Egomanisch aber genial

Von Michaela Preiner

Ivo Dimchev (Foto: Ivo Dimchev)

16.

August 2017

 

Wer mit dem aus Bulgarien stammenden Künstler Ivo Dimchev schon einmal gearbeitet hat, weiß, dass Understatement nicht gerade sein Ding ist. Nicht in der Anzahl seiner in einem einzigen Festival angesetzten Performances, nicht in seinem Auftreten auf der Bühne, nicht in der Breite seiner Kunstproduktion. Impulstanz-Intendant Karl Regensburger, sein „Chef“ in Wien, wie ihn Dimchev gerne betitelt, meinte einmal, dass dieser ein sehr cleverer Verhandler sei. Und so ist es wohl. Kaum ein anderer Künstler war über die Jahre so oft bei dem Tanzfestival vertreten. Seit 2003, als er das danceWEB Scholarship erhalten hatte, zeigte er eine große Anzahl an Performances und Ausstellungen, hielt Workshops, präsentierte ein Buch und – seit vorigem Jahr – steht er auch mit jeweils einem reinen Musikprogramm auf der Bühne. „Impulstanz ist so etwas wie eine künstlerische Heimat für mich“, bezeichnete er seine Beziehung zum Festival-Team in Wien.

Ein Monsterprogramm

In diesem Jahr bestritt er nicht nur eine komplette, überbordende Performance-Serie in den Mumok-Stallungen zu je 8 Stunden an drei Tagen. Er schloss dieser eine eigene Ausstellung an, die auch als passendes, von ihm mitbespieltes Surrounding fungierte. Wer sich während diesen Aktionen einmal einklinkte, hatte Mühe, diese Events auch wieder zu verlassen, so spannend war es, den Künstler in seinem kreativen Flow zu beobachten. Außerdem waren die Performances mit dem Titel “Avoiding DeLIFEath” bestens dafür geeignet, Ivo Dimchev als einen Künstler kennenzulernen, für den es keine Grenzen gibt. Keine Grenzen, was die unterschiedlichen Kunstgattungen betrifft, keine Grenzen, was Zeit anlangt, keine Grenzen im Fordern seiner eigenen Kreativität. Dabei ließ er sich ohne Wenn und Aber auch auf Improvisationen mit den Musizierenden Didi Kern, Philipp Qehenberger und N.N. ein.

Im Halbstundentakt, stets von Assistenten streng überwacht, wechselte er zwischen seiner Rolle als Lehrer, Schreiber oder als Komponist, der just in der einen halben, dafür vorgesehenen Stunde einen neuen Song komponiert. Er malte „porn paintings“, gab Improvisationskonzerte auf seinem Piano, produzierte Musik Videos mit Publikumsbeteiligung oder bewerkstelligte physisch herausfordernde Interviews. Damit ist nicht nur die Bandbreite von Dimchevs künstlerischem Output beschrieben, sondern vor allem auch seine Energie, die schier grenzenlos zu sein scheint. Vielmehr erweckte er während dieser Sessions den Eindruck, durch diese permanente, künstlerische Herausforderung erst einen richtigen Kreativitätsschub erhalten zu haben. Streiken bei anderen Menschen ihre Batterien, laden sie sich bei Dimchev offenbar auf.

Aber diese Monsterserie reichte dem Künstler bei seinem diesjährigen Wienaufenthalt nicht. Er beendete das Impulstanz selbst mit einem Konzert im Volkstheater, bei dem er seine neue CD präsentierte.

