Am Land wird`s gefährlich

Von Michaela Preiner

Freiheit von Volker Schmidt (Foto: Igor Ripak)

23.

September 2017

Der Blumenhof, eine still gelegte Industrielocation im zweiten Bezirk, gebaut 1875, als Wien in einer wirtschaftlichen Aufbruchstimmung war, wird in der neuesten Produktion der new space company zu neuem Leben erweckt.

Ein Haus am Land aus dem 16. Jahrhundert soll der Blumenhof dabei sein. Ein Landhaus, in dem sich eine Patchwork-Familie Freunde übers Wochenende eingeladen hat.

Tatsächlich war der Backsteinbau in seiner letzten Funktion eine Werkstätte. Schwere, metallene Flaschenzüge gleich beim Eingang erinnern noch an diese Zeit. Und eine zweistöckige Konstruktion aus Eisentraversen und Holzböden künden von einem ehemaligen Lager.
Neu dazu kam der Anbau einer Holztreppe und ein kleiner Catwalk mit einem Vorplatz, auf dem sich die Freunde während der Aufführung häufig treffen. (Bühne und Kostüme Johannes Weckl) Marc und Nana, ein unverheiratetes Paar, Marcs Tochter Anja und Joy, eine Freundin von Nana (Veronika Glatzner in Hochform), sowie Sebastian finden sich ein, um ein Wochenende abseits vom städtischem Trubel und Arbeitszwang zu erleben.

Zwei Paare und ein Teenager

Alle, bis auf die 16-jährige Anja (Maresi Riegner hat die Sympathien auf ihrer Seite), begeben sich aus bestimmten Gründen in diese Situation. Nana hat ihre Freundin Joy (Nancy Mensah-Offei pendelt zwischen mondän und sturzbetrunken) eingeladen, um jemanden zum Reden zu haben. Die Beziehung zu ihrem Partner Marc steht auf der Kippe.

Joy wiederum folgt der Einladung gerne, denn sie braucht ein wenig Abstand von ihrer zukünftigen, aber jetzt schon eifersüchtigen Ehepartnerin. Sebastian (Daniel Wagner als Künstler auf Beuys Spuren) möchte Marc sein neuestes, künstlerisches Projekt nahebringen, damit sein Freund ihm im Stadtparlament mit Subventionen dafür hilft. Marc wiederum freut sich über die Gesellschaft von Sebastian, denn seit Nana im 2. Monat schwanger ihr Kind verlor, ist einiges in der Partnerschaft aus dem Lot geraten. Sami Loris schafft in dieser Rolle den Spagat zwischen treu sorgendem Vater und entnervtem Partner glaubhaftest.

Freiheit von Volker Schmidt (Foto: Igor Ripak)

Volker Schmidt, Autor, Regisseur und Leiter der new space company, nahm in seinem neuen Stück „Freiheit“ Anleihen bei Tschechov, nicht nur, was das Surrounding in einem Haus am Land betrifft. Vor allem ist es die nachvollziehbare, psychologische Behandlung seiner Figuren, die ihm gut gelungen ist und die durchaus mit dem russischen Großmeister der Seelenschau mithalten kann. Die hysterische und egozentrische Nana setzt mit ihren Panikattacken nicht nur ihren Partner Marc unter Druck. Sebastian, dem sie von einer früheren Affäre noch sehr zugeneigt ist, fühlt sich selbst im Leben hin- und her gebeutelt. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen Material“, zitiert er an einer Stelle in Abwandlung Adornos berühmtesten Satz, um, als ihm der Beifall aller gewiss ist, hinzuzufügen, dass ihm dieser Gedanke gerade eben gekommen sei.

Probleme, wohin man schaut

Bis auf den freischaffenden Künstler, der sich zwar bitter über die Kapitalisierung der Kunstproduktion beklagt und eine Lanze für das Nichtstun bricht, sonst aber durchaus seine Berufserfüllung gefunden hat, haben alle Figuren Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Der Frust, der tagsüber noch durch Hausbesichtigung, Spaziergänge und Marmeladeeinkochsessions verdeckt werden kann, bricht abends, unter zu viel Alkoholgenuss, ungehemmt aus den jungen Menschen heraus. Dabei eskaliert ein Streit zwischen Joy und Marc sosehr, dass Anja schließlich zusammenpackt und das Weite sucht.

Schmidt beackert in den Gesprächen der Freunde so manches aktuelle, sozio-kulturelle Feld der middleclass. Er behandelt die vegane Welle genauso wie die persönliche, zeitliche Ausbeutung, die ein Stadtpolitiker zwangsläufig erlebt. Er zeigt das Spannungsfeld von Menschen wie Joy auf, die sich wegen ihrer dunklen Hautfarbe einem erzwungenen, erhöhten Erklärungsbedarf zur Verteidigung ihrer Lebensentwürfe ausgesetzt sehen.

Schmidt lässt tief in Nanas Persönlichkeit blicken, die zwar verzweifelt einen Anker in ihrem Leben sucht, sich aber auch rasch angeödet fühlt. Auch die Gefühle von Anja, das erste Aufkeimen von Verliebtheit und ihre Rebellion gegen das Leben der Erwachsenen wird thematisiert. Sie ist es auch, die offen ausspricht, dass sie selbst mit Freiheit wenig umzugehen weiß, was prompt Joys Widerstand weckt. Nur jemand, der in Überfülle lebe, könne so etwas behaupten, ist deren Einstellung zu dem Thema.

Freiheit von Volker Schmidt (Foto: Igor Ripak)

Ein amüsantes, zeitgeistiges Kammerspiel

Das höchst intensive Spiel aller Beteiligten, zum Teil zwischen dem Publikum, überzeugt genauso wie das rasante Tempo, mit dem Schmidt seine Geschichte vorantreibt. Der Aufführungsort schmiegt sich wie eine stimmige Haut rund um die zwischenmenschliche Auseinandersetzung und spiegelt mit seiner Industriearchitektur die kühle Grundstimmung, in die sich die Freunde selbst hineinmanövrieren. Durch ein zum Teil nicht einsehbares Obergeschoß und eine eingezogene Holztür bietet der Blumenhof zugleich reichlich Rückzugsmöglichkeiten, was die Szenenwechsel erleichtert.

„Freiheit“ ist ein höchst zeitgeistiges, satirisches Kammerspiel, in dem die Beteiligten zwar verzweifelt nach einem Ausweg aus ihren Dilemmata suchen, Lösungen aber noch nicht in Sicht sind. Trotz der angesprochenen Problemfelder wartet der Text mit einer großen Portion Humor auf, der so manche bittere Pille leichter verdaulich macht.
Infos zu weiteren Aufführungsdaten auf der Homepage der new space company.

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