Das Leben geht uns alle an

Das Leben, so meinen viele, würde ihnen so manches vorenthalten. Spaß am Beruf, die richtige und wahre Liebe, Geld. Das Leben, so spüren nur wenige, ist ein Lottosechser, wenn man gesund auf die Welt gekommen ist. Ein Lottosechser, den man allerdings erst selbst einlösen muss. Das Leben kann aber auch für einige von Anbeginn an einen ganz anderen Weg vorzeichnen, als dies für die meisten Menschen der Fall ist. Wer behindert ist, kämpft mit Herausforderungen, die man sich oft überhaupt nicht vorstellen kann. Wie gut, dass es hier Initiativen gibt, die helfend wirken, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arme weit aufmachen und jene willkommen heißen, die sich dort ihren ganz eigenen Lebensraum suchen.

„Ich bin O.K.“ – ein Verein, der vorzeigt, wie es geht

„Ich bin O.K.“ dieser Verein hat es sich seit nunmehr schon 35 Jahren zum Ziel gesetzt, Menschen mit und ohne Behinderung in Wien zusammenzuführen und ihnen allen zu helfen, ein sinnerfülltes Dasein zu leben. Mit Freude und Inklusion anstatt Trauer und Weggeschobenwerden.
Seit 2010 betreiben Hana Zanin und ihr Mann Attila im Rahmen dieses Vereines auch eine eigene Dance-Company mit dem Namen „Ich bin O.K.“. Alle zwei Jahre wird dafür ein neues Stück für die Bühne erarbeitet. Darin arbeiten Tänzerinnen und Tänzer mit und ohne Behinderung zusammen. „Was wir nicht wollen ist Mitleid“, erklärt die Choreografin Zanin die Grundstimmung der Truppe. „Oder gar so etwas wie einen Zirkus-Vorführeffekt“. Tatsächlich sind sie mit dem, was sie machen, meilenweit davon entfernt. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben so gut wie alle einen Beruf, den sie vormittags ausüben. Nachmittags kommen sie dann zur Probe – manche von ihnen sogar fünfmal in der Woche. Für einige von ihnen ist das Tanzen in der Company so etwas wie ein Angekommensein im Leben.“

Das neue Stück „Getrennt – Vereint“

Der neue Coup der Company trägt den Titel „Getrennt – Vereint“ und wurde im November im Odeon erstmals in Wien aufgeführt. Das Stück hält keine durchgehende Handlung parat, sondern setzt sich vielmehr aus einzelnen Puzzlesteinchen zusammen, die am Ende aber doch wieder ein Ganzes ergeben. Genauso, wie auch jeder von uns das Leben erfährt, passieren darin Dinge, die manches Mal Bezüge zueinander haben, dann aber auch wieder ganz solitär dastehen. Dabei treten die Tänzerin Irene Bauer und der Tänzer Martin Dvořák als Liebes- und späteres Elternpaar elegant in Erscheinung. Es beginnt mit den ersten, zarten Berührungen, die sogleich verzaubern. Schon bald darauf kommt es zu einer gelungenen „Geburtsszene“, bei der ihr Kind einfach unter Irene Bauer hervor krabbelt. Die Bilder, die sich daran anschließen, gehören zu den Einprägsamsten, die dieser Abend bereithält. Die gemeinsame Obsorge, die ersten Schritte bis hin zum Erwachsenwerden, alles läuft in Minutenschnelle ab. Aber wie alle Eltern müssen sie letztlich die Erfahrung machen, dass ihr Kind – einmal flügge geworden – eigene Wege geht. Dass diese nicht die ihren sind, wird rasch klar. Eingebettet in Bewegungsmuster des zeitgenössischen Tanzes und in solche, die aus dem Hip-Hop entnommen sind, stehen sich schon bald zwei gänzlich unterschiedliche Welten auf der Bühne gegenüber. Es sind unterschiedliche Lebensentwürfe, die hier präsentiert werden und die sich am Ende doch wieder verschränkend begegnen können.

