Ein gottloses Oratorium

Lydia Steier gastierte mit Händels Oratorium Jephta, uraufgeführt 2013 an der Potsdamer Winteroper, bei den Wiener Festwochen. Eine dramatische Uminterpretation mit einem grandiosen Ensemble und einem wunderbaren Orchester unter der Leitung von Konrad Junghänel.

Der Saal füllt sich, das Publikum sucht seine Sitze links und rechts in den Reihen auf, die seitlich eines mehreren Meter langen Katheders aufgestellt wurden. Ausgestattet ist er mit Büchern. Auf den mit grünem Samt bezogenen Schemeln davor nimmt eine Klasse Pubertierender Platz. Kurze Cordhosen für die Jungs, karierte Röcke für die Mädchen. Hemden und Pullunder mit dem Insignium J., daraus besteht ihre Schuluniform. Naturwissenschaftliche Präparate auf zwei Stellagen lassen auf eine Biologiestunde rückschließen. Das Foto eines Gehirns prangt über allem Mobiliar.

Lydia Steier, in Deutschland 2009 als Regieentdeckung des Jahres apostrophiert, versetzt die Szenerie von Georg Friedrich Händels Oratorium Jephta kühn in ein College ins England der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zu erraten ist das Datum nur aufgrund der technischen Ausstattung, denn ein Overheadprojektor, der zum Einsatz kommt, erreichte in dieser Zeit, vor dem flächendeckenden Einsatz von PCs und Beamern, seine größte Verbreitung. Das Publikum ist von Beginn an Teil der Szenerie, nur eben nicht in der ersten Reihe platziert. Die ist besetzt von lärmenden und Schabernack treibenden Jugendlichen. Bis ein älterer Herr im Tweedanzug, mit Brille und Stock den Saal abschreitet und diesen in Augenschein nimmt. Ein Professor, das ist klar. Christian Ballhaus hat diese Rolle inne, der auch als Sprecher auf Deutsch das Geschehen, wenn es allzu undurchsichtig wird, erklärt. Händels Text wird im englischen Original gesungen. Ballhaus wird am Ende des Stücks auch als Psychologe, als personifiziertes Gewissen, als Geist, der sich gegen Verblendung und Gewalt auflehnt oder Über-Ich auftreten und dämonisch grinsen.

Ein Oratorium in einer zeitgenössischen Neuinterpretation

Steier, in den USA geboren und seit 2002 in Deutschland, stellt den Inhalt von Händels vorletztem Oratorium auf den Kopf, denn aus dem christlich konnotierten Werk wird ein profanes Lehrstück in Sachen Macht, Treue und Liebe. Bis kurz vor Ende deutet nicht viel darauf hin, dass die Regisseurin Gott als letzte moralische Instanz aus dem Geschehen verbannt. Und sie muss dafür den Schluss des Librettos von Thomas Morell aus dem 18. Jahrhundert auch zurechtbiegen. Zuvor verknüpft sie jedoch das alttestamentarische Geschehen um Jephta, den siegreichen Helden gegen die Ammoniter, gekonnt mit einer Seminarszenerie in einem alten Hörsaal. Sie lässt den Chor zu Beginn dem Helden zujubeln, ihn später anklagen und schließlich verdammen. Doch bis es soweit ist, zitiert sie in einem Bild den „Club der toten Dichter“, in dem Robin Williams einen charismatischen Lehrer spielte.

Storge, die Frau Jephtas und Mutter von Iphis, wird von der schwedischen Altistin Maria Streijffert gesungen. Ihr verwandtschaftliches Verhältnis zu ihrer Tochter zeigt sich durch dieselbe rote Haarmähne. Nach dem Schwur ihres Mannes, sollte er im Krieg siegreich sein, würde er den ersten, den er in seiner Heimat erblickt, opfern, hat sie eine Vision. In dieser taucht Iphis anstelle eines Skellettpräparates in einem gläsernen Kasten mit halb verbrannter Wange auf. Diese grausige Erscheinung wird letztlich nur noch von jener Szene getoppt, in der Jephta, seinem Schwur folgend, seine Tochter auf grauenhafte Art und Weise ermorden will. Seine inneren Kämpfe, sein Ringen um einen Ausweg hat er zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen. Der Tenor Lothar Odinius ist nicht nur stimmlich der schwierigen Partie gewachsen, sondern auch ein hervorragender Schauspieler. Dabei muss er sich auch in einigen Arien in der Baritonstimmlage bewähren und tut dies kongruent zu seinem seelischen Reifeprozess. So hell und klar er zu Beginn seine Stimme einsetzt um aufzuzeigen, wie siegessicher er in die Schlacht zieht, so dramatisch und voll wird sein Timbre als er von seinen Kriegsgräueln berichtet. Man glaubt ihm seine Zerrissenheit und spürt in jener Szene, in der alle um ihn herum um das Leben seiner Tochter betteln, wie er sich von Minute zu Minute einen größeren Panzer zulegt, um seinem Schwur treu bleiben zu können. Die exzellente Regie, die nicht nur mit einem großen, neuen Plot aufwartet, sondern auch die einzelnen psychologischen Komponenten der Figuren scharf herausarbeitet, unterstützt ihn dabei kräftig.

Zebul, Jephtas Bruder, wird bei Steier zum zweiten Lehrer, der das Geschehen weitaus weniger emotional begleitet. Raimund Noltes Bassbariton hat ein so wunderbares Timbre, dass man ihn gerne öfter hören möchte als es die Rolle ihm vorschreibt. Seine ungewöhnliche Biografie weist neben der erst späteren Gesangsausbildung auch ein Mathematik-, Schulmusik- und Violastudium aus.

