Zum Abschluss in die Vollen

Von Michaela Preiner

Noah Perktold, Florian Kohlbacher, Lisa-Maria Sommerfeld in „Anatol“ (Foto: Andrea Klem)

26.

Jänner 2017

Welches Stück suche ich mir aus? Für all jene, welche ihr Abschlussdiplom im Fach Regie vorbereiten, ist es DIE Frage schlechthin, denn: Ein unbekanntes Stück hat den Nachteil, dass man keine Ahnung hat, ob es genug publikumswirksam ist. Ein bekanntes Drama hat den Nachteil, dass es viele Regie-Vorbilder gibt, die man erst einmal zur Seite schieben muss.

S chnitzler ist in Wien ein Säulenheiliger, dessen Werke seit Erscheinen bis heute unzählige Male auf die Bühne gebracht wurden. Stefan Schweigert hat also mit seinem Entschluss, als Diplomarbeit „Anatol“ zu inszenieren, gleich in die Vollen gegriffen und damit ein „Alles oder Nichts“ provoziert. Mut kann man dem Jung-Regisseur, der am Max Reinhardt Seminar in der Klasse von Anna Maria Krassnigg und Martin Kusej studiert, nicht absprechen.

Beim Betreten des Theatersaales wird man von einem dumpfen, lauten Techno-Sound eingehüllt (Joshua Pfisterer, David Lipp), der Spannung im bereits abgedunkelten Raum verbreitet. Auf dem Bühnenboden liegt leicht schräg ein riesiger Korbluster. Einer jener kristallenen Statussymbole, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in keinem adeligen und bürgerlichen Ambiente fehlen durfte. Kurz nachdem das Spiel beginnt, wird ein lebloser Körper sichtbar. Die nackten Beine, eine helle Unterhose sind aus dem Bühnendunkel zu erkennen. Die beiden jungen Männer daneben befinden sich in Aufruhr. Einer von ihnen brüllt, der andere solle verschwinden, er würde den Rest erledigen. Dann geht das Licht aus.

In Artur Schnitzlers Schauspiel Anatol gibt es niemanden, der oder die in einer Szene offensichtlich tot am Boden liegt. Gleich zu Beginn seiner Inszenierung, für die Schweigert auch das Bühnenbild gestaltete, wird klar, dass Anatols Liebesabenteuer hier einen neuen Twist erfahren. Ganz einer guten Dramaturgie verpflichtet, wird das Rätsel auch aufgelöst, allerdings erst im allerletzten Bild.

Dazwischen liegen Szenen, die Schnitzlers Text im Originalwortlaut übernehmen, aber auch solche, die gekürzt oder überarbeitet wurden. Weiß und schwarz sind die Kostüme von Anatol (Christoph Kohlbacher) und Max (Noah Perktold). Der Mode nach zu urteilen, scheinen sie aber auch aus zwei unterschiedlichen Jahrhunderten zu stammen. Max, ganz in Schwarz, mit ebensolcher Glitzerweste ausstaffiert, wird später auch in Zylinder und mit Gehstock auftreten. Mit dieser Figur spannt der Regisseur den Bogen vom Heute zur Entstehungszeit des Dramas. Immer wieder konterkariert Max mit seinen Auftritten die höchst zeitgeistig angelegten Szenen, in welchen Anatol mit seinen jeweiligen Freundinnen agiert. Einzig der Kristall-Luster, der nach dem ersten Bild langsam nach oben gezogen wird, aber bedrohlich knapp über den Köpfen des Ensembles hängen bleibt, ist ebenso aus der Zeit gefallen wie Max selbst. Wohl kann man sich unter diesem Eliten-Status-Monster nicht fühlen, doch das scheint beabsichtigt. Die vorgeblich heile, bürgerliche Welt, in der Anatol zuhause ist, sie ist für ihn zugleich eine permanente Bedrohung.

Florian Kohlbacher „Anatol“ (Foto: Andrea Klem)

Stefan Schweigert belässt Schnitzlers Akteinteilung größtenteils, lässt nur „Denksteine“ und „Agonie“ weg und ersetzt „Weihnachtseinkäufe“ durch „Süßes Mädel“.
In der „Frage an das Schicksal“ bleibt die Regie noch nahe am Original und lässt Cora (Eva Dorlass) in hypnotischen Schlaf versinken. Auch die „Episode“, in der die Zirkusartistin Bianca (Emilia Rupperti) Anatol, der meint, er sei ihre große Liebe gewesen, nicht wiedererkennt, bleibt am Schnitzler-Text. Wie sich Anatol am Ende der Szene davonstiehlt, beschämt ob seiner Niederlage, deckt sich ganz mit der Idee des Autors.

Als jedoch Fritzi Paula Kroh das „Süße Mädel“ mimt, über das im Urtext nur gesprochen wird, darf man hellhörig werden. In einem wunderbaren Umkehrschwung beleuchtet Schweigert Anatols Affäre mit einem Mädel aus der Vorstadt nicht bei einem Weihnachtseinkauf mit Gabriele aus reichem Haus. Vielmehr spielt ihm in dieser berührenden und witzigen Szene sein „Süßes Mädel“ vor, wie denn eine Dame der Gesellschaft über ihresgleichen denke. Wie Kroh dabei mit einem roten Strumpf und kleinen Arm- und Handbewegungen besagte Dame zu imitieren beginnt, wie sie zart und zerbrechlich in ihrem zerschlissenen Nachthemdchen an Anatols Beinen hängt, um ihn nicht zu verlieren, berührt sehr. Fritzi Paula Kroh darf in diesem schwierigen Auftritt in allen Emotionsfacetten glänzen. Dass sie erst im zweiten Studienjahr ist, möchte man kaum glauben.