Bis es aber so weit ist, gibt es viele längere und kürzere Einzelszenen, an welchen alle Tänzerinnen und Tänzer mitgearbeitet und ihre Ideen eingebracht haben. Vieles, was hier zu sehen ist, kommt direkt aus der Erfahrungswelt der Beteiligten. Wie jenes Bild, in welchem Clara Horvath ein schwieriges Pas de deux mit ihrem „Traummann“ tanzt, der aus ihrer Fantasie plötzlich Realität zu werden scheint. Dabei ertappt man sich, dass man sich über die Komplexität der Choreografie Gedanken macht und sich wundert. Was ja bedeutet, dass das Vertrauen in diese Menschen, die hier professionellst vor zahlreichem Publikum auf einer großen Bühne tanzen, nicht wirklich ausgeprägt ist. Viele von ihnen haben das Down-Syndrom, was noch lange nicht heißt, dass sie sowohl in ihren Berufen als auch bei ihrem Hobby – dem Tanz – keine bemerkenswerten Leistungen erbringen könnten. Den schon genannten Profis im zeitgenössischen Tanz, die auch eine klassische Tanzausbildung genossen haben, stehen Jasmin Lang und Kirin España als Hip-Hop-Tänzer gegenüber. Und ihnen angeschlossen eine große Zahl junger Menschen, denen man die Freude an dieser speziellen Bewegungsart ansieht. Irgendwann im Laufe des Abends erkennt man dann, dass es nicht darum geht, bewundernd und staunend die Tanzenden auf der Bühne zu betrachten. Vielmehr beginnt man zu verstehen, dass man hier ganz einfach einen Tanzabend genießen kann. So, wie man es auch tut, wenn keiner der Beteiligten eine Behinderung aufweist. Es geht darum, das Stück auf sich wirken zu lassen, mitzufühlen, mitzulachen und zu klatschen, wo man Anerkennung ausdrücken möchte. Das, was hier gezeigt wird, ist nichts, was einer bestimmten Gruppe von Menschen zugeordnet werden kann. Vielmehr sind es Situationen, die wir alle schon erlebt haben. Eine Einladung bei Freunden, die feuchtfröhlich endet – herrlich wie die beiden Tänzer dabei so ihr Gleichgewicht verlieren, bis sie im Rausch schließlich am Boden zu liegen kommen. Ein Gespräch unter Frauen, bei dem das Wichtigste die Empathie miteinander ist, das „Sich-in-die-Arme-Nehmen“ und Zuhören.

Ein bewusstes Puzzlestück

Die Choreografie von Hana und Attila Zanin erlaubt bei diesem Stück viele Einzelauftritte und auch viele Umbauten. „Wir werden nach der Premiere bis zu dreißigmal gebucht. Bei einem durchgehenden Handlungsstrang müssen viele Auftritte stark verkürzt werden. Bei manchen Einladungen haben wir überhaupt nur eine Viertelstunde Zeit.“ So ist es ganz logisch, sich einmal ein Programm auszudenken, aus dem man komplette Choreografien einzeln herausnehmen und zeigen kann. Die junge Choreografin weiß, wie das Optimum aus der Arbeit herauszuholen ist und wie die Botschaft am besten beim Publikum ankommt.

Mike Brozek, Simon Couvreur, Claire Hecher, Clara Horvath, Raphael Kadrnoska, Niklas Kern, Michaela Kortus, Severin Neira, Johanna Ortmayr, Felix Röper, Markus Samek, Alex Stuchlik und Sophie Waldstein, sie alle zeigen eine Präsenz auf der Bühne, die jener der Profis um nichts nachsteht. Die wohl schönste Erfahrung erlebten sie bei der Schulvorstellung im Odeon, bei der es vielfachen Zwischenapplaus, Zwischenrufe und ein begeistertes, junges Publikum gab. Inklusion at it´s best!

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„Ich bin O.K.“

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