Noch bis 28. Oktober ist in Wien die Ausstellungsreihe curated_by zu sehen. Sie ist das Ergebnis der Bemühungen von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, die dafūr insgesamt 22 Galerien gewinnen konnte. Wie schon berichtet, zeigen diese Arbeiten von internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die von 25 Kuratierenden in schlüssigen Ausstellungskonzepten zusammengeführt wurden.


Die alteingesessenen, renommierten Galerien wie die Galerie Krinzinger, die Galerie Elisabeth und Klaus Thoman oder auch die Galerie Hubert Winter agieren dabei nicht mit unbekannten Namen. Dieser Umstand lässt die Leistung der Kuratierenden weniger im Licht einer eigenen kreativen Leistung denn vielmehr in einer geschickten Kommunikation im Hinblick auf die Vermittlung selbst erscheinen. Und tatsächlich haben die genannten Galerien schon vor dieser gemeinschaftlich ausgerichteten Aktion intensive Kontakte zu den jetzt gezeigten Künstlern gepflegt. So präsentiert Ursula Krinzinger in den Räumen in der Seilerstätte den bei ihr schon 2008 mit einer Einzelausstellung vertretenen Sudarshan Shetty, der nun die raumfüllende Arbeit “The peaces earth took away” zeigt. In dieser von Katya Garcia-Anton kuratierten Ausstellung bearbeitet er künstlerisch Rituale rund um den Tod und vermittelt mit der großen, den Raum fast sprengenden indischen Architektur aus Holz, aus deren Mitte sanft Wassertropfen zu Boden fallen, sich rasch einstellende spirituelle Gefühle. Elisabeth und Klaus Thomann riefen abermals Jürgen Klauke auf den Plan, der ebenfalls zuvor schon einmal, nämlich 2010 eine Einzelausstellung in der Innsbrucker Galerie bestreiten durfte. Der Kurator Michael Scott Hall brachte diesmal den Deutschen mit einer 2teiligen Ausstellung nach Wien, die gerade an diesem Standort bemerkenswert erscheint. Klaukes Selbstportraits aus den 70er und 80er Jahren, in welchen er die Geschlechterrollen aber auch seine eigene provokant hinterfrug, stehen ebenso wie die neuen “Schlachtfelder” – eine aus 144 Teilen bestehende Fotoarbeit, die in Schlachthöfen entstanden ist, in einer eigentümlichen Beziehung zur österreichischen Kunst rund um die Wiener Aktionisten bis hin zu den Arbeiten von Hermann Nitsch. Trotz aller Differenz, die hier angeführt werden kann, besteht doch eine große Portion Gemeinsames, die sich im radikalen Akt der Selbstinszenierung genauso wie in der obsessiven Präsentation von rohem Fleisch, Blut und Gedärmen zeigt. Spannend dabei ist zu sehen, wie sich eine Interpretationshoheit an einem ganz bestimmten Ausstellungsort aufgrund seines eigenen historischen Kontextes verschieben kann. Bei Hubert Winter erhielt Lawrence Weiner mit der Arbeit “impeded time” abermals einen großen Auftritt. Seine Wandbeschriftungen, die in ihrer Poesie diesmal sowohl in Englisch als auch in Deutsch Gegensätze wie selbstverständlich zusammenführen, wird als museal wahrgenommen und dies nicht nur, weil Weiner längst zu einer Institution der zeitgenössischen Kunst geworden ist. Suzy M. Halajian und Marlies Wirth standen hier kuratierend dem Galeristen zur Seite, der Weiner zu seinen Stammkünstlern zählen darf.

Neben diesen großen Namen gibt es allerdings auch eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern zu entdecken, die erstmals die Gelegenheit haben in Wien präsent zu sein. Beispielhaft – weil auch besonders mit hohem Risiko agierend, sei hier die Ausstellung im Projektraum von Viktor Bucher in der Praterstraße hervorgehoben. Die minimalistischen Interventionen von gleich sieben Kunstschaffenden erschließen sich nur mit etwas Zeit und dem Willen, sich auf das beinahe nicht mehr Sichtbare einzulassen. Belohnt wird man jedoch mit einem Denkansatz, der darauf abzielt, die Verweigerung der Produktivität, das Hinterfragen des stets immer und überall Produktiven in den Vordergrund zu stellen. Der junge Kurator Niekolaas Johannes Lekkerkerk aus den Niederlanden leistete dazu hervorragende Arbeit. Nicht nur die Internationalität der Gezeigten verweist auf ein bei ihm bereits gut ausgeprägtes Netzwerk, sondern vor allem die beinahe schon greifbaren, wenngleich unsichtbaren und doch so schlüssigen Fäden, welche die unterschiedlichen Arbeiten miteinander verbinden, beeindrucken.