Ivo Dimchev (Foto: ECN)

Fotos: European Cultural News

Ein Publikum von Kindesbeinen an

Ivo Dimchev muss man selbst erlebt haben. Vieles, was man über ihn schreiben kann, wird ihm nicht wirklich gerecht. So umgänglich, zuvorkommend und leise er sich bei einem Interview präsentierte, so gewaltig, mächtig, laut und vereinnahmend agiert er, wenn er auf der Bühne steht. Das Wort Rampensau müsste mit ihm im Zusammenhang erfunden werden, gäbe es dies nicht schon. Apropos Interview: Als er zum vereinbarten Termin nicht erschienen war, ortete man ihn friedlich, einen Mittagsschlaf abhaltend, im Schatten auf der Wiese hinter dem Kunsthistorischen Museum. Einen eigenen Kopf hat der Mann sogar bei der Wahl seiner mittäglichen Ruhestätte.

Geboren und aufgewachsen in Bulgarien, entdeckte er schon als Kind seine Liebe zum Singen. „Wir sind, als ich noch ein kleiner Junge war, sonntags in den Park gegangen. Da habe ich dann gesungen und die Leute haben sich gefreut, mir dabei zuzuhören.“ Offenbar gab es keine Zeit in Dimchevs Leben, in der er nicht schon im Rampenlicht stand. Heute umso mehr, fällt der queere Künstler doch mit seiner großen, athletischen Gestalt auch ohne Bühnenoutfit auf. Den Kopf zum Teil rasiert, ziert diesen meist ein längeres Haarbüschel, das, je nach Bühnenshow, blond, schwarz oder auch in grellem Pink leuchtet.

Als Performer muss man alles können

Sein Leben spielt sich zwischen den Polen Musik, Performance und Unterricht ab, wobei ihm letzteres besonders großen Spaß macht. Dabei versucht er, seinen Studierenden beizubringen, dass es nicht das Womit ist, das einen guten Künstler ausmacht, sondern vielmehr das Wie. Das Wichtigste, das er dabei vermitteln möchte, ist Vertrauen ins eigene Tun, seine eigene Kreativität zu entdecken und zu verwenden. Und auch, dass man sich, wenn man in diesem Bereich überleben will, alles selbst organisieren muss. Von den Kostümen über das Licht bis hin zum Sound. Idee, Regie, Choreografie und Dramaturgie selbstverständlich miteingeschlossen.

Performances, das Feld, in dem Dimchev tätig ist und lehrt, zeichnen sich nicht gerade dadurch aus, dass die Kunstschaffenden reichlich für ihre Arbeit entlohnt werden. Und so gesehen ist die Ausbildung, die seine Schülerinnen und Schüler von ihm erhalten, auch so etwas wie eine Anleitung zum Überleben im Kunstdschungel. Der auf der Bühne extrem exzentrische Performer liebt Opernmusik, aber betitelte dieses Genre einmal als Mumie. „Eine Oper ist eine Mumie, zwar eine schöne, wunderschön anzusehen sogar, aber dennoch eine Mumie, an der nichts mehr lebt“. Deswegen wagte er sich selbst an diese Kunstgattung und präsentierte 2016 mit großem Erfolg Operville. Seine persönliche Auffassung von zeitgenössischer Oper.

Obwohl seine Auftritte minutiös durchgeplant sind, setzt er auch auf Spontaneität. Oft hat man bei ihm den Eindruck, dass er sich bei seinen Shows, vor allem wenn er singt, komplett wegbeamen kann. An einen Ort, in dem die Gefühle regieren. An einen Ort, der mit tiefer Trauer besetzt ist, gegen die er sich aber immer und immer wieder auflehnt.

Ivo Dimchev (Foto: Ivo Dimchev)

Das Publikum liebt seine Songs

Eine CD zu machen und ein Konzert zu geben schien Dimchev lange Zeit unmöglich. Für zu natürlich, zu einfach, zu banal hielt er seine Songs. Komponiert in Rekordzeit, zwischen Tür und Angel, Text und Musik manches Mal sogar zugleich kreierend, hielt er sie nicht für so überragend, dass er damit einen ganzen Abend füllen sollte. Und doch tat er dies das erste Mal schon im Vorjahr bei Impulstanz mit einer One-Man-Show mit musikalischer Begleitung. In diesem Jahr setzte er noch eins drauf und kreierte eine eigene Bühnenshow mit zwei Tänzern und zwei Tänzerinnen. „Ich weiß gar nicht warum, aber die Leute wollen meine Songs immer wieder und wieder hören. Dabei ist das, was ich in ihnen besinge, ja ziemlich banal. Es geht immer um Liebe und um Herzschmerz. Aber es ist auch das, was alle Menschen kennen.“

