Elektra geht auch schräg

Von Michaela Preiner

„Elektra“ im Schauspielhaus Wien (Foto: Matthias Heschl)

01.

Jänner 2018

Elektra als Silvestervorstellung? Schräg, oder? Die Fragen sind legitim, wird im Theater doch gerne die Usance gepflegt, am 31. Dezember leicht verdauliche Kost auf der Bühne zu kredenzen.

Jakob Suske (Musik und Regie) und Ann Cotten (Text) jedoch schufen mit ihrer Elektra-Inszenierung am Schauspielhaus Wien das Kunststück, das familiäre Generationendrama der Tantaliden oder auch Atriden in einer elektronischen Kammeroper unverkrampft, jung, modern und mit jeder Menge Witz zu präsentieren.

Das Grundkorsett war dem einer musikalischen Revue angepasst. Kurze Dialoge wechselten mit jeder Menge solistischer, musikalischer Einlagen, aber auch einem Duett ab. Mirella Kassowitz agierte dabei im Fenster des ersten Stockes eines schnörkellosen Hauskonstruktes als Chor und DJ zugleich. (Bühne und Kostüm Patricia Ghijsens) In comicartig gebauten Szenen, mit bewusster C-Promi-Spielweise und dünnen Stimmchen reizte das Ensemble immer wieder die Lachmuskeln des Publikums. Dennoch wurde zugleich jede Menge an Infos beinahe subkutan vermittelt. Sowohl was die Familienkonstellation des mykenischen Geschlechtes anlangt, als auch solche über Rechts- und Staatsutopien.

Die leider von der linken Saalseite aus schwer einsehbare Innenausstattung des Wohnraumes zeigte, je nach Szene, den Frühstücksraum des Königspaares Klytaimnestra (Sebastian Schindegger) und Ägisth (Vassilissa Reznikoff), ihr Büro oder die karge, bäuerliche Küchenausstattung von Elektra, Klytaimnestras aufs Land verbannter Tochter. Die Kostüme und die Haartracht – aufgeklebte Backenkoteletten der Männer und eine zopfgedrehte Aufsteckfrisur – siedelten das Geschehen in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts an.

Sophia Löffler und Jesse Inman in „Elektra“ im Schauspielhaus Wien (Foto: Matthias Heschl)

Orest, Klytaimnestra-Sohn (Jesse Inman), kehrt nach seiner Flucht zu seinem Onkel, der ihn in Amerika aufnahm, nach Mykene zurück. In Harvard ausgebildet, verfolgt er neoliberale Ansätze und hat die Idee, die Hühnerhaltung in dem Land seiner Vorväter zu revolutionieren und so größtmöglichen Profit zu erreichen. Seine Schwester Elektra (Sophia Löffler), in die er sich in dieser Inszenierung verliebt, verfolgt hingegen die traditionelle Ackerbau- und Viehzuchtmethode und warnt vor jeglicher Überdimensionierung. Sie stachelt ihn im Suff an, ihre gemeinsame Mutter aus Rache am Tod des Vaters Agamemnons umzubringen. Allerdings vergeblich. Die Fäden der Macht im Staat zieht Ägisth, der darauf bedacht ist, keinerlei familiäre Verstrickungen außerhalb seines unlegitimierten Verhältnisses mit Klytaimnestra aufkommen zu lassen. Wie Klytaimnestra ist auch er durch Mord und Inzest in seiner Familie vorbelastet.

Cotten, die unterschiedliche literarische Elektra-Lesarten quer über die Jahrtausende in ihrem Stück verarbeitet, schreibt Ägisth eine ganz eigene Rolle zu. Er ist ein starker Verdränger, den jedoch seine belastete Familiengeschichte immer wieder einholt, wenngleich er – in dieser Inszenierung von der Ermordung durch Elektra selbst verschont – auch noch im Alter hofft, ein neues Leben ohne diesen psychischen Ballast beginnen zu können.

„Elektra“ im Schauspielhaus Wien (Foto: Matthias Heschl)

Die Musik ist, bis auf kurze Opernzitate, relativ einfach gestrickt und folgt in den meisten Fällen leicht fassbaren Strukturen, die auch von ungeübten Stimmen bewerkstelligt werden können. Elektronischer Sound aber auch Orgelklänge unterfüttern dabei die Texte wie der Holzhack-, der US-Arie und anderen, in welchen sogar die Düngemethoden von Gemüse besungen werden.

Alleine das zeigt, dass sich das Duo Suske/Cotten dem historischen Stoff völlig unverkrampft annäherte und damit ein junges Publikum erreichen kann, das mit der einschlägigen Literatur von Sophokles, Aischylos, Euripides bis herauf zu Sartre wenig anzufangen weiß. Auch die Hosenrolle, in welcher die zarte Vassilissa Reznikoff als Orest auftritt und ihr Gegenpart Sebastian Schindegger, der in Travestiemanier als groß gewachsene Klytaimnestra agiert, tragen dazu bei, wenig Ernst beim letztlich doch tödlichen Spiel aufkommen zu lassen.

Wer mag, delektiert sich an den Deklinationen vom Auf- und Absteigen von Machtverhältnissen und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Bevölkerung von Mykene. Wer sich eher für die emotionalen Beweggründe der Menschen interessiert – ihre Rachegelüste oder auch ihre Bereitschaft zu vergeben, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Einzig der musikalische Output muss als solcher gesehen werden, was er ist: eine adäquate, zeitgeistige Begleitung einer trashigen Inszenierung, bei der das menschliche Scheitern in vielen Facetten fröhlich zelebriert wird.

Weitere Termine auf der Seite des Schauspielhauses.

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