In einem literaturlastigen Begleittext, der sich zu lesen lohnt, geht Lekkerkerk nicht nur auf Literaten ein, deren Protagonisten sich der Produktivität verweigerten – ohne hier Oblomow von Michael Gontscharow zu erwähnen, der sehr gut in die von ihm aufgezählte Reihe passen würde. Sondern auch Marcel Duchamp kommt hier als einziger bildender Künstler vor, die Klassiker der Verweigerung des Darstellbaren begonnen von Malewitsch bis hin zu Yves Klein finden aber keine Erwähnung, was den Besucherinnen und Besuchern sicher auffallen wird. Dabei wird klar, dass Lekkerkerk keine Anthologie des “No” in der Galerie zeigen und besprechen wollte, sondern vielmehr ganz persönliche Zugänge aufzeigt, die den Titel der Ausstellung “Artists of the No – eine Analogie in Beispielen” rechtfertigen.

Dazu lieferte Ryan Gander eine Videoinstallation mit dem Titel “The Last Work”, in der man ein Kamerateam durch London mitverfolgen kann, dessen Aufnahmen teilweise mit Einblendungen von Videos zusätzlich bestückt werden. Wie Gedanken, die einem bei einer Tätigkeit zeitgleich durch den Kopf schießen, nimmt man diese Einspielungen wahr, ohne aber die Haftung zum Gang durch London gänzlich zu verlieren, den man nur durch die Linse wahrnehmen kann. Gander lieferte bei der diesjährigen documenta ein noch viel reduzierteres Kunstwerk an, nämlich die Einspielung von Wind in einen Raum des Friedericianums, das beim Publikum durchgehend positiv aufgenommen wurde – gerade auch aufgrund der Abwesenheit von allem Stofflichem. David Raymond Conroy ist mit einer Farbkopie eines Fotos vertreten. Fast verschämt hängt es an der weißen Wand und ist mit “All the books I own but haven´t read, stacked up in my house, in a place where the pile reaches from the foor to the ceiling” betitelt. Darauf zu sehen sind an Raumdurchgängen aufgestapelte Büchersäulen, die vom Boden bis an die Decke reichen und – obwohl, wie vom Künstler deklariert – ungelesen und somit ihrer originären Bestimmung nicht zugeführt, nun dennoch in einen Verwendungszweck eingebunden.

David Sherry, der sowohl im Projektraum Viktor Bucher als auch auf der Viennafair mit Performances auftrat, ist mit einem Stellvertreter präsent. Ein Sessel, auf dem ein Zettel mit seinem Namen hängt und dem Hinweis “Just popped out, back in two hours”, der auch als Titel seiner Performances fungierte. Dabei saß oder stand er tatsächlich 2 Stunden lang unbeweglich, mit leicht geöffnetem Mund und völlig geistesabwesendem Blick, so als hätte man bei ihm einen off-Schalter betätigt. Der Mensch als produktives Wesen, das man nach Belieben aus- und einschalten kann, als Teil eines Produktionsprozesses, egal ob im familiären oder beruflichen Umfeld wird bei ihm dadurch thematisiert. Aber Denkstränge gibt es noch viel mehr. Die Erwartungshaltung des Publikums einer Performance gegenüber oder auch jene Gedanken, die sich einstellen, wenn man keine Ahnung von den Performances hat, sondern nur den Text auf dem Zettel liest, der über der Sessellehne hängt. Was hat David Sherry, der jetzt Abwesende auf diesem Sessel gemacht, was macht er jetzt und wann sind die 2 Stunden eigentlich um? Warum hinterlässt er keine weiteren Informationen? So entspinnt sich rund um diese auf den ersten Blick so simple Arbeit ein ganzes Netz an Fragen zu verschiedenen sozio-kulturellen Bedeutungshöfen. Ein schönes Beispiel, wie sehr die Abwesenheit von etwas Gedanken anregen kann.