Tatsächlich produziert Dimchev keine Lalalala-Songs in denen Friede, Freude, Eierkuchen besungen werden. Meist hängt er einer verflossenen Liebe nach, fleht seinen Lover an, ihn nicht zu verlassen oder träumt von dem einen, der irgendwann einmal kommen wird. In “sculptures” ist wiederum Franz West gewidmet und beschreibt ganz prosaisch einen Arbeitstag des Künstlers. Sein Sound ist bei seinen Performances oft von der einfachen Begleitung seines kleinen, tragbaren E-Pianos geprägt. Auf der Bühne, im Rahmen eines Konzertes, übernimmt diesen Part für gewöhnlich Dimitar Gorchokow, Justin Kantor begleitete ihn in diesem Jahr am Cello. Blieb im Vorjahr der so typische Dimchev-Sound noch recht pur erhalten, wurde heuer  eine zusätzliche Soundmischung verwendet, die eine zum Teil neue auditive Qualität erzeugte. Der große Unterschied jedoch war die Show selbst, für die sowohl er als auch seine Tanzenden sich in Superman-Unterhosen warfen. Rot lackierte Fingernägel, grell roter Lippenstift und lange Haare waren das Kennzeichen seines Ensembles. Bis auf die langen Haare agierte Dimchev lange Zeit im selben Outfit, um erst zur Halbzeit in kurze Jeans, Socken und Turnschuhe zu schlüpfen.

Sex, Sex, Sex

Die Choreografien beschäftigten sich beinahe durchgehend mit der Wiedergabe von stilisierten Sexualakten. Alleine, zu zweit oder alle gleichzeitig bewegten ihre Körper dementsprechend zu den durchgehend langsamen Rhythmen. DAS Dimchev-Thema auf der Bühne ist und bleibt Sex. Von der ersten bis zur letzten Minute. Spannend sind aber immer jene Augenblicke, in welchen der Sänger sich selbst ganz in seine Musik versenken kann. Ob durch sich stets wiederholende Bewegungen, oder ob allein durch seine Stimme, die einen enorm großen Tonumfang bereitstellt. In diesen Momenten, in denen er das Publikum zu vergessen scheint, schwappt eine geballte Ladung Kraft und Energie über die Bühne in den Saal, die man sonst nicht oft erlebt. Die Präsenz, die er dabei zeigt, haben tatsächlich nur wenige Performer, Tänzer, Sänger oder Schauspieler.

Damit einher geht natürlich auch eine große Portion Egomanie. Zu spüren ist sie auch immer wieder in seinen Moderationen, wie in Aussagen, dass alle aus seinem Ensemble austauschbar wären, außer ihm. Was bewusst einen Publikumslacher hervorruft, ist bitterer Ernst. In diesem Geschäft ganz besonders. Sein divenhaftes Gehabe setzt er zwar als bewusstes Stilmittel ein. Er ist sich seiner Ausstrahlung und seines Könnens aber auch sehr bewusst und kann, wenn seinem Perfektionstrieb nicht Rechnung getragen wird, auch eine andere impulsive Seite seines Charakters zeigen.

Ivo Dimchev polarisiert sicherlich. Entweder lehnt man ihn ab oder man ist ihm verfallen. Viele Stadien dazwischen scheint es nicht zu geben. Bei Impulstanz kann er auf alle Fälle immer mit einem treuen, ständig wachsenden Stammpublikum rechnen.

Fotos: European Cultural News

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