Das „Abschiedssouper“ spielt sich in einem höchst zeitgeistigen Club mit laut dröhnendem Sound ab, der zum Teil überbrüllt werden muss. Ein Kellner mit nacktem Oberkörper, engen Hosen und hohen Plateauschuhen wird gratis mitgeliefert. Bald schon stellt sich diese Szene mit Lisa-Maria-Sommerfeld in der Rolle der Annie als schauspielerischer Höhepunkt des Abends heraus. Vor sieben Jahren schloss Stefanie Reinsperger ihr Studium am Max Reinhardt Seminar ab und rutschte nahtlos in eine beinahe beispiellose Karriere. Wenn Sommerfeld auch die kommenden Rollen nur annähernd so gut spielt wie ihre Annie, dann sollte einer ähnlichen Karriere nichts im Wege stehen. Dass ihr die Regie dabei einiges abverlangt, darf sie schon einmal als unglaubliche Leistung mit auf ihren weiteren Berufsweg mitnehmen. Ihr Outfit – ein schwarzes Korsett aus dem ihre Brüste heraushängen, die Brustwarzen kreuzweise mit neon-grünem Klebeband verdeckt, schwarze Strümpfe am Strumpfgürtel fixiert und eine riesige schwarze Feder am Kopf – präsentiert sie als vulgäre, zugleich aber auch höchst sinnliche Frau, die weiß, was sie möchte und die vor allem nicht vergessen hat, dass ihr Anatol von Anbeginn ihrer Beziehung keine Treue versprach. Wie sie sich mit Spott und Hohn an ihrem Liebhaber rächt, ihm mit ganzem Körpereinsatz Sekt und Rum ins Gesicht schüttet, wie sie immer wieder vors Publikum tritt und dieses mit wenigen Gesten zu ihrem Verbündeten macht, hat große Klasse. Und auch, dass sie am Szenenende das letzte Wort hat, tut richtig gut. Anatol und Max wirken gegen sie wie kleine, blutleere Marionetten.

Bis hier wurde schon klar, dass Schweigert ein Hauptaugenmerk in seiner Inszenierung auf die psychologische Nachvollziehbarkeit seiner Figuren legte. Und tatsächlich kann man sich schwer denken, dass Annie die Enthüllung, dass Anatol sie permanent betrogen hat, einfach ohne Widerrede auf sich nimmt und leidet, ober beleidigt agiert. 

Anatol am Max Reinhardt Seminar (Fotos: Andrea Klem)

Im dunklen Übergang zum letzten Bild, aus dem sich rhythmisch, wie auch die Szenenwechsel zuvor, ein Herzschlagpochen heraushören lässt – kriechen zwei Gestalten in den wieder zu Boden gesunkenen Luster. In „Anatols Hochzeitsmorgen“ kommt nicht – wie zu erwarten – Ilona aus dem warmen, gemeinsamen Bett. Vielmehr überrascht Jean (Lukas Haas) das Publikum. Jener Kellner, der beim Abschiedssouper zuvor die Speisen und Getränke servierte. Es reicht, dass Schweigert hier eine Umkehrung der Geschlechter ins Geschehen bringt, um eine Neuinterpretation vorzuführen, Text muss er dabei keinen verändern. Die Tatsache, dass Anatol sich hier von einer anderen sexuellen Präferenz zeigt, liefert eine plausible Erklärung zu seinen vielen, wechselnden Affären ohne den Wunsch, bei einer Frau zu bleiben und kulminiert schließlich in einem letalen Ende. Im brutalen Gerangel mit Jean, der Anatol nicht zu seiner Hochzeit entlassen möchte, kommt es schließlich zum Totschlag von Anatols Liebhaber, bei dem ihm Max hilft. Der psychologisch geschickt bis zum Ende durchgedachte Turnaround, der Anatol bisexuell zeigt, könnte beim Nach-Denken auch vor Max nicht Halt machen. Die Tatsache, dass Anatols Langzeitfreund ihm auch in dieser Situation zur Seite steht, lässt darauf rückschließen, dass Max wohl mehr als nur eine lapidare Freundschaft mit Anatol verbindet.

Stefan Schweigert gelingt durch die Umbesetzung einer Frauen- in eine Männerrolle nicht nur eine Aktualisierung des Geschehens. Er schafft es auch, dabei nur einen einzigen Satz in das Drama einfügen zu müssen – nämlich den gebrüllten Befehl von Max an Anatol, nach dem Todschlag zu verschwinden – und den kleinen Beisatz, dass er sich um den Rest kümmern würde. 

Ein Theaterabend, der zeigt, dass es mit Intelligenz möglich ist, trotz Texttreue durch eine andere psychologische Deutung der Figuren die Handlung zu einem neuen, unerwarteten Ausgang hin zu treiben. Neben einer genauest getimten und schlüssigen Personenführung und einem beeindruckenden Bühnenbild, ist dies das Hauptargument für eine gelungene Inszenierung. Unser Urteil: Stefan Schweigert hat alles riskiert und dabei auch alles gewonnen. Gratulation!

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