Ganz anders hingegen agiert Dora Garcia mit “Today I Wrote Nothing, (homage to Daniil Kharms). Darin bezieht sie sich direkt auf den selben Satz des russischen Avantgardisten, der auch als Titel eines im Jahr 2009 erschienen Buches fungierte. Der Satz hält eine lapidare Arbeitsabsenz an einem bestimmten, auf dem kleinen Blatt Papier notierten Tag fest. In derselben Weise wie schon bei Sherry aufgezeigt, ist es gerade die Abwesenheit von einer weiteren künstlerischen Manifestation, die zum Denken anregt. Dass sich die weltweit in unzähligen Ausstellungen vertretene Spanierin, erst zum zweiten Mal – und das nur mit dieser kleinen Arbeit – in Wien präsentiert (im Vorjahr war sie in einer Gemeinschaftsausstellung in der Sezession vertreten) verwundert sehr. Die heurige Documenta-Teilnahme kann als eines ihrer Ausstellungshighlights angesehen werden. Der zarte Hinweis auf den 1942 verstorbenen Russen eröffnet ein ganzes Universum an gedanklichen Zusammenhängen und ist ein schönes Beispiel, wie aufmerksam Betrachtende, so sie den Künstler vorher noch nicht kannten, durch anschließende Recherche sich selbst ein neues Kunstuniversum erschließen können. So gelingt es Dora Garcia auch mit einer vermeintlichen Arbeitsverweigerung Bewegung und Dynamik in die Rezeption dieses Kunstwerkes zu bringen, deren Ende völlig offen erscheint, wird dieses doch komplett an die Rezipienten delegiert.
Der Beitrag von Nina Beier & Marie Lund fällt erst auf den zweiten Blick auf, wenn man diesen nämlich zu Boden senkt. Dort ist Post der offenbar letzten Wochen auf einen Stapel geworfen – so als wäre der Empfänger schon einige Zeit nicht mehr an diesem Ort gewesen. Was hier nicht vorhanden ist, ist mehr als nur die Abwesenheit einer Person, die sich eben in beschriebenem Poststapel manifestiert. Es ist die Abwesenheit einer originären künstlerischen Handschrift, die Verweigerung derselben bis hin zur Abgabe der Produktion an eine anonyme Gesellschaft, die sich jedoch durch das Lesen der Absender schlussendlich genau definieren ließe. Die beiden Däninnen, die sowohl gemeinsam als auch jede für sich ihrer konzeptuellen Kunstproduktion widmen, beschreiten mit “All the best” einen künstlerischen Weg, der sich intensiv damit auseinandersetzt, wer als Produzent oder Produzentin eines Kunstwerkes überhaupt infrage kommt, wo die Grenzen von Kunst anzusetzen sind und auch welche Bedingungen ein Kunstwerk als solches überhaupt erkenntlich machen.

Die wohl vergnüglichste und zugleich auch extrem anregende Videoarbeit von Pilvi Takala, “The Trainee” aus dem Jahr 2008, die etwas mehr als 13 Minuten dauert, macht deutlich, wie sehr Arbeitsverweigerung das produktive System einer Firma ins Wanken bringen kann. Die 1981 Geborene ließ sich in der Marketingabteilung eines großen Unternehmens in Finnland einstellen und gab vor, dort für ihre universitäre Abschlussarbeit Studien durchzuführen. Dabei vermied sie allerdings jeden Kontakt mit einem Computer, setzte sich stundenlang, ohne sichtbare Produktivität, an einen zentralen Platz oder fuhr, ohne die Knöpfe zu betätigen, im Lift stundenlang auf und ab. Die jeweiligen Mitfahrenden wählten die Stockwerke und waren extremst irritiert ob der jungen Frau, die behauptete, sie könne im Fahrstuhl genauso gut denken wie in einem fahrenden Zug. Wie sehr die Künstlerin das soziale Gefüge zum Wanken brachte, ist in einem parallel gezeigten Emailverkehr zu lesen, der schließlich mit der Aufforderung endet, das Mädchen doch zu entfernen, da es offensichtlich psychische Probleme haben müsse. Hier kann als direkter Vorfahre jene Geschichte genannt werden, die Lekkerkerk in seinem kleinen Aufsatz zur Ausstellung angeführt hat. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte von Herman Melville mit dem Titel “Bartleby, der Schreiber” aus dem Jahre 1853. Dort ist es ebenfalls ein Büroangestellter, der von einem Tag auf den anderen jegliche Produktivität verweigert – bis hin zu letzten Konsequenz Nahrung aufzunehmen. Pilvi Takalas Interventionen im sozialen Raum kreisen stets um einen Positionswechsel der Wahrnehmung, welcher dabei neue Assoziationen und neue Erkenntnisse ermöglicht.

Zusammenfassend könnte man Viktor Buchers Projektraum derzeit als Ideenfabrik bezeichnen. Als Ort, in welchem Gedanken gebündelt auftreten, Ideen vorgeführt werden und zu weiteren Abenteuern – unter Umständen nicht nur im Kopf – aufrufen. Die Ausstellung macht deutlich, dass gute Kunst nicht zwangsläufig an eine materielle Produktion gebunden ist. Eine Ausstellung, für die völlig zu recht Lekkerkerk als Kurator verpflichtet wurde. Der Ball liegt jetzt bei Bucher, die gezeigten KünstlerInnen in Wien einem interessierten Publikum nahe zu bringen.

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