag an einen Steirer gleichsetzen mag. Was mich jedoch in diesem Zusammenhang abschließend zur Frage zwingt: wo bleibt jetzt eigentlich mein Lerneffekt? Tröstlich war immerhin die Ansage meiner Tochter: „Was sagst jetzt Mama, das, was die da hingestellt haben, ist schon richtig genial, oder?“ Im Gegensatz zu meinem Verhalten der alten Industrieruine gegenüber, habe ich mir jetzt aber vorgenommen, mir den neuen Komplex ganz genau anzusehen, und das nicht nur von außen. Auch um daraus das Gefühl mitnehmen zu können, doch noch etwas gelernt zu haben, aus der Geschichte über Tradition und Innovation und den zwei Seelen in meiner Brust.

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