Katja Stuber und Magid El-Bushra bezauberten in jedem Augenblick

Mit überschwänglichem Applaus zu Recht bedacht wurden Katja Stuber in der Rolle von Iphis und Magid El-Bushra, der die Countertenorrolle von Hamor, ihrem Bräutigam sang. Beide vereinen das, was von herausragenden Sängerinnen und Sängern heute verlangt wird: Brillante Stimmen, sowie die Fähigkeit, die Rollen schauspielerisch einwandfrei wiederzugeben. Man kann sie als Idealbesetzungen in dieser Inszenierung ansehen, denn es gelang ihnen, die Unverbrauchtheit der jugendlichen Seelen, ihr Aufbegehren gegen das von ihnen Erwartete und die Sehnsucht der ersten großen Liebe herausragend darzustellen. Stuber hat die seltene Fähigkeit, ihre Mimik innerhalb weniger Sekunden während des Singens den inhaltlichen Anforderungen anzupassen. Man meint, Gesang sei ihr natürliches, kommunikatives Ausdrucksmittel. Ihre Arie „Tis well tune the soft melodious lute“ in der sie den festlichen Empfang für ihren Vater zum Ausdruck bringt, gehört in Verbindung mit der zarten Flötenmelodie zum Schönsten, was dieses Oratorium musikalisch zu bieten hat. Magid El-Bushra meistert die Koloraturen in seinen Auftritten mit Leichtigkeit und zeigt auf, wie natürlich die Stimmlage eines Counternors empfunden werden kann, wenn das Setting, in diesem Fall die Verkörperung eines Jugendlichen, dazu passt.

Es sind neben der musikalischen Umsetzung die dramatischen Elemente, die in dieser Aufführung restlos überzeugen. Steier lässt das Kriegsgeschehen durch die auditive Einspielung eines Flugzeugangriffes mit Bombenabwurf hör- und fühlbar machen, so stark wirken die ausgelösten Schallwellen auf den Körper. Sie unterstreicht Jephtas Bitte, die Engel mögen seine Tochter sanft in den Himmel tragen, durch eine hauchzarte Projektion von ziehenden Wolken ätherisch schön und dehnt jene Szene, in welcher der Vater Hand an Iphis legt, um sie zu töten, schier unendlich. Obwohl man sich dessen bewusst ist, dass das Schreckliche nicht ausgeführt werden wird, möchte man doch gerne das Geschehen abkürzen. Zu grausam sind die Bilder, die hier gezeigt werden, zu emotional die Klagen durch Seufzen der Beteiligten, als dass man nicht davon betroffen wäre.

Steier bemüht die Orgel, um das Stück musikalisch zu dehnen

Die Neuinterpretation des Librettos setzt da an, wo Händel eigentlich das harmonische Ende vorbereitet. Jephta ist von der Offenbarung des Engels nicht überzeugt und glaubt an eine simple Verführung. Maria Skiba wird dazu von einem der beiden stummen Schergen, die zuvor als Schuldiener agierten, auf einem kleinen Wagen durch den Raum gefahren. In einer wilden Aktion zerrt der verzweifelte Vater das engelsgleiche Wesen zu ihm auf die Bühne und reißt ihm die Kleider und eine Perücke vom Leib. Tatsächlich kommt darunter ein Mädchen in Schuluniform zum Vorschein, Jephtas Bedenken haben sich bestätigt. Mehrmals noch stürzt er sich auf seine Tochter, um den Schwur zu vollenden. Ein Stück von einem Händel`schen Orgelkonzert wird dazu eingespielt, eingeppuzzelt, denn eine Partitur hierfür ist ja nicht vorhanden. Der Schluss, in dem, wie schon erwähnt, der Professor als Alter-Ego erscheint, wirkt zuweilen etwas lachhaft und an den Haaren herbeigezogen, dramaturgisch aber durchaus plausibel. Ein kleiner Vermouthstropfen, welcher der bis dahin schlüssigen Uminterpretation einen sanft-bitteren Beigeschmack hinzufügt. Das Gehirn als Sinnbild der Ratio, das über der Szenerie prangt, schreit nach seinem Recht und erhält es bei Steier auch.

Die direkte Nähe zum großartigen und überaus spielfreudigen Chor der Potsdamer Winteroper und den Sängerinnen und Sängern imitierte jene historische Aufführungspraxis, in der die Chöre ab der Renaissance in den Kirchen an unterschiedlichen Plätzen postiert waren. Dadurch wurde ein Dolby-Sourround-Effekt hervorgerufen, wie man dieses Klangphänomen verkürzt aber anschaulich zeitgeistig beschreiben kann. Im Gegensatz dazu war die Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Konrad Junghänel beinahe aus dem Geschehen ausgeblendet. Um die Musikerinnen und Musiker zu sehen, musste man sich von den Ereignissen bewusst abwenden. Vier kleine Bildschirme, hoch über den Köpfen des Publikums montiert, zeigten jedoch permanent den Dirigenten in Nahaufnahme.

Eine Inszenierung, die deutlich macht, dass konventionelle stilistische Mittel des Theaters wie unsichtbare Versenkungen, unerwartete Auftritte oder eine feine Lichtregie nach wie vor bestens funktionieren. Dennoch wirkt sie vor allem durch ihre intelligente Neuinterpretation äußerst zeitgeistig. Ein herausragendes Gastspiel, das die bisherige Programmierung der Wiener Festwochen ihrer Gastproduktionen positiv bestätigt. Schade nur, dass „Jephta“ in Wien nur zwei Mal aufgeführt wird. Die ausverkauften Vorstellungen deuten an, dass es auch mehr Publikum dafür gegeben hätte.

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